Der Kick
„Wir haben nischt mitbekommen. Keiner weiß wat, keiner wußte wat, keiner weiß wat.“ Ein dokumentarisches Theaterstück über den brutalen Mord an Marinus Schöberl 2002. Die ungeheuerliche Kälte und Beiläufigkeit der Tat sowie die befremdliche Empathielosigkeit der Dorfbewohner werfen existenzielle Fragen auf. In unserem Schauspielprojekt geht es uns also um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Menschsein, um ein Infrage stellen der eigenen Souveränität: Ist die Bestie beherrschbar?
16.045 €
finanziert
186
Unterstützer*innen
Projekterfolgreich
Flexibles Projekt: Die gesammelte Summe wird ausgezahlt.
Gefördert von kulturMut 2013
Cofunding 10.240 €
12.11.2013

„Det macht man eben so, weil’s Spaß macht und weil’s nix anderes gibt, was man machen kann.“

Kick
Kick2 min Lesezeit

Das sind die Worte von Marco Schönfeld - Bruder von Marcel Schönfeld, dem Mörder von Marinus. Er war den ganzen Abend und während der Tat dabei, hat sogar die Handgreiflichkeiten gegen Marinus Schöberl provoziert und die Aggressionen aller Beteiligten geschürt. Später äußert er dazu genau diesen Satz: „Und denn macht man det eben so, weil’s Spaß macht und weil’s nix anderes gibt, was man machen kann.“ Ist das wirklich der Grund? Langeweile?

Für mich als junger Mann Anfang 20 ist das keine blöde Frage. Aus meiner Jugendzeit kenne ich die Perioden der puren Langeweile, obwohl es genug Aktivitäten gegeben hat. Eine Lustlosigkeit hatte sich bei mir breitgemacht. Meine Eltern sind schier an mir verzweifelt, weil sie mich nicht motivieren konnten und ich sie auch nicht an mich herangelassen habe. Aber woher kommt diese extreme Form von Gewalt? Und woher kommt dieser Umgang damit? Dieses Zitat wirkt als würde es Marco gar nicht interessieren. An anderer Stelle heißt es „Det hätte jeden treffen können.“ Als würde er sagen: Tja, ist halt blöd gelaufen.

Bei Marco gibt es tatsächlich Geschehnisse in seiner Kindheit und Jugend die prägend sind. Als er mit seiner Familie nach Potzlow zog, bestand sein Aufnahmeritual in die Dorfjugend darin, dass er sich, einen Aal um den Hals hängend, splitternackt vor einigen Jugendlichen selbst befriedigen musste. Außerdem hatte er einen Sprachfehler und ging auf eine Sprachschule, was ihn zum Mobbingopfer machte. Der Familienzusammenhalt scheint nicht sehr stark gewesen zu sein. Seine einzige Vertrauensperson, sein Opa, stirbt. Der frühe Kontakt zum Alkohol macht die Sache nicht leichter, auch nicht die Berührungen mit der rechten Szene.

Das sollen keine Rechtfertigungen für die Beteiligung bei einer solchen Tat sein. Aber sind sie unwichtig? Geht es um ein Versagen? Von wem? Staat, Familie, Dorf, Gesellschaft? Passiert das allein in solchen kreisen? Oder fällt das dort nur eher auf?
~ Josia Krug