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Am 8. Juli 1952 wurde Walter Linse von der Stasi in West-Berlin entführt. Er entwickelte sich in der Folge zu einer Ikone für den Widerstand gegen die SED-Diktatur. 2007 publizierte ich eine Biografie, die zudem Linses Rolle im Nationalsozialismus thematisierte. Seitdem wird vor allem seine Beteiligung an der »Arisierung« in Chemnitz betont. Aber auch diese einseitige Betrachtung wird Linses Leben nicht gerecht: Beide Aspekte gehören zu seiner Biografie.
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14.11.17, 10:57 Dr. Benno Kirsch

Mit scharfen Worten hat vor kurzem ein Sprecher des Auswärtigen Amtes die vietnamesische Regierung kritisiert. Er sprach im Zusammenhang mit dem Verschwinden des vietnamesischen Geschäftsmannes Trinh Xuan Thanh von einem »präzedenzlosen und eklatanten Verstoß gegen deutsches Recht und gegen das Völkerrecht«. Die vietnamesische Regierung wurde aufgefordert, den Mann wieder freizulassen, der Botschafter wurde einbestellt, der Verbindungsmann zum vietnamesischen Geheimdienst aus Deutschland ausgewiesen.

Bis Thanh und eine zweite Person am 23. Juli 2017 im Berliner Stadtteil Tiergarten, wie Augenzeugen berichteten, in ein Auto mit tschechischem Kennzeichen gezerrt wurden, hatte er erst seit gut einem Jahr in Deutschland gelebt. Zuvor hatte er in Vietnam ein staatliches Erdölunternehmen geleitet, dann war ihm Korruption und Veruntreuung vorgeworfen worden, woraufhin er die Flucht antrat und in Deutschland ankam. Nach der Entführung, die als sicher angenommen wird, tauchte er am 23. Juli in Hanoi auf, wo er offiziell verhaftet wurde. Angeblich war er freiwillig nach Vietnam zurückgekehrt.

Dass in Deutschland, vor allem in Berlin, Menschen von ausländischen Geheimdiensten verschleppt werden, ist nicht so einzigartig, wie man glauben möchte. Seit dem Beginn der gemeinsamen Besatzung der Hauptstadt durch die vier Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg hat es phasenweise sogar ein geradezu florierenden Entführungsbusiness gegeben. Die Aufteilung der Stadt in Besatzungszonen mit durchlässigen Grenzen erleichterte den Geheimdiensten – insbesondere den sowjetischen und denen der DDR – ihre Arbeit. Bis zum Mauerbau, der diese Praxis weitgehend beendete, wurden hunderte West-Berliner Opfer von Entführungen.

Das prominenteste Opfer der frühen Jahre ist der Rechtsanwalt Walter Linse, der am 8. Juli 1952 vor seinem Haus in Berlin-Lichterfelde niedergeschlagen, in ein Auto gezerrt und in rasender Fahrt in die DDR gebracht wurde. Während das Opfer in seinem Kerker lange verzweifelt glaubte, niemand habe den Überfall bemerkt, verhielt es sich in Wirklichkeit anders: Zahlreiche Zeugen beobachteten die Tat und die Flucht, in deren Verlauf auch Schüsse auf Verfolger abgegeben wurden. Ein Aufschrei der Empörung ging durch West-Berlin und die Bundesrepublik. Es gab Demonstrationen für Linses Freilassung, der Bundestag debattierte mehrfach über den Fall – vergleblich. Linse bleib verschwunden und wurde 1953 in Moskau hingerichtet.

Am 1. April 1955 tappte der Journalist Karl Wilhelm Fricke in eine Falle: Ein Bekannter lockte ihn in seine Wohnung in West-Berlin, wo er ihm k.o.-Tropfen verabreichte. Der wehrlose Fricke, der mit seiner Arbeit den Zorn der SED auf sich gezogen hatte, wurde in den Osten geschmuggelt, wo er mit Hilfe eines »Gummiparagrafen« zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Nach seiner Freilassung kam er wieder in den Westen, wo er unbeirrt seine Aufklärungsarbeit über das Unrecht in der DDR fortsetzte und Bücher publizierte, deren Hellsichtigkeit auch heute noch überrascht.

Aus Korea stammte der Komponist Isang Yun, der am 17. Juni 1967 verschleppt wurde. Er lebte in Berlin-Spandau, von wo aus er in die Stadtmitte, also in den Ostteil, gerufen, überwältigt und nach Süd-Korea verschleppt wurde. Seine Frau wurde unter einem Vorwand nach Bonn in die südkoreanische Botschaft gelockt, wo auch sie gefügig gemacht und nach Seoul geflogen wurde. Dort wurde den beiden der Prozess wegen angeblicher Spionage für das kommunistische Nord-Korea gemacht. Angeblich war die Ausreise freiwillig erfolgt, doch das glaubte keiner. Ein Landtagsabgeordneter sagte: »Wenn nichts unternommen wird, wird die Bundesrepublik zu einer Bananen-Republik degradiert.«

Auch die USA ließen in Berlin entführen. Zuletzt war es der Ex-Soldat Jeffrey Carney, der im West-Berliner Stadtteil Marienfelde vor der Wende von 1989 in einer Abhöranlage der US-Army gearbeitet hatte. 1963 im US-Bundestaat Ohio geboren, kam er 1980 mit der Armee nach Deutschland. Für seine erfolgreiche Arbeit erhielt er zu wenig Lob, wie er meinte, und bot sich daher dem MfS als Spion an. 1984 wurde er wieder in die USA versetzt, doch er desertierte erst nach Mexiko und dann nach Ost-Berlin. Er wurde deutscher Staatsbürger und nannte sich Jens Karney. Aber 1991 hatte ihn die CIA ausgemacht, lauerte ihm vor seiner Wohnung auf und verschleppte ihn in die USA, wo ihm der Prozess wegen Spionage gemacht wurde. Inzwischen ist er wieder in Freiheit und würde gerne wieder nach Deutschland reisen, aber man lässt ihn nicht.

Trinh Xuan Thanh, Walter Linse, Karl Wilhelm Fricke, Isang Yun und Jeffrey Carney sind nur fünf von unzähligen Männern und Frauen, die von ausländischen Mächten aus (West-)Berlin und der Bundesrepublik entführt worden sind. Manche hatten Glück und kamen mit dem Leben davon, andere nicht. Anders als Entführungen aus Habgier oder Entführungen von Kindern im Zusammenhang mit Sorgerechtsstreitigkeiten wurden sie Opfer von Staaten, die kriminell handeln.

Dieser Artikel ist zuerst auf meiner Website bennokirsch.de erschienen.

Das Foto dient nur der Illustration. Es zeigt eine Entführung aus dem Spiel »The Vienna Project«. Lizenz: _dChris / flickr.com / CC BY 2.0

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