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Am 8. Juli 1952 wurde Walter Linse von der Stasi in West-Berlin entführt. Er entwickelte sich in der Folge zu einer Ikone für den Widerstand gegen die SED-Diktatur. 2007 publizierte ich eine Biografie, die zudem Linses Rolle im Nationalsozialismus thematisierte. Seitdem wird vor allem seine Beteiligung an der »Arisierung« in Chemnitz betont. Aber auch diese einseitige Betrachtung wird Linses Leben nicht gerecht: Beide Aspekte gehören zu seiner Biografie.
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16/11/2017, 11:07 Dr. Benno Kirsch

Im Verlauf meiner Recherchen zu Walter Linses Rolle in der NS-Zeit hat einmal ein Lokalhistoriker mir gegenüber die Vermutung geäußert, Linse könne Zuträger des Sicherheitsdienstes (SD) der NSDAP, also des parteieigenen Nachrichtendienstes, gewesen sein. Er empfahl mir, dieser Spur nachzugehen. Da außerdem ein zweiter Kontaktmann (ich habe vergessen, wer das war) unabhängig vom ersten ebenfalls diese Vermutung äußerte, beschloss ich, mich diesem Thema einmal zu widmen.

Es erwies sich allerdings als schwierig, belastbare Informationen zu erhalten, die diese Vermutung stützen würden. Zum einen hatte ich bis dahin nie irgendeinen Hinweis auf eine Zuarbeit Linses zum SD erhalten, was auf geringen Wirklichkeitsbezug der Hypothese schließen ließ, zum andern erwies sich die Quellenlage als sehr schlecht: Wie ich der Sekundärliteratur entnehmen konnte, existierte zwar noch die Personalkartei des SD für Sachsen, die 1937 angelegt wurde und in der immerhin 2.746 Namen verzeichnet sind. Aber diese Kartei soll lückenhaft sein.

Ich nahm Kontakt mit dem Autor des Standardwerks über den SD in Sachsen auf. Carsten Schreiber hatte diese SD-Kartei zur Grundlage seiner Dissertation gemacht, die 2008 als Buch erschienen war (Elite im Verborgenen. Ideologie und regionale Herrschaftspraxis des Sicherheitsdienstes der SS und seines Netzwerks am Beispiel Sachsens, München 2008). Er warf für mich noch einmal einen Blick in seine Unterlagen: Eine Karte für Linse war nicht überliefert.

Da Linse nicht verzeichnet war, verzichtete ich darauf, selbst einen Blick auf die Kartei zu werfen (die außerdem – am Rande bemerkt – irgendwie schwer zu verorten war und meiner Erinnerung nach zur Benutzung gar nicht zur Verfügung stand), und begnügte mich mit den Angaben Schreibers in seinen Publikationen. Die waren insofern interessant, als hier auch Namen auftauchten, die mir bekannt waren. Es handelt sich um Mitarbeiter der IHK Chemnitz, Unternehmer, Politiker und Rechtsanwälte, die Linse mit Sicherheit kannte.

Aus diesen Informationen und allem, was ich sonst noch über Linse weiß, schließe ich nun, dass Linse kein Zuträger des SD war. Das hätte einfach nicht zu seiner Persönlichkeit (wie ich sie kennengelernt habe) und seiner Arbeitsweise in der IHK Chemnitz gepasst: Linse befolgte strikt die vorgegebenen Regeln; es fehlt bei ihm jeder Hinweis auf irgendeine Art von Korruption. Ich kann diese Schlussfolgerung nicht besser begründen, aber die anderslautende Vermutung, aufgrund der ich mich erst auf die Suche machte, scheint mir noch weniger stichhaltig zu sein. Ja, Linse hätte eventuell geheimer SD-Mitarbeiter sein können. Aber es fehlen die positiven Belege, und die Informationen drumherum sprechen dagegen.

Es ist allerdings wie so oft bei Linse: Er hat sich nicht aktiv beteiligt – und dennoch war er irgendwie mit dabei. Die IHK war für den SD eine wichtige Anlaufstelle, um Informationen aus den IHK-Mitgliedsbetrieben zu erhalten – und Linses Vorgesetzte und verschiedene Ansprechpartner kooperierten mit dem SD. Zu nennen sind der Hauptgeschäftsführer der IHK Chemnitz, ein stellvertretender Präsident der IHK Chemnitz oder der Geschäftsführer der Gauwirtschaftskammer Sachsen, in der die IHKn 1942 aufgingen.

Schreiber schreibt über das Spitzel-Netzwerk des SD: »Charakteristisch [...] sind die nur schwach institutionalisierten Beziehungen zwischen den Akteuren und die fließenden Grenzen. [...] Um das Zentrum von hauptamtlichen Führern und dem Führercorps gruppiert sich die Peripherie von ehrenamtlichen Mitarbeitern, V-Leuten und Zuträgern. [...] Diese unterste Ebene des Sicherheitsdienstes entsprach eher lockeren Personenverbänden, die die Fassade anderer Institutionen benutzten und deren Infrastruktur okkupierten.« Im Abschnitt Chemnitz trafen sich – zusammengeschweißt durch »Ideologie, Korruption, Alkohol und das Wissen um die gemeinsamen Verbrechen« – »Honoratioren [...], um sich mit den anwesenden Chefs von SD und Gestapo in alkoholgeschwängerter Atmosphäre per ›Du‹ auf dem sogenannten kleinen Dienstweg auszutauschen. Köstlichkeiten vom Schwarzmarkt lieferte der Direktor des ›Chemnitzer Hofes‹ – ebenfalls ein SD-Mitarbeiter. Manchmal wurden auch ›Luftschutz-Mädel‹ geladen und unter Alkohol gesetzt.« (»Eine verschworene Gemeinschaft«, in: Wildt (Hg.): Nachrichtendienst, politische Elite und Mordeinheit, S. 63 u. 75)

Wie gesagt: Es erscheint mir höchst unwahrscheinlich, dass Linse in solchen Runden verkehrte. Insofern behaupte ich bis zum Beweis des Gegenteils, dass er kein Zuträger des SD war.

Foto: Henning Supertramp / flickr.com / CC BY 2.0

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