Crowdfunding beendet
Mit Musik Brücken bauen, das lebe ich seit 17 Jahren auf den Bühnen dieser Welt. Im Lockdown ist ein Büchlein mit 14 neuen Kompositionen entstanden, das BOOK OF BRIDGES: Es erzählt musikalisch von Verbindungen zwischen Menschen und Meinungen, Kontinenten und Kulturen, Lebensfreude und Fragilität. Nun geht es endlich ins Tonstudio. Bitte hilf mit, indem Du das Album vorbestellst oder Dir eines der Dankeschöns sicherst. Berührende Geschichten warten auf Dich – tausend Dank für Deine Unterstützung!
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18.10.2021

DIE ENTSTEHUNG DER HOFFNUNG

Beatrix Becker
Beatrix Becker5 min Lesezeit

Eines meiner Lieblingsstücke auf dem neuen Album heißt "Discovery of Hope", es ist die vermutlich wichtigste Brücke im BOOK OF BRIDGES, und somit möchte ich mit Dir diese Entdeckungsreise aus dem vergangenen Winter teilen:

Am kältesten Tag des Jahres begebe ich mich auf die Suche nach Hoffnung. Sie ist in den letzten Wochen irgendwann abhandengekommen.

„Discovery of Hope“ nenne ich es.

Der Wind pfeift mir messerscharf entgegen. Ich bin merkwürdig euphorisiert. Das macht der Schnee mit den Berlinern. Noch nicht mal bei der Tramstation angekommen, tut mir schon das Gesicht weh. Vielleicht will ich mich einfach nur mal wieder spüren…

Dick vermummte Kinder laufen mit Schlitten im Schlepptau wie kleine Marshmallows Richtung Park. Auf der anderen Straßenseite sehe ich einen Kältebus nach Obdachlosen Ausschau halten.

Was ist Hoffnung eigentlich?

Ich folge einer Schneeverwehung, wie ich normalerweise meiner Intuition folge. Doch „normalerweise“ ist gerade nicht hier. Wann war es das letzte Mal so kalt?

Ich weiß noch, wie ich einmal früh morgens bei minus 18 Grad in St Moritz spazieren war. Trockene Kälte ist weniger kalt, sagt man. Damals war ich auch euphorisiert… abends hatte ich ein Konzert in Sils Maria gegeben. Die Morgenstunden auf Tour empfinde ich als besonders heilig. Es ist die Atempause zwischen zwei Gigs, der Moment danach und der Moment davor…

Vielleicht bin ich jetzt auch in einer Atempause?

Ich laufe zur Friedrichsbrücke. Im Herbst hatte ich hier ein Fotoshooting. Bridges of Music….
Eine Kollegin meinte neulich zu mir: „Na immerhin baust Du noch Brücken, statt unter ihnen zu schlafen!“

Schnee lässt alles leise werden. Berlin sieht aus wie ein winterliches Dorf. Vielleicht ist die Hoffnung ja auch nur eingefroren, still und leise unterm Schnee versteckt.

Der Dom steht wie ein Fels in der Brandung. Ein Teil wird gerade renoviert, aber er sieht trotzdem malerisch aus. Ein Kraftort, sagt man. Viele Konzerte habe ich hier gehört, und ja, definitiv Kraft gefunden, Inspiration, Verbundenheit. Jetzt müssen neue Kraftquellen entdeckt werden. „Deine Musik zu hören ist wie ein Kraftort“, hatte ein Konzertbesucher geschrieben. Mein Blick fällt auf einen Rettungsring.

Ich blicke zur anderen Seite Richtung Bodemuseum. Im Sommer saß ich hier früher oft auf der Brücke und lauschte einem grandiosen Flamenco Gitarristen, im Hintergrund das historische Berlin, händchenhaltende Liebespaare und fotografierende Touristen. Was der Gitarrist wohl im Winter macht?

Ich laufe weiter. Meine Hände fühle ich schon seit längerem nicht mehr. Aber das macht nichts, sie werden schon wieder auftauen und über die Tasten und Klappen tanzen und schwitzen.

Ist Hoffnung eigentlich eine Entscheidung?

Ein einsames Schloss in Herzform hängt an der Reling. Die Spreekönigin wacht hier wohl über den Wunsch eines Liebespaars.

Kann man Hoffnung selber kreieren?

Ich beschließe, ein Vorhängeschloss zu kaufen.
Mittlerweile brennen meine Füße vor Kälte. Was wäre es schön, sich jetzt in einem Café aufwärmen zu können. Am liebsten mit Kamin! Ich weiß noch, wie ich einen ganzen Dezember lang jede Woche im Teehaus am Kaminfeuer saß, ein Notizbuch auf dem Schoß, mein Blick in die Flammen gerichtet, während mein Geist eine Musik-Tournee nach New York entwarf. Völlig verrückt! Neun Monate später spielte ich im Cornelia Street Café in Manhattan.

Wird Hoffnung durch Imagination angefeuert?

Meine Augen bleiben an einem Aufkleber hängen: „Gönn’s Dir Baby!“

Wer bestimmt eigentlich, ob man Hoffnung haben darf?

Als ich vor 10 Jahren aus meiner damaligen Band ausgestiegen bin, da haben mich alle für verrückt gehalten. Wir spielten fast 100 Konzerte im Jahr, hatten das zweite erfolgreiche Album herausgebracht, die Karriere boomte. Doch ich wusste, dass ich etwas anderes wollte. Ich wusste noch nicht was. Aber ich wollte es herausfinden. Und so verließ ich entgegen aller Logik und aller mahnenden Stimmen die Gruppe und machte mich auf, meinen musikalischen Weg neu zu gestalten. Ich habe es seither nicht ein einziges Mal bereut.

Hoffnung ist in einem selbst.

Doch was macht man, wenn man sie partout verlegt hat?

Ich rutsche tiefer unter meine Schneekapuze, denn es hat aufgehört, langsam zu schneien. Meine Körpertemperatur steht im krassen Gegensatz zu den nackten Gestalten am Spreeufer. Das Quartett entstammt dem Bildhauer Wilfried Fitzenreiter: „Drei Mädchen und ein Knabe“. Wäre es nicht so kalt, würde ich mich gerne ein Weilchen zu ihnen setzen. Was die wohl so zum Thema Hoffnung sagen würden?

Auf dem Weg zur Schlossbrücke leuchtet ein bunter „Buddy Bear“ aus dem grauen Winterweiß hervor. Ich erinnere mich, dass dieses weltweite Kunstprojekt ein Symbol für die Hoffnung auf eine friedliche Weltgemeinschaft darstellt. Da ist sie also wieder… Hoffnung. 140 Künstler*innen aus der ganzen Welt, die Hoffnung für eine bessere Welt haben.

Ob Hoffnung ansteckend ist? Wie würde wohl eine Hoffnungs-Pandemie aussehen…

Durchgefroren, mit einem Handy voller Fotos und einem Geist gefüllt mit Gedanken, fahre ich nach Hause.

Im Frühling komme ich wieder. Und dann bringe ich meine Klarinette mit und spiele dem Buddy Bear, den drei Mädchen und dem Knaben eine Melodie vor. Über die Spreekönigin, die dann auch über meinen Wunsch an der Reling wacht, während sie der süßen Melodie lauscht: „Hope“.

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"BOOK OF BRIDGES" - das neue Album von Beatrix Becker
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