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Am 8. Juli 1952 wurde Walter Linse von der Stasi in West-Berlin entführt. Er entwickelte sich in der Folge zu einer Ikone für den Widerstand gegen die SED-Diktatur. 2007 publizierte ich eine Biografie, die zudem Linses Rolle im Nationalsozialismus thematisierte. Seitdem wird vor allem seine Beteiligung an der »Arisierung« in Chemnitz betont. Aber auch diese einseitige Betrachtung wird Linses Leben nicht gerecht: Beide Aspekte gehören zu seiner Biografie.
3.222 €
2.600 € Fundingziel
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39
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Projekt erfolgreich
06.03.18, 11:34 Dr. Benno Kirsch
Es ist schon eine ganze Weile her, dass meine Kampagne beendet wurde. Und nun ist es Zeit, kurz über den Stand der Dinge zu informieren. Nach dem Erfolg vom November tat ich erstmal – nichts. Ich ließ mich, was die Linse-Biografie anging, einfach hängen. Glücklicherweise gab es an anderer Stelle eine gewisse Dynamik: Der »Operative Vorgang« beim MfS, der sich auf den UfJ bezog, hieß »Ring«. (Als der Vorgang zu Linse ausgegliedert wurde, nannte man den »Doktor«.) Da 1945 ein gewisser Ernst Ring kurz Oberbürgermeister von Chemnitz war und sich in wenigen Tagen bei allen möglichen Leuten so unbeliebt gemacht hatte, dass jeder, der irgendwie mit ihm in Kontakt geraten war, sich von ihm und seinen Hochstapeleien distanzierte, wollte ich wissen, ob sich der Name des Vorgangs auf diesen Ernst Ring bezog. Ich sah die Unterlagen bei der BStU und im Bundesarchiv ein, um festzustellen, dass hier kein Zusammenhang bestand. Ernst Ring und Walter Linse hatten nichts miteinander zu tun. Der Fall Ring war aber so abenteuerlich, dass ich zwischendurch einen biografischen Aufsatz über Ring schrieb, der eigentlich in einer Zeitschrift erscheinen sollte. Eingereicht 2016, wurde mein Text »mit Handkuss« zur Veröffentlichung angenommen. Wegen irgendwelcher plausibler Finanzierungsschwierigkeiten wurde die Veröffentlichung auf 2018 verschoben. Der Artikel war Mitte 2017 schon gesetzt und mit vielen schönen Bildern aus dem Bundesarchiv versehen, als die Redaktion plötzlich meinte, ich solle die Kosten für die Bilder selber tragen. Da entschloss ich mich, den Aufsatz als Kleinschrift im Selbstverlag herauszubringen (bei epubli). Ich reduzierte die Zahl der Bilder und brachte 72 Seiten zum Druck. Auch wenn ich die Kosten nun trotzdem selber tragen muss, so bin ich am Ende doch zufrieden, weil ich die volle Kontrolle behalte, und weise mit verhaltenem Stolz auf die Ring-Biografie hin, die seit kurzem für kleines Geld im Buchhandel erhältlich ist. Als dieses Zwischenprojekt im Januar 2018 auf den Weg gebracht war, unterzog ich mich der Mühe der erneuten Lektüre meines Linse-Manuskripts. Wie erwartet, gab es unendlich viele Kleinigkeiten zu korrigieren. Aber am aufwendigsten war erwartungsgemäß die gründliche Überarbeitung eines Teils des Schlusskapitels, das ich in der bisherigen Form nicht mehr akzeptieren konnte. Durch meine Forschungen der letzten Jahre hat sich nämlich meine Einschätzung so stark verändert, dass meine Schlussfolgerungen inzwischen in Teilen grundsätzlich anders ausfallen. Hier steckte ich also noch viele Stunden Arbeit hinein – und hätte noch viel mehr investieren können, wenn ich nicht der Meinung gewesen wäre, dass irgendwann einmal Schluss sein müsse. Den perfekten Text – es gibt ihn, und ich werde ihn irgendwann vorlegen. Vielleicht am Sanktnimmerleinstag. Im Januar unterschrieb ich den Vertrag, Anfang Februar ging das Manuskript an den Herausgeber und an den Verlag. Die Unterstützer, die als »Dankeschön« ein Linse-Kärtchen gewählt haben, haben es erhalten, die, die im Vorwort erwähnt werden möchten, sind informiert worden. Im Moment kann ich nichts weiter tun als warten. Und sobald das Buch vorliegt, werde ich die bestellten »Dankeschöns« verschicken und mich an die Ausarbeitung eines Vortrages machen, ebenfalls ein »Dankeschön«.
21.11.17, 15:34 Dr. Benno Kirsch
Gestern ist meine Kampagne zur Finanzierung des Drucks der Neuausgabe meiner Linse-Biografie auf dieser Plattform zu Ende gegangen – erfolgreich, wofür ich dankbar bin und zufrieden und erleichtert. Mein Ziel war es, 2.600 Euro einzuwerben, erhalten habe ich 3.222 Euro – ein schönes Ergebnis. Allen Unterstützern sei nochmals herzlich gedankt. Der Dank bezieht sich ausdrücklich auf beide Formen der Unterstützung: die materielle wie die immaterielle, also ermunternden Zuspruch bei der Vorbreitung, ein »Like« bei Facebook oder das Kommentieren hier auf dem Blog. Jetzt frage ich mich natürlich, warum meine Kampagne erfolgreich war. Ich vermute, weil mein Vorhaben eingebettet war in eine »Geschichte« oder »Erzählung«, die denen, die mich unterstützten, bekannt war. Der Beginn meiner Beschäftigung mit Linse reicht ja schon einige Jahre zurück, und ich habe in diesem Zusammenhang immer wieder von irgendwelchen Ereignissen oder Erlebnissen berichtet. Unterstützt wurde ich hauptsächlich von Familie, Freunden und Bekannten. Interessant sind aber auch die mir nicht persönlich bekannten Unterstützer, die erkennbar nur das Buch besitzen möchten. Mein Kampagnenziel war ja schon früh erreicht, und nun denke ich, dass ich auch diese zweite Gruppe stärker hätte ansprechen können. Relativ viele von ihnen haben erst spät das Buch geordert. Spielte eine Rolle, dass ich in meinem Kampagnenblog, je länger die Kampagne andauerte, immer mehr auf Linse selbst zu sprechen kam? Hätte sich bei längerer Laufzeit eine größere Dynamik entfalten können? Meine nächsten Schritte stehen fest: Ich werde das Manuskript noch einmal gründlich durchgehen; vielleicht werde ich es mir Satz für Satz laut vorlesen, denn beim Einlesen der beiden Auszüge habe ich festgestellt, dass man dadurch sehr genau merkt, wo eine Formulierung holprig ist und durch eine bessere ersetzt werden sollte. Den »Dank im Buch« werde ich einarbeiten. Und wenn das Buch da ist, werde ich auch die Bücher verschicken und mich an die Ausarbeitung eines Vortrags (ebenfalls ein »Dankeschön«, einmal gewählt) machen. Die Kärtchen wird es natürlich schon früher geben. Ich habe übrigens einen zweiten Film zusammengeschnitten, der Material enthält, das nicht für den Trailer verwendet werden konnte. Fachleute nennen so etwas ganz allgemein »Outtake« oder, wenn es um eine misslungene Einstellung geht, »Blooper«. Ihn mache ich für einen kurzen Zeitraum der Öffentlichkeit zugänglich. Nach dem ernsten Thema scheint es mir nicht unangemessen, auch das nicht unwitzige Nebenprodukt zu zeigen. Wenn das den einen oder die andere zum Schmunzeln reizt, würde ich mich freuen. Hinweisen möchte ich außerdem auf einen Artikel in meinem persönlichen Blog , in dem ich eine Frage behandele, die nichts mit der Linse-Biografie zu tun hat, die mich aber ganz unmittelbar betrifft (und auch in eine »Geschichte« eingebettet ist). Ich denke, dass sie von grundsätzlicher Natur ist, weshalb sie angesprochen werden muss. Foto: Lance Grandahl on Unsplash
19.11.17, 16:24 Dr. Benno Kirsch
In einem »Archivradiogespräch« über den Fall der Verschleppung Walter Linses kommt der Jounralist Wolfgang Bauernfeind zu Wort. Bauernfeind war beim Sender Freies Berlin beschäftigt, wo er zuständig für das Ressort Feature war, und später beim Rundfunk Berlin-Brandenburg. Er hat letztes Jahr das Buch »Menschenraub im Kalten Krieg« veröffentlicht , in dem neben anderen natürlich auch der Fall Linse behandelt wird. Besonders attraktiv ist die 27-minütige Sendung, die über die Mediathek des SWR abgerufen werden kann , weil in ihr mehrere Tondokumente präsentiert werden. Man bekommt Auszüge aus den Reden von Ernst Reuter, Franz Amrehn und Linses Vorgesetzten »Dr. Theo Friedenau« (eigentlich: Horst Erdmann) bei der Protestkundgebung in West-Berlin zu hören, die zwei Tage nach der Entführung abgehalten wurde. Außerdem hört man einen Radiomoderator, der die Szene zu beschreiben versucht, als die Reden wegen der kommunistischen Störer unterbrochen werden müssen. Weiterhin kommen drei Augenzeugen der Entführung zu Wort, es gibt Auszüge aus einer Reportage über die Wasserpolizei, die auf der Havel Schwimmer und Ruderer warnt, sich der schwer erkennbaren Zonengrenze zu nähern. Und schließlich kann man einen Teil des Verhörs von Kurt Knobloch durch den Richter hören, als der 1954 wegen seiner Beteiligung an der Verschleppung Linses vor Gericht stand. Es lohnt sich, die Sendung anzuhören, denn man bekommt einen guten Eindruck von der Atmosphäre der Zeit und erhält darüber hinaus interessante Informationen über das Verbrechen an Linse. Die West-Berliner waren in Sorge, selber Opfer eines Menschenraubes zu werden, wie der Bauernfeind erläutert. Heute werden in Berlin Menschen nicht mehr von einem Sektor in den anderen entführt, aber in anderen Teilen der Welt ist das Problem des Menschenraubes weiterhin aktuell. Foto: Ditlev Petersen / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
17.11.17, 10:18 Dr. Benno Kirsch
Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich seinerzeit einen Publikationsort für mein Linse-Manuskript suchte. Recht früh wurde ich von einem Herausgeber einer Buchreihe auf ein grundsätzliches Problem aufmerksam gemacht, der mit dem Inhalt nichts zu tun hatte: Für ein »richtiges« Buch war der Umfang zu gering. Insofern kam es für die Reihe, auf die ich ihn angesprochen hatte, nicht in Frage. Allerdings war er zugleich Mitherausgeber einer weiteren Reihe , die bei der Stiftung Sächsische Gedenkstätten erschien: »Lebenszeugnisse – Leidenswege«, die vor allem Berichte von Zeitzeugen über ihre Verfolgungsgeschichte versammelte, aber auch wissenschaftliche Untersuchungen. Dem Vorschlag, das Manuskript für diese Reihe einzureichen, fand ich überzeugend. Nun, da ich das Manuskript auf den nicht ganz doppelten Umfang erweitert hatte, stellte sich dieses Problem nicht mehr. Meine Biografie Linses ist zu einem »richtigen« Buch herangewachsen und kann deshalb auch in einer »richtigen« Reihe erscheinen. Hier boten sich die »Beiträge zur Geschichtswissenschaft« an, die von Ernst Piper herausgegeben werden. Das Spektrum der hier veröffentlichten Monografien ist weit gefächert und reicht von einer Biografie des Publius Ventidius (1. Jahrhundert) über eine Savonarolas (15. Jahrhundert) bis zu der Schilderung jüdischer Arztbiografien in der NS-Zeit. Die Reihe versammelt aber nicht nur Biografien und autobiografische Berichte, sondern hier finden auch eine Studie über »Aktuelle Museumskonzeptionen zur Römerzeit in Rheinland-Pfalz« und über den Freikauf von Häftlingen in der DDR durch die Bundesrepublik einen Platz. Auf diese Weise überspannt die Reihe einerseits große Zeiträume, setzt aber zugleich deutliche Schwerpunkte auf der Zeitgeschichte, wo vor allem die Schicksale von Betroffenene von Diktatur und Verfolgung im Zentrum stehen. Insofern ist meine Linse-Biografie genau am richtigen Ort untergebracht. Besonders hervorzuheben ist die angenehme Gestaltung. Schon die Reihe »Lebenszeugnisse – Leidenswege« hat mir gut gefallen, weil das Layout modern war, ohne effekthascherisch zu sein. Die »Beiträge zur Geschichtswissenschaft« sind ähnlich gestaltet; sie haben einen individuellen Umschlag, den man gern ansieht, und einen zurückhaltenden Satz, der das Lesen angenehm und leicht macht. Zusammen mit dem dunkelweißen Papier ergibt das eine im besten Sinne konservative Anmutung, die das Lesen sehr unterstützt. Ich freue mich, dass mein Text nun diese Form annehmen wird. Foto: »Zerrissene Biografien« von Linda Lucia Damskis, 2009 erschienen in den »Beiträgen zur Geschichtswissenschaft«
16.11.17, 11:07 Dr. Benno Kirsch
Im Verlauf meiner Recherchen zu Walter Linses Rolle in der NS-Zeit hat einmal ein Lokalhistoriker mir gegenüber die Vermutung geäußert, Linse könne Zuträger des Sicherheitsdienstes (SD) der NSDAP , also des parteieigenen Nachrichtendienstes, gewesen sein. Er empfahl mir, dieser Spur nachzugehen. Da außerdem ein zweiter Kontaktmann (ich habe vergessen, wer das war) unabhängig vom ersten ebenfalls diese Vermutung äußerte, beschloss ich, mich diesem Thema einmal zu widmen. Es erwies sich allerdings als schwierig, belastbare Informationen zu erhalten, die diese Vermutung stützen würden. Zum einen hatte ich bis dahin nie irgendeinen Hinweis auf eine Zuarbeit Linses zum SD erhalten, was auf geringen Wirklichkeitsbezug der Hypothese schließen ließ, zum andern erwies sich die Quellenlage als sehr schlecht: Wie ich der Sekundärliteratur entnehmen konnte, existierte zwar noch die Personalkartei des SD für Sachsen, die 1937 angelegt wurde und in der immerhin 2.746 Namen verzeichnet sind. Aber diese Kartei soll lückenhaft sein. Ich nahm Kontakt mit dem Autor des Standardwerks über den SD in Sachsen auf. Carsten Schreiber hatte diese SD-Kartei zur Grundlage seiner Dissertation gemacht, die 2008 als Buch erschienen war (Elite im Verborgenen. Ideologie und regionale Herrschaftspraxis des Sicherheitsdienstes der SS und seines Netzwerks am Beispiel Sachsens, München 2008). Er warf für mich noch einmal einen Blick in seine Unterlagen: Eine Karte für Linse war nicht überliefert. Da Linse nicht verzeichnet war, verzichtete ich darauf, selbst einen Blick auf die Kartei zu werfen (die außerdem – am Rande bemerkt – irgendwie schwer zu verorten war und meiner Erinnerung nach zur Benutzung gar nicht zur Verfügung stand), und begnügte mich mit den Angaben Schreibers in seinen Publikationen. Die waren insofern interessant, als hier auch Namen auftauchten, die mir bekannt waren. Es handelt sich um Mitarbeiter der IHK Chemnitz, Unternehmer, Politiker und Rechtsanwälte, die Linse mit Sicherheit kannte. Aus diesen Informationen und allem, was ich sonst noch über Linse weiß, schließe ich nun, dass Linse kein Zuträger des SD war. Das hätte einfach nicht zu seiner Persönlichkeit (wie ich sie kennengelernt habe) und seiner Arbeitsweise in der IHK Chemnitz gepasst: Linse befolgte strikt die vorgegebenen Regeln; es fehlt bei ihm jeder Hinweis auf irgendeine Art von Korruption. Ich kann diese Schlussfolgerung nicht besser begründen, aber die anderslautende Vermutung, aufgrund der ich mich erst auf die Suche machte, scheint mir noch weniger stichhaltig zu sein. Ja, Linse hätte eventuell geheimer SD-Mitarbeiter sein können. Aber es fehlen die positiven Belege, und die Informationen drumherum sprechen dagegen. Es ist allerdings wie so oft bei Linse: Er hat sich nicht aktiv beteiligt – und dennoch war er irgendwie mit dabei. Die IHK war für den SD eine wichtige Anlaufstelle, um Informationen aus den IHK-Mitgliedsbetrieben zu erhalten – und Linses Vorgesetzte und verschiedene Ansprechpartner kooperierten mit dem SD. Zu nennen sind der Hauptgeschäftsführer der IHK Chemnitz, ein stellvertretender Präsident der IHK Chemnitz oder der Geschäftsführer der Gauwirtschaftskammer Sachsen, in der die IHKn 1942 aufgingen. Schreiber schreibt über das Spitzel-Netzwerk des SD: »Charakteristisch [...] sind die nur schwach institutionalisierten Beziehungen zwischen den Akteuren und die fließenden Grenzen. [...] Um das Zentrum von hauptamtlichen Führern und dem Führercorps gruppiert sich die Peripherie von ehrenamtlichen Mitarbeitern, V-Leuten und Zuträgern. [...] Diese unterste Ebene des Sicherheitsdienstes entsprach eher lockeren Personenverbänden, die die Fassade anderer Institutionen benutzten und deren Infrastruktur okkupierten.« Im Abschnitt Chemnitz trafen sich – zusammengeschweißt durch »Ideologie, Korruption, Alkohol und das Wissen um die gemeinsamen Verbrechen« – »Honoratioren [...], um sich mit den anwesenden Chefs von SD und Gestapo in alkoholgeschwängerter Atmosphäre per ›Du‹ auf dem sogenannten kleinen Dienstweg auszutauschen. Köstlichkeiten vom Schwarzmarkt lieferte der Direktor des ›Chemnitzer Hofes‹ – ebenfalls ein SD-Mitarbeiter. Manchmal wurden auch ›Luftschutz-Mädel‹ geladen und unter Alkohol gesetzt.« (»Eine verschworene Gemeinschaft«, in: Wildt (Hg.): Nachrichtendienst, politische Elite und Mordeinheit, S. 63 u. 75) Wie gesagt: Es erscheint mir höchst unwahrscheinlich, dass Linse in solchen Runden verkehrte. Insofern behaupte ich bis zum Beweis des Gegenteils, dass er kein Zuträger des SD war. Foto: Henning Supertramp / flickr.com / CC BY 2.0
14.11.17, 10:57 Dr. Benno Kirsch
Mit scharfen Worten hat vor kurzem ein Sprecher des Auswärtigen Amtes die vietnamesische Regierung kritisiert. Er sprach im Zusammenhang mit dem Verschwinden des vietnamesischen Geschäftsmannes Trinh Xuan Thanh von einem »präzedenzlosen und eklatanten Verstoß gegen deutsches Recht und gegen das Völkerrecht«. Die vietnamesische Regierung wurde aufgefordert, den Mann wieder freizulassen, der Botschafter wurde einbestellt, der Verbindungsmann zum vietnamesischen Geheimdienst aus Deutschland ausgewiesen. Bis Thanh und eine zweite Person am 23. Juli 2017 im Berliner Stadtteil Tiergarten, wie Augenzeugen berichteten, in ein Auto mit tschechischem Kennzeichen gezerrt wurden, hatte er erst seit gut einem Jahr in Deutschland gelebt. Zuvor hatte er in Vietnam ein staatliches Erdölunternehmen geleitet, dann war ihm Korruption und Veruntreuung vorgeworfen worden, woraufhin er die Flucht antrat und in Deutschland ankam. Nach der Entführung, die als sicher angenommen wird, tauchte er am 23. Juli in Hanoi auf, wo er offiziell verhaftet wurde. Angeblich war er freiwillig nach Vietnam zurückgekehrt. Dass in Deutschland, vor allem in Berlin, Menschen von ausländischen Geheimdiensten verschleppt werden, ist nicht so einzigartig, wie man glauben möchte. Seit dem Beginn der gemeinsamen Besatzung der Hauptstadt durch die vier Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg hat es phasenweise sogar ein geradezu florierenden Entführungsbusiness gegeben. Die Aufteilung der Stadt in Besatzungszonen mit durchlässigen Grenzen erleichterte den Geheimdiensten – insbesondere den sowjetischen und denen der DDR – ihre Arbeit. Bis zum Mauerbau, der diese Praxis weitgehend beendete, wurden hunderte West-Berliner Opfer von Entführungen. Das prominenteste Opfer der frühen Jahre ist der Rechtsanwalt Walter Linse, der am 8. Juli 1952 vor seinem Haus in Berlin-Lichterfelde niedergeschlagen, in ein Auto gezerrt und in rasender Fahrt in die DDR gebracht wurde. Während das Opfer in seinem Kerker lange verzweifelt glaubte, niemand habe den Überfall bemerkt, verhielt es sich in Wirklichkeit anders: Zahlreiche Zeugen beobachteten die Tat und die Flucht, in deren Verlauf auch Schüsse auf Verfolger abgegeben wurden. Ein Aufschrei der Empörung ging durch West-Berlin und die Bundesrepublik. Es gab Demonstrationen für Linses Freilassung, der Bundestag debattierte mehrfach über den Fall – vergleblich. Linse bleib verschwunden und wurde 1953 in Moskau hingerichtet. Am 1. April 1955 tappte der Journalist Karl Wilhelm Fricke in eine Falle: Ein Bekannter lockte ihn in seine Wohnung in West-Berlin, wo er ihm k.o.-Tropfen verabreichte . Der wehrlose Fricke, der mit seiner Arbeit den Zorn der SED auf sich gezogen hatte, wurde in den Osten geschmuggelt, wo er mit Hilfe eines »Gummiparagrafen« zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Nach seiner Freilassung kam er wieder in den Westen, wo er unbeirrt seine Aufklärungsarbeit über das Unrecht in der DDR fortsetzte und Bücher publizierte, deren Hellsichtigkeit auch heute noch überrascht. Aus Korea stammte der Komponist Isang Yun , der am 17. Juni 1967 verschleppt wurde. Er lebte in Berlin-Spandau, von wo aus er in die Stadtmitte, also in den Ostteil, gerufen, überwältigt und nach Süd-Korea verschleppt wurde. Seine Frau wurde unter einem Vorwand nach Bonn in die südkoreanische Botschaft gelockt, wo auch sie gefügig gemacht und nach Seoul geflogen wurde. Dort wurde den beiden der Prozess wegen angeblicher Spionage für das kommunistische Nord-Korea gemacht. Angeblich war die Ausreise freiwillig erfolgt, doch das glaubte keiner. Ein Landtagsabgeordneter sagte: »Wenn nichts unternommen wird, wird die Bundesrepublik zu einer Bananen-Republik degradiert.« Auch die USA ließen in Berlin entführen. Zuletzt war es der Ex-Soldat Jeffrey Carney, der im West-Berliner Stadtteil Marienfelde vor der Wende von 1989 in einer Abhöranlage der US-Army gearbeitet hatte. 1963 im US-Bundestaat Ohio geboren, kam er 1980 mit der Armee nach Deutschland. Für seine erfolgreiche Arbeit erhielt er zu wenig Lob, wie er meinte, und bot sich daher dem MfS als Spion an. 1984 wurde er wieder in die USA versetzt, doch er desertierte erst nach Mexiko und dann nach Ost-Berlin. Er wurde deutscher Staatsbürger und nannte sich Jens Karney. Aber 1991 hatte ihn die CIA ausgemacht, lauerte ihm vor seiner Wohnung auf und verschleppte ihn in die USA, wo ihm der Prozess wegen Spionage gemacht wurde. Inzwischen ist er wieder in Freiheit und würde gerne wieder nach Deutschland reisen, aber man lässt ihn nicht. Trinh Xuan Thanh, Walter Linse, Karl Wilhelm Fricke, Isang Yun und Jeffrey Carney sind nur fünf von unzähligen Männern und Frauen, die von ausländischen Mächten aus (West-)Berlin und der Bundesrepublik entführt worden sind. Manche hatten Glück und kamen mit dem Leben davon, andere nicht. Anders als Entführungen aus Habgier oder Entführungen von Kindern im Zusammenhang mit Sorgerechtsstreitigkeiten wurden sie Opfer von Staaten, die kriminell handeln. Dieser Artikel ist zuerst auf meiner Website bennokirsch.de erschienen. Das Foto dient nur der Illustration. Es zeigt eine Entführung aus dem Spiel »The Vienna Project«. Lizenz: _dChris / flickr.com / CC BY 2.0
13.11.17, 10:18 Dr. Benno Kirsch
Als ich 2007 meine Linse-Biografie veröffentlichte, war die erste Reaktion auch die schönste: eine Rezension im Deutschlandfunk , die mir – wie man mir sicherlich glauben wird – auch heute noch gut gefällt. In dieser Besprechung des renommierten Journalisten und DDR-Experten Karl Wilhelm Fricke, die am 2. Juli 2007 gesendet wurde, hieß es: »Eine biographische Studie, die trotz kühler Sachlichkeit spannend zu lesen ist. Aktengestützt und illustriert mit bislang meist unveröffentlichten Fotos und Faksimiles entstand eine fundierte Schrift, die beispielhaft zeigt, wie sich Repressionsgeschichte der beiden deutschen Diktaturen seriös aufarbeiten lässt.« Bei der erneuten Lektüre dieser Rezension ist mir außerdem positiv aufgefallen, dass Fricke festhält, dass ich Linse als ambivalente Figur ansehe: Einerseits hat er als IHK-Referent seinen Teil dazu beigetragen, jüdische Geschäftsleute zu enteignen, andererseits kann man ihn kaum als überzeugten Nazi ansehen, zumal die Indizien dafür, dass er versucht haben könnte, den Opfern zu helfen, nicht von der Hand zu weisen sind. Fricke: »Mit gutem Grund plädiert Kirsch für eine differenzierte Sicht auf Walter Linse.« Karl Wilhelm Fricke ist eigentlich kein Wissenschaftler, sondern ein Journalist. Geboren 1929, wurde er 1949 in Sachsen verhaftet, konnte aber nach West-Berlin fliehen , wo er sich als Journalist einen Namen machte. Dem SED-Regime war er durch seine Arbeit ein Dorn im Auge, weshalb das MfS ihn 1955 in West-Berlin in einen Hinterhalt lockte und nach dem Osten entführte. Nach seiner Freilassung wurde er in die Bundesrepublik abgeschoben, wo er weiter als Journalist arbeitete und mit zahlreichen Publikationen über das Wesen der DDR und die Lebenswirklichkeit ihrer Bewohner informierte. Seine Bücher waren gehaltvoller als die von vielen akademischen DDR-Forschern, die zwar sehr scharfsinnige Betrachtungen über das »System« anstellten, aber die Empirie vernachlässigten und dadurch die Diktatur verharmlosten. Karl Wilhelm Fricke (2011). Foto: Maximilian Schönherr / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
10.11.17, 08:33 Dr. Benno Kirsch
Das Bundesarchiv ist eine tolle Einrichtung: Hier lagern Abermillionen von Dokumenten aus deutschen Behörden, Vereinen, Unternehmen und von Personen des öffentlichen Interesses. Manchmal lässt das Bundesarchiv die Öffentlichkeit an diesen Schätzen teilhaben, indem es ausgewählte Stücke auf seiner Homepage präsentiert. Es lohnt sich, dort ein wenig zu stöbern! Man erfährt mehr über »Besondere Ereignisse bei der Bundeswehr«, über das Treffen Schmidts mit Honecker beim KSZE-Treffen in Helsinki 1975 oder über eine geheime Fliegerschule der Reichswehr in der Sowjetunion. Beispielsweise hat man die Militär-Personalakte von Loriot zugänglich gemacht. Und die ist unter anderem deshalb interessant, weil Loriot, der ja als sehr distinguiert bekannt ist, in jungen Jahren durchaus nicht distinguiert gewesen ist. Bemängelt wird unter anderem, dass »das Gefühl für Takt bei ihm noch nicht ausgeprägt« sei. Aber schon 1943 ist er trotzdem offensichtlich schon so, wie man ihn heute kennt: »Im Kameradenkreis ist er sehr beliebt. Allgemein schließt er sich wenig an, und beansprucht, etwas darzustellen. Er ist ein hervorragender Unterhalter.« Auch zur Entführung von Walter Linse hat das Bundesarchiv Aktenstücke freigegeben. Zehn Dokumente geben einen schlaglichtartigen Einblick in die Reaktionen der Bundesregierung, die auch nicht viel mehr tun kann, als die Ereignisse zu verfolgen. Deutlich wird, wie sehr Bundeskanzler Adenauer sich um Linses Frau Helga sorgt – vielleicht weil er ansonsten nichts tun kann? »Wo ist Frau Linse? Wird ihr geholfen?«, schreibt er auf einen Informationsbericht über den Fall. Auch der US-Hochkommissar Donnelly zeigt Mitgefühl für Helga Linse – »this brave woman full of courage and hope« –, mit der er nach dem Verbrechen ein Gespräch hatte. Selbstverständlich lässt sich der ganze Fall nicht mit zehn Dokumenten rekonstruieren, aber dazu ist diese Veröffentlichung auch nicht gedacht. Für alle, die selber weiterforschen möchten, gibt das Bundesarchiv deshalb Hinweise auf weitere mögliche Fundorte in seinen Beständen. Wer sich allerdings für alle weiteren Aspekte des Falls Linse interessiert, der ist gut beraten, meine Biografie zur Hand zu nehmen. Denn dort verarbeite ich nicht nur Material aus dem Bundesarchiv, sondern auch aus vielen anderen Archiven. So umfangreich die Bestände des Bundesarchivs auch sind, so ergibt sich doch erst durch das Studium weiterer Überlieferungen das ganze Bild.
08.11.17, 07:27 Dr. Benno Kirsch
Im Frühjahr 2014, als ich noch ganz am Anfang meiner Arbeit stand, bin ich in die USA gereist und habe die im dortigen Nationalarchiv lagernden Akten zum Fall Linse eingesehen. Mir war zu Ohren gekommen, dass dort rund 1.000 Blatt lagern würden, hatte auch schon Fotografien davon gesehen, auf denen man allerdings nichts erkennen konnte. Ich bin eigentlich nicht deshalb »über den Teich« geflogen, sondern aus einem anderen Grund, aber wenn ich schon einmal da war, dachte ich mir, könnte ich auch dort Station machen. Das US-Nationalarchiv wird NARA abgekürzt; das steht für National Archives and Record Administration. Es ist auf zwei Standorte verteilt : NARA I ist im Zentrum der Hauptstadt Washington DC gelegen und ist der Hauptsitz. Hier befindet sich außerdem ein Museum , das um zwei besondere Stücke kreist: die Declaration of Independence (Unabhängigkeitserklärung) und die Bill of Rights (Verfassung). Für Forscher ist NARA II wichtiger; der Standort befindet sich ziemlich weit außerhalb Washingtons, im kleinen Städtchen College Park in Maryland, ist aber per U-Bahn und Bus ganz gut zu erreichen. Das Arbeiten in den NARA war wie in jedem anderen Archiv der Welt auch. Man sitzt in einem Lesesaal, lässt sich so gut es geht von Mitarbeitern beraten, liest, überlegt, pausiert, kopiert. Andererseits war es natürlich nicht normal, denn ich war in Amerika – zum ersten Mal in meinem Leben. Allein dieser Umstand verlieh dem Besuch eine besondere Aura. Dazu gehörte auch die schwer zu verstehende Ansicht der Amerikaner, dass das Archivmaterial den Bürgern gehört und nicht dem Staat. Diese Botschaft wird den Besuchern im NARA-Museum immer wieder eingehämmert: Hier sind die Dokumente – holt sie euch! Als Deutscher mit einem typisch deutschen Verständnis von Datenschutz musste – nein: durfte – ich hier umdenken. Inhaltlich war mein Besuch nicht besonders ergiebig. Der Umfang der Akten war nicht so groß wie erwartet, und sie boten auch wenig neue Erkenntnisse. Amerikanische Dienststellen haben offensichtlich erst nach der Entführung mit der Sammlung von Material über Walter Linse begonnen. Zum Teil haben die Dokumente nichts mit dem Fall zu tun, sondern sind offensichtlich irrtümlich dort hineingeraten. Ein Gutteil der Seiten besteht aus Fotografien von Ermittlungsakten der West-Berliner Polizei, die ich noch nicht kannte und die vielleicht auch der Öffentlichkeit in Deutschland nicht zugänglich sind. Am Ende ist es allerdings nebensächlich, dass ich keine spektakulären Entdeckungen machen konnte. Ein paar interessante Dokumente waren aber schon dabei, die ich in meiner Publikation auch auf insgesamt 14 Seiten in Fußnoten erwähne. Eine Nebenerkenntnis ist, dass auch amerikanische Behörden von dem Verbrechen an Linse überrascht waren und wenige Möglichkeiten zu handeln hatten. Vor allem aber bin ich um einige Erfahrungen und Eindrücke reicher, die mich sagen lassen: Es hat sich in jedem Fall gelohnt.
06.11.17, 09:23 Dr. Benno Kirsch
In dieser Tondatei lese ich ein kurzes Kapitel, in dem es um die Frage geht, welche Rolle Walter Linse bei der Flucht von Alfred Ascher gespielt hat. Aschers Schuhgeschäft wurde von September 1938 an von Linse »arisiert«, Ascher selbst unabhängig davon nach der Pogromnacht in ein KZ verschleppt und nach einigen Wochen wieder freigelassen. Ascher flüchtete 1939 mit Hilfe eines Freundes erst nach Belgien und 1940 in die USA. Ihm und seinem Freund und Fluchthelfer blieben Linse noch Jahre später in bester Erinnerung: Sie sahen in ihm einen Helfer und Retter. Die Frage ist, ob die beiden richtig einschätzen konnten, was hinter den Kulissen ablief.
03.11.17, 09:04 Dr. Benno Kirsch
Wikipedia ist eine der genialsten Erfindungen der letzten Jahre: Wer Informationen zu irgend einem Thema sucht, wird hier in der Regel fündig. Und wenn Wikipedia nicht ausreicht, findet man zumeist wenigstens noch Hinweise auf weitereführend Websites oder analoge Literatur. Dummerweise ist Wikipedia immer wieder die Spielwiese von Rechthabern, Besserwissern, Querulanten und Ideologen. Nicht alles, was bei Wikipedia steht, ist wahr. Auch der Eintrag zu Walter Linse ist ziemlich tendenziös (zugegeben: es war schonmal schlimmer als heute) und nicht ganz korrekt. Nachdem ich 2007 meine Biografie vorgelegt hatte, wurde der bis dahin rudimentäre Eintrag zwar bald ergänzt. Doch als der Streit um den nach Linse benannten Preis ausbrach, wurde der Eintrag fortan von einigen Administratoren scharf überwacht. Sie sorgten dafür, dass Linses Biografie so abträglich wie möglich dargestellt wird. Das heißt, dass nicht nur seine Beteiligung an der »Arisierung« in Chemnitz geschildert wurde, sondern dass auch Spekulationen wiedergegeben wurden, die zu keiner Zeit bewiesen werden konnten. Bis heute (2. Nov. 2017) heißt es bei Wikipedia: »Linse stieg zum Hauptgeschäftsführer der IHK auf und führte in dieser Funktion 1946/47 die Entnazifizierung der steuer- und wirtschaftsberatenden Berufe bei der IHK Chemnitz durch, wobei der von ihm geleitete Ausschuss in den entsprechenden Prüfungsverfahren in einigen Fällen auch schwerbelasteten Personen die Genehmigung zur Weiterführung ihres Berufs erteilt haben soll.« Dieser Satz geht zurück auf eine »Kurzexpertise«, die sich leicht im Internet finden und als PDF herunterladen lässt – offensichtlich eine gute Voraussetzung, um bei Wikipedia als »reputabel« zu gelten. In diesem Text heißt es: Unter Linses »Vorsitz wurde in 61 Fällen über die weitere Tätigkeit von Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern entschieden. Unter den Betroffenen können sich auch manche befunden haben, die Linse zwischen 1938 und 1942 als Treuhänder oder Liquidatoren jüdischer Betriebe eingesetzt hatte. Dies bedarf im Einzelnen noch weiterer Klärung. Soweit bisher festgestellt werden konnte, ließ der Ausschuss unter dem Vorsitz Linses jedenfalls selbst schwerbelastete Personen wieder zu. Damit sanktionierte Linse praktisch seine eigene Tätigkeit als ›Ariseur‹ der IHK.« Doch schon zu dem Zeitpunkt, als dieser Satz eingefügt wurde, konnte er nicht belegt werden, er war reine Spekulation. In meinem Aufsatz »Walter Linse und der Nationalsozialismus« habe ich inzwischen detailliert rekonstruiert, wie die Entscheidungswege bei der Entnazifizierung in Sachsen gelaufen sind. Linse führte zwar den Vorsitz beim Sonderausschuss, den die Industrie- und Handelskammer aufgrund einer gesetzlichen Vorschrift eingeführt hatte, aber Linse hatte hier nur eine koordinierende Funktion. Er hatte im Ausschuss nur eine Stimme, und dieser Ausschuss beriet in Zweifelsfällen intensiv mit anderen ähnlichen Ausschüssen und konnte am Ende nur Empfehlungen abgeben. Die Entscheidung über die Wiederzulassung des Antragstellers zu seinem Beruf fiel an anderer Stelle. Sicher, es ist möglich, dass Linse größeren Einfluss auf die Verfahren nahm, als es aus den Akten hervorgeht. Allerdings lässt sich das nicht beweisen, und da ich weiß, wie Linse arbeitete, halte ich das für eher unwahrscheinlich. Aber bei Wikipedia spielt das irgendwie keine Rolle – weil der Aufsatz nicht online verfügbar ist und man sich einen Bibliotheksausweis besorgen müsste, um ihn zu lesen? Immerhin sind meine beiden Aufsätze, die ich 2016 über Linse veröffentlicht habe, von den Wikipedianern zur Kenntnis genommen wurden. Und zum Glück erscheint bald die Neuausgabe meiner Linse-Biografie, in der ich ausführlich auf diese Thematik eingehe. Vielleicht setzt sich am Ende auch auf Wikipedia ein Linse-Bild durch, das dem echten Linse nahekommt. Foto: Fabrice Florin / flickr.com / CC BY-SA 2.0
30.10.17, 10:39 Dr. Benno Kirsch
Da ich annehme, dass nicht jeder, der sich heute für mein Crowdfunding-Projekt interessiert, die erste Fassung meiner Linse-Biografie gelesen hat, präsentiere ich der Öffentlichkeit ein kleines Kapitel daraus als Tondatei. Es liest der Autor. In ein paar Tagen werde ich außerdem eine weitere Tondatei veröffentlichen, in der ich ein Kapitel aus der erweiterten Neuausgabe vorlese.
27.10.17, 13:11 Dr. Benno Kirsch
Eigentlich war Walter Linse keine herausragende Persönlichkeit. Er strebte nicht an die Öffentlichkeit wie Schauspieler oder Politiker und vollbrachte keine Heldentaten wie Widerstandskämpfer oder Weltumsegler. Er war zeit seines Lebens ein eher unauffälliger Mensch, der sich nicht exponierte, und wenn doch, dann blieb seine Bekanntheit beschränkt auf sein persönliches Umfeld. So hat er im Verlauf seines Lebens zwar verschiedene Ämter übernommen, aber deren Wirkungskreis blieb sehr beschränkt. Die Notwendigkeit, sich mit Walter Linse zu beschäftigen und eine Biografie über ihn zu schreiben, entstand erst nach seiner Entführung. Welchen Bekanntheitsgrad Linse zu diesem Zeitpunkt erreicht hatte, lässt sich schwer sagen. Sicher ist, dass das Verbrechen ihn ungemein steigerte. Plötzlich war er – zumindest im Westen – eine Person größten öffentlichen Interesses. Zuvor weitgehend unbekannt, wuchs Linse recht bald zu einer Ikone des Widerstandes gegen das SED-Regime. Diese Entwicklung lässt sich nicht leicht erklären. Denn Linse war nicht das erste Opfer einer Verschleppung durch das MfS und sollte nicht das letzte bleiben. Vielleicht weil die Tat so spektakulär war, in aller Öffentlichkeit stattfand, erhielt sie so viel Aufmerksamkeit. Feststeht, dass im Verlauf kurzer Zeit Linse zum Inbegriff aller MfS-Entführungsopfer wurde. Kurz nach dem Verbrechen wurde das auch heute noch bekannte Porträts Linses veröffentlicht, das ihn als recht jungen Mann zeigt, der er 1952 schon nicht mehr war. Und zum zehnten Jahrestag der Entführung konnte der Tagesspiegel schreiben: »Für all diese Unglücklichen [also die Opfer von Menschenraub – B.K.] sei noch einmal ein Name genannt: Walter Linse.« Nicht durch seine Taten ist Linse also bekanntgeworden, sondern durch ein Verbrechen, das an ihm verübt wurde. Seitdem wurde er geschätzt von den Gegnern der SED-Diktatur. Als ich 2007 in meiner Biografie enthüllte, dass Linse an der »Arisierung« der Chemnitzer Wirtschaft beteiligt war, änderte sich rasch das Bild. Jetzt wurde dieser Aspekt seiner Biografie betont und alles andere für bedeutungslos erklärt oder ignoriert. Sein Schicksal wurde schon wieder für politische Zwecke in Anspruch genommen, dieses Mal, wie die Diskussion über die Benennung eines Preises nach Linse gezeigt hat, im Kampf um die angemessene Erinnerung an die beiden Diktaturen in Deutschland. Zu dieser Auseinandersetzung habe ich nie einen Beitrag leisten wollen – und will es jetzt noch viel weniger. Eine Biografie Linses zu schreiben, heißt, Grundlagenarbeit zu leisten und den Streitenden Material zur Beurteilung von Linses Taten an die Hand zu geben. Darüber hinaus erfüllt eine Biografie aber auch eine gewisse Schutzfunktion, indem sie nämlich versucht, das Leben Linses zu beschreiben und seine Entscheidungen im Kontext seiner Lebenswelt zu verstehen. Sie zu verdammen ist ebenso unangebracht wie sie zu rechtfertigen. Die Neue Wache in Berlin ist die nationale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland. Sie ist nach kontroverser Diskussion »den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft« gewidmet. Foto: Lukas Koster / flickr.com / CC BY-SA 2.0
25.10.17, 09:57 Dr. Benno Kirsch
Ich kann nicht sagen, welches Archiv für meine Neufassung der Linse-Biografie am wichtigsten war. Irgendwie sind sie alle wichtig gewesen, weil man in allen irgendwelche Informationen findet, die später an irgendeiner Stelle im Gesamtwerk wieder auftauchen. Und irgendwie sind auch die Archive, in denen sich nichts oder nur wenig Material befindet, von nicht zu unterschätzender Bedeutung, denn dann weiß man wenigstens, dass man eine falsche Spur verfolgt hat. Nachhaltig in Erinnerung geblieben ist mir jedoch das Staatsarchiv Chemnitz, das ich im Verlauf der letzten Jahre mehrfach besucht habe. Als der Entschluss zur Überarbeitung gefallen war, blieb ich einmal dreieinhalb Tage dort, um mich durch die Akten zu wühlen, die seit dem Erscheinen meiner Biografie bekanntgeworden waren. Es waren dreieinhalb Tage intensiver Arbeit. Das Archiv hatte ich zum ersten Mal kennengelernt, als es noch in der Schulstraße, weit im Süden der Stadt lag. Es war ein Ausweichquartier. Gut erinnere ich mich auch daran, wie ich am Empfang begrüßt wurde: Obwohl mein Besuch angekündigt worden war und ich alles, wie ich meinte, besprochen hatte, wollte mich die Dame am Empfang gar nicht erst einlassen. Sie war der Ansicht, dass ich nicht berechtigt sei, irgendwelche Akten einzusehen. Die Intervention der Referentin, die mich im Vorfeld beraten hatte, brachte sie zum Einlenken. Jetzt befindet sich das Staatsarchiv zentraler gelegen, in der Elsasser Straße , so dass man es von der Innenstadt gut zu Fuß erreichen kann. Die Räumlichkeiten sind angenehm – auch nicht schlecht: die quietschgelbe Garderobe – und werden vom Publikum auch recht gut angenommen. Es ist immer etwas los. Auch die Stadt Chemnitz hat sich in den letzten Jahren gemausert und ihre Aufenthaltsqualität erheblich gesteigert. Die Arbeit bleibt natürlich die gleiche: Man muss Akten durchforsten. In meinem Fall bedeutete das: in einem abgedunkelten Raum an einem riesengroßen Lesegerät sitzen und Rollfilme angucken. Ich hatte mir eine sehr, sehr lange Liste mit Akten gemacht, die ich alle durchsehen wollte. Ich wurde auch fündig, was bedeutete, dass ich nicht zu viel Zeit für meinen Chemnitz-Aufenthalt eingeplant hatte. Im Staatsarchiv Chemnitz findet sich so viel Material, weil dort der Bestand „Industrie- und Handelskammer Chemnitz“ aufbewahrt wird, der glücklicherweise den Krieg überdauert hat. Linse war dort von 1938 bis 1949 in verschiedenen Funktionen tätig und hat dementsprechend viele Spuren hinterlassen. Es handelt sich zumeist um seine Korrespondenz, Aktennotizen, Gutachten und dergleichen mehr. Ich habe immer nach dem Kürzel „Dr. Li.“ im Briefkopf oder nach seiner Paraphe am unteren Rand des Dokuments gesucht. Es war teilweise einfach nur eine Fleißarbeit (so kommt es mir zumindest vor). Ich musste wegen des Zeitdrucks schnell entscheiden, ob das Dokument wichtig war, und dann eine Papierkopie machen. Es gelang mir, den Gedanken an die horrenden Kosten dafür erfolgreich zu verdrängen. Den ziemlich großen Stapel habe ich dann in Ruhe zu Hause durchgearbeitet. Auf diese Weise habe ich – hoffe ich – die wesentlichen Dokumente gesichtet und für die weitere Verarbeitung im Gesamttext gesichert.
23.10.17, 10:53 Dr. Benno Kirsch
Um die Biografie Walter Linses zu schreiben, musste ich mich durch eine Unmenge an Material wühlen – eine Arbeit, die man dem fertigen Buch nicht mehr ansieht. Sicher, man kann eine Ahnung davon bekommen, wenn man sich das Quellenverzeichnis ansieht: Dort sind Archive in Berlin, Chemnitz, Wechselburg, Essen, Koblenz und weiteren Städten angeführt. Wenn man die Sekundärliteratur zu einem Thema durchforscht hat, dann beginnt für einen Historiker die Arbeit an den Primärquellen. Er muss also ins Archiv. Bei Linse gab es sehr wenig Sekundärliteratur, und das, was dort zu lesen war, wiederholte sich. Also besuchte ich – zum Teil mehrmals – in Berlin das Bundesarchiv, das Landesarchiv und das Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen. In Sachsen war ich unter anderem im Staatsarchiv Chemnitz mehrmals zu Gast. Ich fuhr nach Koblenz (Bundesarchiv), Gummersbach (Archiv des Liberalismus) oder Würzburg (Archiv für Hochschulkunde). Aber ich musste nicht überall persönlich erscheinen. Das Kreisarchiv Wechselburg schickte mir Kopien ebenso zu wie das Stadtarchiv Essen. Und die Akten der CIA, die im Zuge des Nazi War Crimes Disclosure Act von 1998 herausgegeben werden mussten, stehen jedermann frei verfügbar im Internet. (Meine darüber hinausgehende Anfragen wurden ohne Begründung abgelehnt.) Möglicherweise wäre es besser gewesen, auch die genannten Archive persönlich aufzusuchen. Aber hier galt es, zwischen dem zu erwartenden Erkenntnisgewinn und den mit Sicherheit entstehenden Kosten abzuwägen. Wer sich nicht für historische Forschung begeistert, wird es vielleicht nicht glauben: Archivarbeit macht Spaß! Es ist natürlich trocken und staubig, und das gealterte Papier fühlt sich nicht besonders gut an. Aber es kommt auf den Inhalt an – und da erschließen sich häufig interessante Geschichten und berührende Dramen. Man kann nachvollziehen, was Menschen gedacht und wie sie gehandelt haben und welche Folgen das alles für sie und andere hatte. Ich kann daher nur sagen: Die Akten in den Archiven sind zwar tot, aber doch sehr lebendig!
21.10.17, 11:30 Dr. Benno Kirsch
Die Kampagne bei Startnext stellte mich vor verschiedene Herausforderungen. Eine der größten war sicherlich die Aufgabe, einen Film zu drehen, in dem das Projekt vorgestellt wird. In den FAQ heißt es klipp und klar: »Das Video ist das wichtigste Element einer Crowdfunding-Kampagne.« Schwierig ... aber dann erinnerte ich mich an Punkt 8 aus dem Pfadfindergesetz von Lord Robert Baden-Powell: »Der Pfadfinder lacht und pfeift in allen Lebenslagen.« Weder besitze ich eine Videokamera noch einschlägige Fähigkeiten, die mich zu einem Filmdreh qualifizieren. Aber ich hatte eine Idee: Angesichts der beschränkten Möglichkeiten würde ich das Projekt in der Walter-Linse-Straße in Berlin-Lichterfelde vorstellen – mit mir als Sprecher. Ich rief meinen Freund Josef an und bat um seine Hilfe. Er sagte sofort zu und brachte auch noch seine Kamera mit. (An dieser Stelle weise ich gerne auf Josefs Blog hin , auf dem er sich mit Gott, der Welt und allen Dingen überhaupt beschäftigt.) Nun musste ich also einen Text verfassen – und auswendiglernen. Das fiel mir so schwer, dass er erst vor Ort seine letzte Gestalt annahm. Ich musste unter anderem deshalb viele Anläufe nehmen. Aber irgendwann hatten Josef und ich das Gefühl, dass schon etwas ordentliches unter den vielen Aufnahmen sein würde. Unerwartete Schwierigkeiten bereitete uns übrigens das Kopfsteinpflaster: Jedes Auto, das vorbeifuhr, produzierte so viel Lärm, dass wir die Aufnahmen unterbrechen mussten. Ruhig ist Walter-Linse-Straße jedenfalls nicht. Anschließend kam der Filmschnitt, von dem ich ebenfalls keine Ahnung hatte. Aber freundlicherweise half mir meine Freundin Hiltrud, die das Filmschnitt-Programm zwar auch erst kennenlernen musste, aber dank ihrer Erfahrung mit verschiedenen anderen Programmen schnell dazulernte und ihr Wissen gleich an mich weitergab. Zusammen produzierten wir das Pitch-Video. Es ist natürlich ein komisches Gefühl, sich selbst zu sehen und sprechen zu hören. Aber insgesamt bin ich mit dem Ergebnis zufrieden: Wer mich noch nicht kennt, weiß jetzt, wie ich aussehe, wie ich spreche und was ich zu sagen habe – mehr braucht es an dieser Stelle nicht. Schließlich kann man alle weiteren Informationen auf dieser Kampagnenseite bei Startnext nachlesen.
19.10.17, 15:49 Dr. Benno Kirsch
Ich habe diese Kampagne lange vorbereitet: die Texte geschrieben, Bilder herausgesucht, mir „Dankeschöns“ überlegt, einen kleinen Film gedreht und mir Feedback eingeholt. Und nun gehe ich mit meinem Anliegen an die Öffentlichkeit – ein aufregender Moment, denn ich habe keine Ahnung, was jetzt passiert. Die Ungewissheit bezieht sich nicht nur auf die Frage, ob das Kampagnenziel erreicht wird, was mir natürlich lieb wäre. Sondern ich bin auch gespannt, wie sich die Kommunikation bis dahin entwickeln wird. Welche Rückmeldungen werde ich erhalten? Man wird sehen. Jedenfalls ist ein Anfang gemacht, ich bin gestartet. Das Ziel habe ich vor Augen.

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