Projekte / Bildung
Berufliche Integration von Geflüchteten: ein Schritt in ein neues Leben durch Praxiserfahrung, Netzwerkbildung sowie eine gezielte Vorbereitung und Qualifizierung für Ausbildungssuchende und angehende ExistenzgründerInnen mit Fluchterfahrung. Auf Augenhöhe und unter Mithilfe bereits erfahrener Zugewanderter - das soll das SWANE-Lernrestaurant COOKIN' HOPE bieten!
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13.11.17, 08:57 Stephanie Bley

Ahmad Daoud *30.04.1978 in Aleppo/Syrien

Ahmad ist leidenschaftlich und gleichzeitig zielstrebig. Er ist kreativ und gleichzeitig pragmatisch. Er ist leidenschaftlich, aber nicht unüberlegt. Kreativ, aber nicht sprunghaft. Er ist zielstrebig, aber nicht emotionslos. Er ist pragmatisch, aber in ihm brennt ein Feuer. Diese eher seltene Kombination von Charakterzügen bestimmte seinen Weg. Darum ist er heute hier und darum klingt das irgendwie so logisch, wenn er davon erzählt.

In Aleppo ist er neun Jahre zur Schule gegangen. Sein Abschluss entspricht unserer Mittleren Reife. Gemeinsam mit seinem Bruder hat er schon neben der Schule in einer Schneiderei gejobbt, wo er dann in Vollzeit anfing, als seine Schulzeit beendet war.

Der Beruf des Schneiders brachte Ahmad zwar Geld und ein sicheres Auskommen, aber mehr auch nicht. Es war halt ein Job. Kurz bevor er mit 18 Jahen zum Wehrdienst eingezogen wurde, führte der Zufall ihn in die Küche eines Restaurants. Er arbeitete dort nur ganz kurz, doch es war ihm sofort klar, dass dies nicht nur ein Beruf, sondern seine Berufung war. Die Leidenschaft, die er als Schneider nie gespürt hatte, brannte plötzlich lichterloh.

Während des Militärdienstes wurde Ahmad nach der Grundausbildung als Fahrer in den Libanon geschickt. Der Einsatz war unspektakulär, er saß seine Zeit ab. Wie sehr ihn das gelangweilt hat, wird klar, als er meine Frage nach der Dauer des Wehrdienstes ohne Zögern mit „2 Jahre, 7 Monate, 4 Tage“ beantworten kann.

Im Libanon fühlte Ahmad sich wohl und inzwischen hatte er dort ein stabiles soziales Umfeld. Als ihm einer seiner Freunde einen Job in einem Restaurant anbot, war klar, dass er bleiben würde. An seiner ersten Arbeitsstelle erlernte er die Grundlagen der französischen und arabischen Küche. Während der kommenden zehn Jahre wechselte er häufig den Job und eignete sich so Kenntnisse fast aller internationaler Küchen an. Ahmad wollte nicht einfach nur kochen. Er wollte der Beste sein. Sobald er das Gefühl hatte, dass er in einem Restaurant alles gelernt hatte, was es dort zu lernen gab, suchte er nach neuen Herausforderungen. Im Laufe der Zeit erhielt er immer verantwortungsvollere Jobs. Leitete schließlich die Küchen der jeweiligen Restaurants. Er arbeitete von morgens bis abends, war nur zufrieden, wenn seine Gerichte perfekt waren. Er sagt von sich selbst, dass er privat ein netter Kerl sei, aber dass es wohl nicht so leicht sei, mit ihm zu arbeiten. Was er sich selbst abverlangt, erwartet er auch von seinen Mitarbeitern. Nach zehn Jahren Sturm und Drang wurde er ein bisschen ruhiger und blieb auch mal mehrere Jahre in ein und demselben Restaurant. Heute kann er zwanzig Jahre Berufserfahrung aufweisen – und die Leidenschaft brennt unvermindert.

Als Ahmad knapp 30 Jahre alt ist und immer noch nichts als Kochen im Kopf hatet, wurde seine Familie langsam unruhig. Immer öfter kamen Fragen, wann er denn endlich heiraten wolle. Gut, dachte er sich, sie haben ja recht. Also schaute er sich um und lernte 2005 seine heutige Frau kennen. Als 2006 im Libanon Krieg ausbricht, machte sich seine Familie große Sorgen um seine Sicherheit. Er gab dem Drängen nach und kehrte zurück nach Syrien. Dort heiratete er und arbeitete in zwei verschiedenen Restaurants. Aber so richtig zufrieden war er nicht. Im Libanon fühlte er sich freier, konnte kreativer arbeiten. Schon bald kehrt er daher dorthin zurück. Seine Frau blieb jedoch in Syrien. Auch sie ist Schneiderin, genau wie ihr Vater, und die beiden führten gemeinsam einen eigenen Laden. 2008 wird Ahmads Sohn geboren, 2009 bekommt das Paar eine Tochter. Ahmad kommt nur gelegentlich nach Syrien zu Besuch. Lange hält es ihn dort aber nie. Die beiden führen eine moderne Beziehung. Eigentlich brauchen beide ihre Arbeit, um glücklich zu sein. Aber Ahmads Frau weiß, dass es an ihr ist, diese Fernbeziehung zu beenden und folgt ihm schließlich schweren Herzens mit den beiden Kindern in den Libanon. Anfangs war es für das Paar eine harte Zeit. Ahmad war rund um die Uhr im Restaurant und wusste, dass er natürlich zu Hause vermisst wurde. Sie kannte niemanden, hatte die Kinder zu versorgen und ihr fehlte der Ausgleich durch die Arbeit als Schneiderin. Als jedoch 2012 der Krieg in Syrien losging, kamen auch ihre Eltern in den Libanon. Mit ihrem Vater eröffnete sie erneut eine Schneiderei. Jetzt wurden die Zeiten wieder besser.

Ahmad liebt seine Familie – nicht, dass Missverständnisse aufkommen. Aber einen Bürojob zu machen, um abends zu Hause auf der Couch zu sitzen, könnte er nicht aushalten. Er braucht die Hektik in der Küche, das Zischen von Öl, das Klappern der Messer. Leer gegessene Teller und zufriedene Gäste sind für ihn wie der Applaus für den Schauspieler. Das macht ihn glücklich. Als ich ihn frage, wie das für ihn war, als plötzlich die Familie bei ihm war und seine Zeit in Anspruch nahm, zögert er erst, überlegt, welche Antwort jetzt wohl korrekt wäre. Doch dann grinst er: „Ja, war schwierig. Vorher habe ich ja wie ein Junggeselle gelebt. Aber Kinder zu haben, ist was richtig Cooles. Fast so gut wie Kochen.“ Seine schwarzen Augen blitzen, er lacht und man kann ihm diese Bemerkung einfach nicht übel nehmen.

Aufgrund des Krieges fliehen viele Syrer in den Libanon. Die Arbeit wird knapp, die Löhne sinken und die alte Feindschaft zwischen den Völkern wird wieder spürbar. In dem Kindergarten, in den Ahmads Kinder gehen, wird ein völlig absurdes Schichtsystem eingeführt. Die libanesischen Kinder werden morgens betreut, die syrischen Kinder dürfen erst nachmittags kommen. Ahmad ist sprachlos über so viel Engstirnigkeit, fügt sich aber zunächst. Noch hat er Hoffnung, dass die Zeiten bald wieder besser werden. Leider irrt er sich.
Als seine Kinder schulpflichtig werden, ist schnell klar, dass man es den syrischen Jungen und Mädchen gezielt schwer macht. Ahmad zögert nicht lange, denn seine Kinder leiden. Er macht sich seine Kontakte zunutze und schafft es, die beiden in einer katholischen Privatschule unterzubringen. Natürlich kostet ihn das ein kleines Vermögen. Und die alltägliche Ablehnung, die seine Familie zu spüren bekommt, kann er damit trotzdem nicht verhindern. Langsam aber sicher formt sich immer stärker der Gedanke, das Land zu verlassen. Ahmad ist eben pragmatisch. Er erkennt, dass eine schnelle Besserung nicht in Sicht ist. Seine Kinder in dieser Atmosphäre groß werden zu lassen, ist für ihn keine Option. Seine Frau und sein Schwiegervater merken in ihrer Schneiderei auch, dass Syrer nicht mehr wohl gelitten sind. Er selbst weiß, dass es in der aktuellen Lage niemanden interessiert, dass er mehr Zeit seines Lebens im Libanon verbracht hat, als in Syrien.

Was für Optionen gibt es? Zurück nach Syrien können sie nicht. Im Libanon bleiben, wollen sie nicht. Jetzt haben sie noch genug Erspartes, um die Flucht für die gesamte Familie bezahlen zu können. Und Ahmad spricht Englisch. Somit sind sie in der Lage sich verständlich zu machen und unsere Schrift zu lesen. Nach Abwägung aller Aspekte beschließt die Familie im Juni 2015 schließlich, sich Richtung Europa aufzumachen.

Zunächst fliegen sie aber in die Türkei, denn Ahmad hat noch etwas zu erledigen. Mithilfe eines alten Freundes, der an der Grenze zu Syrien jeden Schleichweg kennt, schafft er es, noch einmal unentdeckt nach Aleppo zu gelangen, um sich von seinen Eltern zu verabschieden. Vier Tage verbringt er dort, dann schleicht er sich zurück in die Türkei, wo seine Familie samt Schwieger-eltern auf ihn wartet.

Jetzt beginnt eine Reise voller Gefahren und Ungewissheit. Mit Schwiegereltern und zwei kleinen Kindern, mit dem Nötigsten an Gepäck und mit all den Geschichten, die uns aus Medienberichten im Zusammenhang mit Flüchtlingen leider vertraut sind. Mit dem Schlauchboot bis zu einer griechischen Insel, weiter mit dem Zug, dann mit dem Bus, zwischendurch mal im Taxi. Und die Angst reist die ganze Zeit mit. Angst, dass den Kindern etwas passiert, dass die Familie getrennt wird, dass jemand stirbt. Übernachtung im Zelt, mit Glück im Hotel. Manchmal laufen sie auch die Nacht einfach durch. Sie kommen durch Mazedonien, Serbien, Ungarn. Sie verpassen Transferzüge, weil sie erst lernen müssen, dass man sich den Weg frei boxen muss, wenn es mehr Flüchtlinge als Plätze gibt. Sie verstecken sich vor der Polizei und werden von Schleppern statt in ein Taxi nach Passau in den fensterlosen Laderaum eines LKWs verfrachtet, der sie mitten in der Nacht auf irgendeiner deutschen Landstraße ablädt. Sie werden von einer vorbeifahrenden Frau mit Getränken versorgt und schließlich doch von der Polizei aufgesammelt. Über Göttingen, Bielefeld und Schöppingen gelangen sie schließlich nach Wuppertal. Sie erhalten eine Wohnung und sind fortan in der Warteschleife, denn die Behörden sind mit dem großen Andrang überfordert und man braucht Geduld.

Aber Ahmad wäre nicht Ahmad, wenn er nun der Dinge harren würden, die da kommen. Ohne die Sprache kann er nichts bewegen. Das ist das Erste, worum er sich kümmert. Er besucht einen Deutschkurs und legt nach acht Monaten die B1-Prüfung ab. Und er weiß, dass nichts wertvoller ist als gute Kontakte. Also knüpft er welche. Zunächst wendet er sich an einen kurdischen Verein. Doch als er merkt, dass dort zwar den Kurden geholfen wird, anderen Arabern jedoch nicht, ist er empört und wendet sich von den Landsleuten ab. Zwischenzeitlich hat er dort allerdings eine deutsche Familie kennengelernt, die ihm und seiner Familie in der ersten Zeit sehr hilft.
Er erfährt, dass im Café Ada Treffen für Flüchtlinge und Wuppertaler organisiert werden, und lernt auch dort Deutsche kennen. Er besucht einen von der Caritas organisierten Teesalon und sein Bekanntenkreis wird immer größer.

Und dann erfährt er von einem Projekt, das ihm beides beschert: neue Kontakte und die Möglichkeit, endlich wieder seiner Leidenschaft zu folgen. Für „Über den Tellerrand kochen“ schwingt er endlich wieder den Kochlöffel und lässt die Messer tanzen.

Ahmad will in Deutschland bleiben und arbeiten. Im Libanon hatte er berufliche Anerkennung und finanzielle Sicherheit. Dass er jetzt wieder ganz von vorne anfangen muss, ist nicht einfach. Zumal inzwischen sein drittes Kind geboren wurde. Aber es macht ihm nichts, zwölf bis vierzehn Stunden am Tag abzureißen. Gerne wäre er wieder sein eigener Chef. Für Freunde bietet er einen Catering-Service an. Hochwertiges arabisches Fingerfood ist seine Spezialität. Einige Hochzeiten und Geburtstage hat er schon ausgerichtet. Inzwischen kommen auch Anfragen von Neukunden.

Und weil Ahmad keine halben Sachen macht, plant er bereits den nächsten Deutschkurs, um im Kundengespräch professioneller zu wirken. Auch nach einem Steuerberater schaut er sich um. Sobald es ihm möglich ist, will er loslegen. Aber durch seine Erfahrung weiß er, dass eine Selbstständigkeit, noch dazu in einem fremden Land mit unüberschaubar vielen Gesetzten und Vorschriften, sorgfältig geplant werden will. Leidenschaft und Zielstrebigkeit sind da eine gute Kombination. Und solange?

Bereits jetzt arbeitet er am Wochenende in der Küche des Swane-Cafés. Gemeinsam mit Selly Wane organisiert er Stände auf dem Luisenfest, Messen, zuletzt der ChocolArt.
Und jetzt wird er mitwirken am Projekt „Cooking Hope“. Er soll die Küche im Swane-Café leiten und Flüchtlinge aus- und weiterbilden, die in der Gastronomie tätig werden möchten.

Aber, so sagt er, als erstes werde er den Bewerbern klar machen, was es bedeutet, in einem Restaurant zu arbeiten: kein Wochenende, keine Feiertage, kein pünktlicher Feierabend und immer Stress. Wer dann noch immer dabei sein wolle, der bekäme seine volle Unterstützung! Das könne er garantieren.
Und niemand, der ihn reden hört – mit glänzenden Augen – hat Zweifel, dass Ahmad seine Ziele erreichen wird. Angetrieben von einem Feuer der Leidenschaft, das alle Hürden einfach niederbrennt.


November 2017 – Leonie Zimmermann

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