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Projekte / Literatur
"Die Stille bei Neu-Landau" ist ein historischer Roman über das Schicksal der deutschen Minderheit, die bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im Schwarzmeergebiet lebte. Durch den Einmarsch der Wehrmacht, veränderte sich das Leben der Menschen. In den Jahren 1943 / 1944 gab es größere Umsiedlungsaktionen, in denen die nun sogenannten Volksdeutschen nach Deutschland gebracht wurden. Mit dem Einmarsch der Sowjet-Armee begann für die Schwarzmeerdeutschen ein neues Leidkapitel.
5.025 €
10.000 € 2. Fundingziel
49
Unterstützer*innen
Projekt erfolgreich
Gefördert von Dein Buch-Projekt
29.07.19, 20:59 Katharina Martin-Virolainen
OH MY GOD! Was passiert hier?!?!?!?! Das habe ich mich nicht nur gestern Abend gefragt, sondern die letzten vier Wochen, während meine Crowdfunding-Projekt auf Startnext lief. So eine Anzahl an Rückmeldungen habe ich in meinem Leben nicht bekommen! ???? Die Nachrichten und Kommentare unter meinen Beiträgen haben mich immer weiter angetrieben. Ich habe gesehen und gespürt, wie wichtig dieses Thema für viele Menschen heute noch ist. Geschichte kann man nicht umschreiben. Aber wir können sie erzählen. Nicht nur unseren Kindern und Enkelkindern, sondern auch den Menschen in unserem Umfeld - auch total fremden Menschen. Allen Menschen, die offen dafür sind. Offen, für die Geschichte der deutschen Minderheiten aus dem Osten - für alle Deutschen aus Russland, alle Vertriebenen, alle, die diesen schweren Schicksalsweg gehen mussten. Alle, die hier in Deutschland angekommen, sich oft unwillkommen und unverstanden fühlten. Alle, die sich jahrzehntelang nach der alten Heimat an der Wolga, in Wolhynien oder in Schlesien und vielen anderen Herzenorten sehnten. Alle, die diese Sehnsucht und diesen Schmerz an uns weiter gegeben haben. Wir, die Nachfahren dieser Menschen, haben heute so viele Möglichkeiten darüber zu sprechen. So viele Wege und Mittel darüber zu berichten. Wir können so viele Menschen erreichen. Wir können offen darüber sprechen, worüber unsere Großeltern teilweise Jahrzehnte schweigen mussten. In den letzten Wochen habe ich solch einen Zuspruch erfahren. Das WIR ist stärker, als wir uns das vielleicht denken und vorstellen können. Wir haben so viel gemeinsam, ganz egal, woher wir oder unsere Vorfahren kommen. Ob aus Sibirien oder aus der Steppe Kasachstans, aus Wolhynien oder aus Schlesien, aus Preußen oder aus Siebenbürgen, und, und, und... Wir haben eine Sache, die uns vereint: WIR ERINNERN UNS! Meine eigenen Wurzeln ziehen sich über so viele Ecken zusammen: Aus meiner ersten Heimat Russland - über Wologda, Karelien und Sibirien, über die magische Steppe Kasachstans, über mein so schmerzhaft geliebtes Wolhynien, über Schlesien und Preußen, bis in den Schwarzwald und gar die Region, wo ich jetzt lebe. Von hier sind meine Vorfahren einst ausgewandert. Hierher kam ich 200 Jahre später zurück. So schließt sich der Kreis. Alles hat seinen Sinn und Zweck. Je länger und tiefer ich in der Familiengeschichte grabe, desto mehr erkenne ich die Bedeutung von dieser Aufgabe. Ja, gar Mission. <3 Danke für alles, meine lieben Freunde <3 Danke für all eure Erinnerungen, Geschichten, Lebensberichte, für jedes einzelne Wort. Je mehr und lauter wir darüber sprechen, desto mehr Leute werden uns hören. Wir sind auf dem richtigen Weg, meine Lieben <3 Danke für jede Unterstützung für mein Projekt. Danke für die Spenden, danke für die stärkenden Worte, danke für jede Sekunde Aufmerksamkeit, die ihr diesem Projekt geschenkt habt! "Die Stille bei Neu-Landau" erblickt nur dank Euch das Licht dieser Welt! Schon ganz ganz bald... Gesponnen aus Erinnerungen, aus Tränen, Lächeln und Hoffnung. So wie wir auch. Danke, danke für alles <3
26.07.19, 10:14 Katharina Martin-Virolainen
2000 Euro - 2 TAGE - NOCH 120 BÜCHER, die gebucht werden können und dazu beitragen können, dass das Projekt erfolgreich ist! Denn bei dieser Kampagne geht es um ALLES oder NICHTS! Und hier, wie versprochen die LESEPROBE Nr. 2!!! Passt wunderbar zum aktuellen Wetter... In den Kommentaren erzähle ich später noch die Hintergrundgeschichte zu dieser Szene im Buch... Obwohl dieser Roman mit meiner eigenen Familiengeschichte nichts zu tun hat, beginnt er mit einer Szene, zu der mich ein Erlebnis aus meiner eigenen Familie inspiriert hat. Unterstützt mein Projekt noch bis zum 28. Juli! ********************* Juli 2008 Diese unerträgliche Hitze, die so sehr an die Hitze in der kasachischen Steppe erinnerte. Wäre da nur nicht diese furchtbare Schwüle. In Kasachstan war die Hitze trocken. Hier in Deutschland war die Luft feucht, wie in einem Gewächshaus. Die Festhalle hatte zu allem Übel auch noch keine Klimaanlage. Da wurde wohl an der falschen Stelle gespart. Die Gäste gingen immer wieder hinaus, in der Hoffnung draußen frische Luft schnappen zu können. Doch im Freien war die Luft nicht viel besser als in der stickigen Halle. Sie stand regungslos. Kein Windchen, kein Durchzug. Nichts bewegte sich. Unter dieser gnadenlosen Sonne schient die Erde ihren Atem angehalten zu haben. Die verschwitzten Menschen versuchten sich mit kühlen Getränken und feuchten Tüchern auszuhelfen. Doch die Sonne schien sich einen Spaß daraus zu machen die armen Kreaturen auf der Erde mit ihren Strahlen zu foltern. „Rein mit euch! Die Torte wird gleich gebracht!“ Tante Rosalia kommandierte die Gäste herein, die sich draußen vor der erdrückenden Luft der Festhalle zu retten versuchten. Unter lautem Gestöhne begaben sich alle in die stickigen Räume. Lustlos, gar genervt. Um ein wenig Schutz vor den Sonnenstrahlen zu haben, wurden die Jalousien heruntergefahren und nun versank der Festsaal in einer angenehmen Dämmerung. Die mehrstöckige Torte wurde hinein gefahren. Ein wahres Meisterwerk mit unzähligen Kerzen auf der unteren Etage. Die Kinder fingen an zu klatschen und zu jubeln. Die Erwachsenen fingen die Begeisterung der Kleinen auf und jubelten mit. Die Jubilarin saß am Kopfende des Tisches und schmunzelte verlegen. Sie war diesen Trubel um ihre eigene Person nicht gewohnt. Von allen Seiten ertönten Glückwünsche und ein paar Gäste stimmten das bekannte Geburtstagslied an. Als die Torte vorgefahren wurde, erhob sich die Dame im himmelblauen Kleid von ihrem Stuhl und schlug vor Begeisterung die Hände zusammen. „Allein werde ich das niemals schaffen!“, lachte die Jubilarin und winkte die Kinder herbei: „Kommt, meine Liebsten! Helft mir doch!“ In Sekundenschnelle scharten sich die kleinen Gäste um Großtante Margarethe und auf ihr Zeichen pusteten alle, was das Zeug hielt. Als alle Kerzen ausgeblasen waren, applaudierten, jubelten und pfiffen die Gäste so laut, dass Margarethe sich für einen kurzen Moment die Ohren zuhalten musste. Die Torte wurde angeschnitten. Hinter dem Tortenwagen bildete sich eine geduldige und ordentliche Schlange. Auf einmal war die Hitze vergessen und jeder freute sich darauf ein Stück von der wunderschönen Torte ergattern zu dürfen. Keiner drängelte, keiner nörgelte. Jeder wartete brav und geduldig auf sein Stückchen. Tante Margarethe bekam das erste große Stück und betrachtete von ihrem königlichen Geburtstagsstuhl aus den Trubel um die große mehrstöckige Torte mit einer großen „80“ drauf. „Liebling, schmeckt sie dir?“, fragte Bernard mit leuchtenden Augen. Wie ein Kind, das sich auf Süßigkeiten freut. Er hatte noch kein Stück genommen. Wahrscheinlich würde er, wie immer, als Letzter aufstehen und sich an dem was übrig bleibt bedienen. So war Bernard eben. Margarethe grinste schelmisch, tunkte ihren Finger in die Creme und strich damit Bernard über die Nase. Er lachte und drohte ihr mit dem Zeigefinger. Margarethes Nichten, die aus der Nähe diese Szene beobachteten, tauschten vielsagende Blicke aus schmolzen bei diesem Anblick beinahe dahin. Liebe kennt eben kein Alter! Nachdem sich alle ein Stück von der Torte genommen haben und in der Festhalle wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, ertönte plötzlich ein helles Glasklirren. Am anderen Ende der Tischreihen erhob sich eine alte Dame, in einem gemusterten Kleid, mit ihrem Wasserglas in einer Hand und einem Messer in der anderen. Sie forderte Ruhe. Sofort verstummte die ganze Halle. Das Oberhaupt der gesamten Verwandtschaft, die älteste Schwester, Tante und Großtante der Familie Zillermann, Magdalena, ergriff das Wort: „Meine kleine Margo“, begann sie ihre Rede und warf noch einmal einen warnenden Blick in die Runde. Wehe, einer würde sie jetzt dabei unterbrechen! „Kaum zu glauben, dass du heute achtzig wirst!“ Margarethe rümpfte die Nase. Dass jeder diese Zahl heute auch so oft erwähnen musste. „Dabei kommt es mir vor, als wärst du immer noch dieses kleine Mädchen mit Zöpfen. Ich kann mich an deine Geburt erinnern. Daran, wie du aufgewachsen und erwachsen geworden bist. Ich habe dich ein Leben lang begleitet. Und du hast mich ein Leben lang begleitet. Mit dir habe ich Höhen und Tiefen erlebt. Mein Verstand weigert sich bis heute anzunehmen, dass wir beide so alt geworden sind. Aber in meinem Herzen wirst du immer meine meine kleine Margo bleiben…“ Margarethe lauschte ihrer ältesten Schwester und versuchte die Tränen zurück zu halten. Jetzt bloß nicht weinen! Unter dem Tisch drückte Bernard fest ihre Hand. Er spürte, dass sie unruhig geworden ist. „… so lass mich heute zu deinem Geburtstag ein Lied singen!“, schloss Magdalena ihre Rede ab. Sie schloss die Augen und in der Halle wurde es ganz still. Margarethe holte tief Luft. Sie ahnte schon, was kommen würde… Als Magdalena zu singen begann, konnte die kleine Margo nicht mehr gegen ihre Tränen ankämpfen. Jedes Wort, des ihr so schmerzhaft bekanntes Liedes, bohrte sich in ihre Ohren, in ihr Herz und ihre Seele hinein. Jedes Wort wie ein scharfer Messerstich. Jeder Ton wühlte sie auf. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Vor ihrem geistigen Auge tauchten plötzlich Bilder auf, die sie in den letzten Jahren fast schon krankhaft zu vergessen versuchte. Aber diese Erinnerungen holten sie immer wieder ein, als wollten sie Margarethe nicht loslassen. Obwohl sie sich so sehr darum bemühte diesen Erinnerungen keinen Platz in ihrem Leben mehr zu bieten. Nicht in ihrem Leben, nicht in ihrem Herzen, nicht in ihrem Kopf. Nur wenige Tage vor ihrem Geburtstag wurde sie von der Vergangenheit wieder eingeholt. Mittlerweile hatte Margo keine Kraft mehr. Es schien ihr ewiger Fluch zu sein. Und während sie mit bitteren Tränen und schmerzhaften Erinnerungen kämpfte, ertönte in der erhitzten Festhalle ein altes deutsches Lied, das man vor langer langer Zeit in einem kleinen deutschen Dorf in der Ukraine sang: „…drum sag ich’s noch einmal, schön ist die Jugendzeit, schön ist die Jugend, sie kommt nie mehr…“ Nachdem ihre Schwester das Lied zu Ende gesungen hat, nickte Margo ihr als Dankeschön zu, stimmte jedoch nicht in den Beifall der Gäste ein. Sie atmete tief und schnell. Ihr wurde es ganz schwindlig. Als würde sie gleich ersticken. Bernard warf ihr einen besorgten Blick zu und streichelte ihre Hand. Doch Margo wehrte ab, legte ihre Serviette auf den Tisch und verließ unauffällig die Halle. Draußen wurde sie von der erdrückenden Hitze begrüßt. Geblendet von der Sonne und entkräftet vom Schluchzen, sank Margo hinter der Festhalle, an der heißen Wand entlang auf die Erde. Unter ihren Fingern spürte sie das weiche Gras. Fast so weich, wie damals in Neu-Landau. Dort, in einem, fast schon vergessenen Leben…
23.07.19, 09:36 Katharina Martin-Virolainen
Gestern wurde mein Interview bei Cosmo - Radio po Russki ausgestrahlt. Nachhören kann man unter folgenden Link ab der 23 Minute. Leider nur auf Russisch ;) https://www1.wdr.de/mediathek/audio/cosmo/radio-po-russki/audio-radio-po-russki---audio-on-demand--1638.html
19.07.19, 09:28 Katharina Martin-Virolainen
Liebe Freundinnen und Freunde, die erste große Hürde ist überwunden und wie versprochen hier die erste Leseprobe aus "Die Stille bei Neu-Landau" <3 Danke an alle, die mir dabei zur Seite stehen! ***** (Auszug auf "Die Stille bei Neu-Landau) Eine Erinnerung Diese Stille… Diese herrliche, magische Stille, die es nur bei uns in Neu-Landau gibt. Ich schließe meine Augen, versuche mein Gehör noch mehr anzustrengen, doch es gelingt mir nicht über diese Stille hinaus zu hören. Ich liege auf dem Rücken, umarmt von den weichen Grashalmen, die sich wie ein grüner Schal um meinen Körper schmiegen. Meine Zehen spielen mit dem kühlen Grasteppich. Er ist noch etwas feucht vom frischen Morgentau. Meine Hände ruhen auf dem Buch, das sich gemeinsam mit meinem Bauch hebt und senkt. Und um mich herum diese Stille. Diese Stille bei Neu-Landau. Meine Augen öffnen sich langsam und bestaunen die kuscheligen Wolkenbilder auf der blauen Leinwand des Himmels. Die Sonne steht über den Fluss Ingul, sie blendet mich und versucht mit aller Kraft meine Aufmerksamkeit von den Wolkenkätzchen auf sich zu lenken. Meine Nasenflügel bewegen sich plötzlich flatterartig, als sie einen bekannten süßlichen Holzduft vernehmen. Heute wird es wohl wieder heiß werden. Doch daran stört sich die Stille bei Neu-Landau nicht. Mich durchströmt solch eine Ruhe. Die alte Trauerweide am Ufer des Flusses Ingul erwacht, als ein kleiner Windstoß sie zart an den Blätterspitzen streichelt. So vorsichtig, wie ein junger Mann seine Geliebte zum ersten Mal berührt. Als hätte er Angst, dass er sie durch die Berührung zerbrechen könnte. Die alte Trauerweide schwingt ihre Äste wie eine graziöse Tänzerin und wird sofort wieder still, als ihr heimlicher Verehrer, der temperamentvolle Wind, genauso schnell verschwindet wie er kam. Meine Hände liegen auf dem Buch, gefaltet, wie bei einem Gebet. Vielleicht habe ich in diesem Moment wirklich gebetet, still und unbewusst. Das Dorf Neu-Landau erwacht aus seinem Schlaf. Ich kann es an den Geräuschen erkennen, die diese zärtliche Stille zerschneiden. Für mich wird es Zeit ins Haus zurück zu kehren. Wahrscheinlich sind meine Eltern und meine Schwestern schon längst wach und suchen nach mir. Unser Haus liegt ganz am Rande des Dorfes Neu-Landau. Das letzte Haus am Ende einer breiten und staubigen Straße. Der Weg schlängelt sich am Ufer des Flusses Ingul entlang und verschwindet an der Pforte eines Wäldchen, dessen Eingang so dunkel ist, dass ich niemals den Reiz verspürt habe, diese Welt zu betreten. Wenn ich meine Mutter fragte, was hinter dem Wäldchen lag, antwortete sie stets trocken: „Nichts, was dich betreffen könnte.“ Also meinte ich seit meiner frühsten Kindheit, dort sei das Ende der Welt. Das Zentrum meines Universums war unser Heimatdorf in der Ukraine mit dem melodischen Namen Neu-Landau. Um dieses Zentrum herum tauchten noch weitere Orte auf, an deren Namen ich mich heute nicht mehr erinnern kann. […] Als wir in Neu-Landau lebten, war die Welt noch in Ordnung. Jeden Sonntag, vor dem Kirchenbesuch, schlich ich mich in den frühen Morgenstunden aus dem Haus und ging an das Ufer des Flusses Ingul zum Lesen. Es gab für mich damals nichts Schöneres als mich in das weiche Gras hinein zu legen, einfach nur träumen zu dürfen und der Melodie der Flussgewässer und dem Rauschen der alten Trauerweide lauschen zu können. Ich vernehme sanfte Schritte und schließe schnell die Augen. Mit klopfendem Herzen warte ich darauf bis sich ein Schatten über mein Gesicht legt. Ich öffne die Augen und treffe sofort seinen vorwurfsvollen Blick. Er hebt seine Augenbrauen und versucht streng zu wirken. Doch seine Mundwinkel zucken verräterisch und ziehen sich langsam zu einem breiten Lächeln. Ich schmunzle verlegen zurück und bevor ich ein Wort sagen kann, packt er meine Nase zwischen den Knöcheln seiner Zeige- und Mittelfinger und drückt ganz leicht zu: „Kleine Margo, hast du dich etwa wieder unerlaubt aus dem Haus geschlichen?“ Ich versuche meine Nase zu befreien und schlage seine Hand lachend ab. Er lässt sich theatralisch in das weiche Gras fallen, faltet die Hände wie ich auf dem Bauch zusammen und blickt verträumt nach oben. Während er neben mir liegt, möchte ich ihm so viel sagen, doch mein Mund ist ganz trocken und meine Kehle wie zugeschnürt. Ich atme kaum, damit mein verräterischer Herzschlag sich wieder etwas beruhigt. Eine Weile liegen wir einfach so da und sagen kein Wort zueinander. Dann springt er auf, richtet seine Weste und streckt mir einladend die Hand entgegen. „Los, kleine Margo! Lass uns ins Haus gehen. Die anderen warten schon auf uns.“ Mit der Zeit wurde es zu seiner Aufgabe mich vom Ufer des Flusses Ingul zum Frühstück abzuholen. Während in unserem Haus der morgendliche Trubel herrschte, wurde er zum Fluss geschickt, um die Ausreißerin zurück zu bringen. Das wurde zu unserem kleinen Ritual. Ich ging schon längst nicht mehr zum Fluss hinunter, um zu Lesen. Ich lag im hohen Gras mit dem Buch auf meinem Bauch und wartete nur darauf, bis seine Stimme mich aus meinen Tagträumereien weckt. Diese Stimme, die ich nicht weniger liebte, als die Stille bei Neu-Landau. Die Stimme des Mannes, der für mich den schönsten Namen auf dieser Welt trug: Christian Stille.
03.07.19, 10:09 Katharina Martin-Virolainen
Gestern habe ich auf Facebook und Instagram einen Beitrag gepostet und habe darauf viele Rückmeldungen erhalten. Der Beitrag wurde mehrmals geteilt und das hat mir deutlich gemacht, wie wichtig das Thema für einige Menschen doch ist... Was meint ihr dazu? *********************** Ich bin wütend. Ja, so wütend, traurig und verbittert wie schon lange nicht mehr. Nicht auf einen Menschen, nicht auf eine Aussage, sondern eher auf eine Tatsache. Mein neues Buchprojekt „Die Stille bei Neu-Landau“ ist nun seit fünf Tagen auf Startnext online und langsam kommt da etwas zusammen, wofür ich jedem einzelnen dankbar bin. <3 Warum und weshalb ich mich entschlossen habe das Crowdfunding-Projekt zu starten, wird ausführlich auf der Projektseite erklärt. Das muss ich hier nicht noch einmal aufrollen. Aber eine Bemerkung zu meinem Buchprojekt wühlt mich gerade innerlich auf: Dass es schwierig sein wird für das Projekt Unterstützer zu finden, da die Deutschen keine anerkannte „Opfergruppe“ sind und das Projekt nicht politisch opportun ist. Ich bin wütend. Nicht auf den Menschen, der das geschrieben hat, nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich bin ihm sogar sehr dankbar. Ich bin wütend darauf, dass er vermutlich Recht haben könnte. Wenn die Aufarbeitung von Geschichte jedoch nicht wichtig und „nicht politisch opportun“ ist, dann brauche ich ja gar nichts mehr zu machen. Ich habe ehrlich gesagt, so die Nase voll davon, dass ich mich als Deutsche aus Russland ständig ducken soll. Bloß nicht den Mund aufmachen und klagen. Bloß nicht vom schwierigen Schicksal der Oma erzählen. Bloß nicht immer wieder die Geschichte der Deutschen aus der Sowjetunion durchkauen. Das kann und will doch eh keiner mehr hören. Das Thema ist ausgelaugt. Man kennt es anscheinend inzwischen schon gut genug. Aber dann muss ich immer wieder in erstaunte Augen blicken, wenn ich sage: „Neeeeeein, ich bin keine Russin.“ Ach, echt? Hä, warum nicht - du kommst doch aus Russland! Aber über die Geschichte der Deutschen aus dem Osten - wenn ich das so grob zusammenfassen darf - zu sprechen: Ne, so richtig passt es nicht rein. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie oft ich in folgender Situation bin: Da erzähle ich vom Leid der deutschen Minderheit in der ehemaligen Sowjetunion, berichte von zerschlagenen menschlichen Leben, von zerstörten Schicksalen und man hält mir sofort entgegen, was während des Krieges die „Deutschen alles getrieben“ haben. Das lässt mich jedes Mal innerlich zusammen fahren. In diesen Momenten denke ich: Welche Schuld hatte denn meine deutsche Großmutter als Kind daran? Was konnte sie denn dafür? Sie und viele andere Kinder? Sie und viele andere Deutsche, die im Osten gelebt haben? Damit meine ich jetzt nicht nur die Deutschen, die auf dem Gebiet der Sowjetunion lebten, sondern auch in Osteuropa, die gewaltsam aus ihren Heimaten vertrieben wurden und auf der Flucht umgekommen sind. Die unterwegs grausame Dinge erlebt und viele Jahre darüber nicht gesprochen haben. Darüber nicht sprechen konnten. Denn die Deutschen können keine Opfer sein. Punkt. Selber schuld. Nehmt es hin und schluckt es runter. Aus meiner Sicht ist es eben aus diesem Grund umso wichtiger das Thema aufzuarbeiten. Geschichte bleibt Geschichte. Man schreibt sie nicht um, beschönigt sie nicht und verschließt vor ihr nicht die Augen. Ich kann mich vor den Lebensberichten und Zeitzeugenaussagen nicht verstecken und verschließen. Ich kann nicht immer nur Projekte machen, die allen gefallen und für alle bequem sind. Und unsere Geschichte ist bis heute leider immer noch nicht so bekannt und verbreitet, machen wir uns doch nichts vor. Ich behaupte nicht, dass sich diese Tatsache durch das Erscheinen meines Buches ändern wird - aber mein Buch ist ein Beitrag dazu. Ein Beitrag von vielen Beiträgen, die bereits da sind oder noch kommen werden. Noch kommen müssen. Doch wenn wir jedes mal nur kuschen, dann kommt es irgendwann mal zum absoluten Stillstand. Wenn mein Buchprojekt so unpassend ist, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Wenn es keine Unterstützer finden sollte, dann ist es halt so und ich werde mich einfach umorientieren. Ist jetzt kein Weltuntergang. Dann wandert das Manuskript eben zurück in die Schublade und wartet bis irgendwann vielleicht mal die Zeit kommt, zu der das Projekt von Bedeutung und Interesse sein wird. Das Foto hat mir übrigens der russlanddeutsche Schriftsteller Heinrich Rahn zugeschickt. Danke Heinrich. Nicht nur für das Foto, sondern in erster Linie dafür, dass Du an das Buchprojekt glaubst. PS: Das Geld, das bei der Finanzierung zusammen kommt, ist übrigens nicht für mich, damit ich anfange das Buch zu schreiben. (Scheint wohl eine sehr brennende Frage bei einigen zu sein.) Das Buch ist bereits sehr fortgeschritten in der Produktion. Die Mittel sind dafür, dass das Buch zeitnah und überhaupt rauskommt. Wenn es natürlich überhaupt von Interesse und Bedarf ist. Wird sich ja noch zeigen.
27.06.19, 11:21 Katharina Martin-Virolainen
...wieso ich eigentlich darauf komme über so ein Thema zu schreiben? Wozu die Spurensuche-Reisen? Vergangenes Jahr habe ich meine erste Spurensuche unternommen und es war eine sehr emotionale Reise. Man kann es nicht mit Worten beschreiben, was einen durch den Kopf geht, was in diesen Momenten mit dem Herzen und der Seele geschieht. Es sind magische Momente, voller Traurigkeit, aber auch Hoffnung. Ein kleines Video möchte ich hier teilen. Es war während meiner Reise nach Wolhynien im September 2018. Weitere Videos kann man sich auf meinem Kanal auf YouTube anschauen. Beim Support gibt es übrigens auch die Möglichkeit solch eine Spurensuche-Reise als Geschenk zu nehmen!
25.06.19, 10:04 Katharina Martin-Virolainen
Nach dem die Story mehr als zehn Jahre lang in meinem Kopf gereift ist, möchte ich sie nun aufs Papier bringen! "Die Stille bei Neu-Landau" ist ein Zeitzeugnis und eine eindrucksvolle Reise durch die Geschichte der Schwarzmeerdeutschen.