Projekte / Journalismus
Buch: Das Neue Spiel - Nach dem Kontrollverlust
Wir haben die Kontrolle verloren. Daten, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt, finden Wege, die nicht vorgesehen waren und sagen Dinge aus, auf die wir nie gekommen wären. Wir wurden in ein neues Spiel geworfen und niemand hat uns die Regeln verraten. Ich habe die letzten 3 Jahre Konzepte gesammelt, wie eine lebenswerte Welt nach dem Kontrollverlust aussehen kann. Wo liegen die neuen Gefahren, wo liegen die neuen Lösungen? Darüber möchte ich ein Buch schreiben.
20.467 €
8.000 € Fundingziel
668
Unterstützer*innen
Projekt erfolgreich
31.01.14, 08:51 Michael Seemann

Heute ist der letzte Tag. Noch 15 Stunden kann man das Projekt unterstützen. Und auch, wenn ich mit dem Ergebnis jetzt schon sehr glücklich bin, gibt es noch Dinge, die ich gerne erreichen möchte:

- Das zweite stretched Goal (20.000 Euro, siehe: http://www.startnext.de/ctrlverlust/blog/?bid=26703) ist noch ziemlich weit entfernt. Ich fürchte, es bräuchte mindestens einen Großspender, wenn wir das noch schaffen wollen.

- Aber ich würde wenigstens gerne die Gesamtsumme von 300 Büchern (Special Edition + Standard) erreichen. Dafür müssen noch 26 Bücher weggehen.

- Worüber ich mich auch noch freuen würde: insgesamt 600 Supporter. Es fehlen also noch 27. (Ich finde, die Anzahl der Supporter als Motivation sogar relevanter als die Geldsumme.)


Als Motivation dazu gibt es einen Text, den Ralf Stockmann (ein Medienwissenschaftler und Podcaster (http://wikigeeks.de/) dessen Urteil ich sehr schätze) gestern zu dem Projekt veröffentlicht hat:


Man will dabei gewesen sein. Der Kontrollverlust nach Seemann: drei Gründe, warum man sein Buchprojekt unterstützen sollte


1) Der Sweet Spot für Theoriebildung
In meinem früheren Leben als Medien- und Kommunikationswissenschaftler habe ich mich regelmäßig gefragt, warum mich manche Theorien mehr ansprechen als andere, und was genau die Erfolgsfaktoren für eine wissenschaftliche Theorie innerhalb ihrer Fachdisziplin sind. Warum – zumindest gefühlt – die letzte relevante Theorie der Kommunikationswissenschaft 30 Jahre alt ist. Warum es gerade Vertretern meiner Generation (frühe 70er) scheinbar so schwer fällt, neue Theorieansätze zu bilden die eine Breitenwirkung entfalten und über die reine Ausdifferenzierung des ewig Bekannten hinausgehen.

Ein nahe liegender Ansatz: der Komplexitätsgrad einer Theorie hat direkt Einfluss auf ihre Verbreitung. Ein grobes Raster ist schnell gefunden:

Unterkomplex
Durch das Spielen von Egoshootern wird man zum Amokläufer. Das Internet macht uns alle dumm. Früher war alles besser. Hier gilt: Theorien, die sich in einen Merksatz oder in die Überschrift eines Boulevard-Artikels pressen lassen, ist zu misstrauen. Sie transportieren Meinungen, Stereotype und Vorurteile, jedoch in den seltensten Fällen wissenschaftlich verwertbare, geschweige denn gesicherte Erkenntnis.

Überkomplex
Die Systemtheorie nach Luhmann. Die Theorie des kommunikativen Handelns nach Habermas. Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Diese Theorien haben gemeinsam, dass ein profundes Studium ihrer Aussagen und Rahmenbedingungen notwendig ist um die wirkliche Relevanz auch nur zu erahnen. Sie sind selten aus der Luft gegriffen, aber alles andere als zugänglich. Das schmälert nicht ihre Relevanz.

Mittelkomplex
Die Theorie zur Vermeidung kognitiver Dissonanz nach Festinger. Die Schweigespirale von Noelle-Neumann. Der Last Minute Swing nach Lazarsfeld. Diese Theorien besetzen einen sweet spot: man kann sie schlüssig in wenigen Absätzen skizzieren, oder auch mal auf einer Party zum besten geben. Sie haben immer einen plausiblen Grundkern, der anschlussfähig ist an eigene Erfahrungen (nach einem Kauf sucht man aktiv nach Kundenrezensionen, die die eigene Kaufentscheidung unterstützen und ignoriert eher kritische Kommentare -> Vermeidung kognitiver Dissonanz) und setzen darauf überraschende Facetten und Details. Mit diesen Theorien beschäftigt man sich gerne, sie erklären nicht alle Phänomene dieser Welt – geben aber im Zweifel Legionen anderer Wissenschaftler Impulse in neue Richtungen. Der unumstrittene Großmeister dieser Disziplin ist Paul Lazarsfeld: allein in „The People’s Choice“ (http://de.wikipedia.org/wiki/The_People%E2%80%99s_Choice) formuliert er auf 200 Seiten auf Grundlage einer einzigen Studie gefühlt 80% aller relevanter Theorien der modernen Medien(Wirkungsforschung).

Ich glaube, dass die Kern-Theorie des Kontrollverlustes mit ihren 3 Axiomen in ebendiese Kategorie der mittelkomplexen Theorien fällt. Dort hat es sehr, sehr lange Zeit nichts Griffiges mehr gegeben, schon gar nicht in Bezug auf Daten- oder Informationswissenschaftliche Theorien.

2) Daten sind Naturgesetzen unterworfen
In einem bold move, wie man ihn nicht alle Tage sieht, postuliert Seemann einigermaßen nassforsch: es existieren Naturgesetze für Daten und es ist an der Zeit sie zu beschreiben – Äpfel sind schon genug gefallen. Ebenso wenig, wie man die Gravitation ignorieren kann, kann man die drei Naturgesetze von Daten ignorieren. Man kann sich dagegen stemmen, aber ebenso wie gegen Gravitation ist dies ein teurer und letztlich aussichtsloser Kampf. Dass die drei einzelnen Axiome im Zusammenspiel auch noch eine Quasi-naturwissenschaftliche Formel bilden – vergleichbar mit Energie, die sich proportional zur Masse und dem Quadrat der Geschwindigkeit zusammensetzt – verstärkt noch diesen Eindruck. Der Ansatz im Stil von Naturgesetzen zu argumentieren bringt einen weiteren Vorteil: die Thesen werden einer voreiligen, normativen Vereinnahmung entzogen. Gravitation an sich ist weder gut noch schlecht – und kann gleichermaßen für ballistische Geschosse im Krieg genutzt werden wie als grüner Energieträger in Wasserkraftwerken. Ob der Kontrollverlust als Instrument der Kontrolle oder Befreiung begriffen wird ist ebenso offen. Im Ergebnis mögen die drei Treiber des Kontrollverlustes (http://www.carta.info/39625/vom-kontrollverlust-zur-filtersouveranitat/) unterkomplex, falsch oder überbewertet sein – die Theoriekonstruktion allein entfaltet eine Eleganz, deren Charme und Anschlussfähigkeit man sich nur schwer entziehen kann und die man so lange nicht gesehen hat.

3) Man will dabei gewesen sein
Die Grundgesetze der Daten werden mit breiter Brust formuliert, aber es gibt wenig Anlass daran zu zweifeln, dass sie im Kern plausibel sind. Im Gegenteil: sowohl anekdotische Evidenz, als auch harte Empirie bestätigen Tag um Tag und immer offenkundiger, dass sich die Theorie des Kontrollverlustes als ausgesprochen langlebig erweisen könnte. Die nötige Beachtung innerhalb der Kommunikationswissenschaft fehlt jedoch. Das soll ein Buchprojekt ändern, an dessen Crowdfunding man sich noch für wenige Stunden beteiligen kann.

Ich werde es mir nie verzeihen, dass ich im November 2004 zu verzagt war, die Firefox-Anzeige in der FAZ (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/browser-werbung-firefox-fans-geben-faz-lesern-feuer-a-330589.html) finanziell zu unterstützen. Dass diese eine Seite heute nicht mit meinem Namen versehen ist, betrachte ich als Moment großen persönlichen Scheiterns. Wie uncool Firefox heutzutage auch sein mag – damals war es wirklich wichtig. Und durch nebensächliche Debatten (warum gerade in der FAZ?) und Bequemlichkeit (es gab kein PayPal damals, wir hatten ja nichts) habe ich es schlicht verschleppt.

Das soll mir nicht noch einmal passieren. Ich denke die Chancen stehen gut, dass Herr Seemann ein ausgesprochen relevantes Grundlagenwerk dazu abliefern wird, was uns alle in den nächsten Jahrzehnten erwartet. Wir sollten sehr an der Zukunft interessiert sein, ist sie doch der Ort wo wir den Rest unseres Lebens verbringen werden. Man will dabei gewesen sein, wenn diese Zukunft neu gedacht wird.

(Der Text ist zuerst auf netz-kostbar.de erschienen: http://www.netzkost-bar.de/2014/01/man-will-dabei-gewesen-sein-der-kontrollverlust-nach-seemann-drei-gruende-warum-man-sein-buchprojekt-unterstuetzen-sollte/)

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