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Am 8. Juli 1952 wurde Walter Linse von der Stasi in West-Berlin entführt. Er entwickelte sich in der Folge zu einer Ikone für den Widerstand gegen die SED-Diktatur. 2007 publizierte ich eine Biografie, die zudem Linses Rolle im Nationalsozialismus thematisierte. Seitdem wird vor allem seine Beteiligung an der »Arisierung« in Chemnitz betont. Aber auch diese einseitige Betrachtung wird Linses Leben nicht gerecht: Beide Aspekte gehören zu seiner Biografie.
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13/11/2017, 10:18 Dr. Benno Kirsch

Als ich 2007 meine Linse-Biografie veröffentlichte, war die erste Reaktion auch die schönste: eine Rezension im Deutschlandfunk, die mir – wie man mir sicherlich glauben wird – auch heute noch gut gefällt. In dieser Besprechung des renommierten Journalisten und DDR-Experten Karl Wilhelm Fricke, die am 2. Juli 2007 gesendet wurde, hieß es: »Eine biographische Studie, die trotz kühler Sachlichkeit spannend zu lesen ist. Aktengestützt und illustriert mit bislang meist unveröffentlichten Fotos und Faksimiles entstand eine fundierte Schrift, die beispielhaft zeigt, wie sich Repressionsgeschichte der beiden deutschen Diktaturen seriös aufarbeiten lässt.«

Bei der erneuten Lektüre dieser Rezension ist mir außerdem positiv aufgefallen, dass Fricke festhält, dass ich Linse als ambivalente Figur ansehe: Einerseits hat er als IHK-Referent seinen Teil dazu beigetragen, jüdische Geschäftsleute zu enteignen, andererseits kann man ihn kaum als überzeugten Nazi ansehen, zumal die Indizien dafür, dass er versucht haben könnte, den Opfern zu helfen, nicht von der Hand zu weisen sind. Fricke: »Mit gutem Grund plädiert Kirsch für eine differenzierte Sicht auf Walter Linse.«

Karl Wilhelm Fricke ist eigentlich kein Wissenschaftler, sondern ein Journalist. Geboren 1929, wurde er 1949 in Sachsen verhaftet, konnte aber nach West-Berlin fliehen, wo er sich als Journalist einen Namen machte. Dem SED-Regime war er durch seine Arbeit ein Dorn im Auge, weshalb das MfS ihn 1955 in West-Berlin in einen Hinterhalt lockte und nach dem Osten entführte. Nach seiner Freilassung wurde er in die Bundesrepublik abgeschoben, wo er weiter als Journalist arbeitete und mit zahlreichen Publikationen über das Wesen der DDR und die Lebenswirklichkeit ihrer Bewohner informierte. Seine Bücher waren gehaltvoller als die von vielen akademischen DDR-Forschern, die zwar sehr scharfsinnige Betrachtungen über das »System« anstellten, aber die Empirie vernachlässigten und dadurch die Diktatur verharmlosten.

Karl Wilhelm Fricke (2011). Foto: Maximilian Schönherr / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

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