Crowdfunding beendet
Es geht um die Poetisierung der Welt. Viel Wertvolles geht ja zur Zeit in kopfloser Hysterie und belanglosem Social-Media-Geschwätz unter, dabei warten überall kleine schillernde Geschichten und Gedanken auf ihre Entdeckung. So werde ich loslaufen... Von Stadt zu Stadt, immer auf der Suche nach literarischen Schönheiten und philosophischen Schätzen. Eine poetische Wanderung…
5.626 €
Fundingsumme
83
Unterstütz­er:innen
Michael Schmidt
Michael Schmidt Projektberatung "Brillante Crowd-Finanzierungsrunde, ich bin gespannt wie es mit diesem Projekt weitergeht."
05.06.2020

Tag 7 - von Dahme nach Neustadt

Heinz Ratz
Heinz Ratz2 min Lesezeit

Der Tag gestern begann zunächst außerplanmäßig mit der Rettung von 6 jungen Kohlmeisen. Wir hatten das Nest schon vor fast drei Wochen entdeckt, 12 kleine Vogel-Eier, von der Kohlmeisenmama in die Tiefen eines Stahlträgers versenkt und schon damals war klar, dass die Jungen das nie da raus schaffen würden. Nach Telefonaten mit hiesigen Vogelexperten sahen wir davon ab, das Nest samt der Eier rauszuholen, da die Vogeleltern es nicht als das eigene wiedererkennen würden, solange die Jungen noch nicht geschlüpft waren.
Zwischendurch hatte ich schon aus einem langen Ast und einem alten Regenschirm einen Regenschutz gebastelt, da das Nest und die kleinen Vögel Gefahr liefen bei Starkregen in dem Träger ertränkt zu werden. Und nun, nach fast drei Wochen, schafften die Tiere es offensichtlich nicht, den engen hohen glattgeschliffenen Träger hochzufliegen. Ich hab mal eine Skizze gemacht, wie wir die Tiere mit Hilfe von Drähten und Rebeccas schlankem langen Arm schließlich gerettet haben.

Diese Rettungsaktion dauerte aber so lange, dass ich erst spät in Neustadt ankam. Mittlerweile hatte es stark zu regnen begonnen. Ich schrieb eine gereimte „kapitalistische Empfehlung“ bei der ich immer wieder auf die wertstabilste Investition kam: den Stacheldraht.
Außerdem begann ich eine Gesichte über zwei Neuzehnjährige, die im Regen eine Stunde lang vor mir herliefen: „Junge Rüden“ - und ihre Pferde, günstige japanische Sportwagen. Völlig durchnässt in Neustadt angekommen setzte ich mich erstmal ins Café und begann außerdem über die Vogelrettung zu schreiben - aus Perspektive der Vögel, die immer nur das kleine rostige Stahlträgerdasein kannten, den schwarzen Schirm am Himmel und dann plötzlich in die Fülle des Lebens geworfen wurden. „Katholische Meisen“ nannte ich es, weil ich abdriftete in Kloster, Keller, Hölle, Paradies... und weil der Regen dann noch zugenommen hatte, beschloss ich, die restlichen 25 km nach Dahme nicht mehr zu laufen. Ich hoffe, ihr verzeiht mir die für einen Norddeutschen ganz untypische Wasserscheu. (Aber gebürtig bin ich ja auch ein Rheinländer ????)

Impressum