Projekte / Social Business
Mit meiner mobilen KLANGVISITE schenke ich mit Harfe, Ukulele und Gesang Senioren, Kranken und Sterbenden Augenblicke der Geborgenheit, Trost und Entspannung am Krankenbett.
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Projekt erfolgreich
03.09.18, 15:39 Astrid Marion Grünling

8/25

Auf was besinnen sich Menschen in ihrer letzten Lebensphase? Was hilft, den nahenden endgültigen Abschied von der Welt zu tragen? Auf meinen Klangvisiten im Hospiz begegnen mir neben aller Schwere auch Humor, Lachen, Glauben, Spiritualität, Musik, Poesie und die Weisheit vieler Jahre gelebten Lebens. Von einer besonders poetischen Klangvisite will ich heute erzählen...

Meine achte Klangvisite im Rahmen meines Projekts führte mich letzten Donnerstag wieder einmal ins Hospiz Advena. Als erstes schaue ich unten im Eingangsbereich in das dort aufgeschlagene Erinnerungsbuch. Ein Bewohner, nach dem ich letzte Woche kurz geschaut hatte und für den ich nichts tun konnte als ihm auf seinen Wunsch hin einen Strohhalm zu bringen und die Bewohnerin, für deren Angehörige ich letzte Woche auf dem Zimmer spielte, sind verstorben.

Zunächst spiele ich mit meiner Harfe auf dem Flur im Erdgeschoss, um über die Klänge sanft Kontakt mit den Bewohnern des Hauses aufzunehmen. Heute scheint nicht viel los zu sein. Ich sehe keine Angehörigen auf den Fluren. Nach den ersten Melodien auf Harfe gehe ich an das Zimmer des fast blinden Herrn, den ich von letzter Woche schon kenne. Nach kurzem Klopfen trete ich ein, grüße und setze mich zu ihm. Gutgelaunt und mich erkennend von letzter Woche begrüßt er mich. Im Radio an seinem Krankenbett läuft SWR4. Das Radio läuft Tag und Nacht, sagt er. Ohne Radio kann er nicht schlafen. Es scheint ihn zu beruhigen. Wir reden gutgelaunt über Belanglosigkeiten, über Gott und die Welt. Über die Biennale, die noch bis kommendes Wochenende in Wiesbaden stattfindet. Vom Sturz der Erdogan-Statue am Platz der Deutschen Einheit hat er gehört. Er erklärt, dass er ein Kunstbanause sei. Wir reden über das Gift in Lebensmitteln und in Kosmetik, über das Zeug, was auf Bananen draufgespritzt wird und die man vor lauter Gift, wie er sagt, kaum essen kann. Er erzählt von seiner Diagnose und seinen Behandlungen. Wie letzte Woche scheint er guter Dinge, ohne jeglichen Anschein irgendeiner Art von Verdrängung. Mir liegt nah, seine Haltung als buddhistische Art der Nicht-Anhaftung und der totalen Akzeptanz zu beschreiben. Aber er ist weder buddhistisch, noch gläubig und auch angesichts des Unabwendbaren guter Dinge. Mit seiner offenen und neugierigen Haltung zeigt er, dass es nicht mal einen Glauben braucht, um mit dem Leben gut abschließen zu können.

Nachdem im Erdgeschoss nichts weiter zu tun ist, gehe ich nach oben. Die Tür zu einem der Zimmer steht offen und ich gehe zu einer Dame, die hier schon seit vier Wochen wohnt. Unsere Namen ähneln einander. In ihrem Leben habe sie gerne Klavier gespielt, und so geniesst sie die Stücke, die ich ihr auf Harfe vorspiele. Um sie zu einem musikalischen Dialog anzuregen und ein Stückchen ihrer früheren Musikalität aufleben zu lassen, drücke ich ihr meine Sansula in die Hand. Ich zeige ihr, wie sie das auch Daumenklavier genannte kleine zarte Instrument spielen kann. Sie probiert ein wenig und schaut nicht sehr glücklich damit aus. Durch ihre Krankheit sind an jeder Hand einzelne Finger gelähmt, so dass ihr das Spielen auf der Sansula schwerfällt. Sie mag lieber zuhören, und so spiele ich noch ein wenig für sie.

Meine nächste Visite führt mich zu Herrn Franz (Name geändert). Als Erkennungsmelodie spiele ich das irische Segenslied auf Harfe vor seinem Zimmer und gewinne seine Aufmerksamkeit. Er lacht und grüßt winkend und ich gehe mit Harfe auf sein Zimmer. Ich frage ihn, wie es ihm heute geht. Er sei heute deprimiert, meint er. Seine Frau. Seine ganze Sorge gilt seiner Frau, die ja ohne ihn alleine bleibt. Traurig wirkt er.

Er bekommt Abendessen gebracht. Ich bitte ihn, sich nicht stören zu lassen. Ich spiele, während er seine Suppe löffelt. Er freut sich über jedes Lied, jede Melodie auf Harfe. Sein Telefon klingelt. Dem Dialog entnehme ich, dass es sich um seine Frau handelt. Ja, mein Schatz, mir geht es gut hier, ich esse gerade zu Abend, eine Dame macht Musik mit ihrer Harfe hier auf meinem Zimmer, ich habe also ein ganz vorzügliches Dinner. Ich habe dich ganz doll lieb, mein Schatz, gute Nacht. Wir sehen uns morgen. Ich bin gerührt über die liebe und fürsorgliche Weise, in der er mit seiner Frau spricht. Wie Frischverliebte. Am Samstag vor fünfzig Jahren haben sie einander am Gardasee kennengelernt. Ich frage ihn, ob er nochmal sein Lied hören will, den Schlager von Rita Pavone, das er und seine Frau mit ihrem gemeinsamen Kennenlernen verbinden. Er bejaht und schwelgt in Erinnerungen, während ich über youtube und meinen Bluetooth-Lautsprecher leise den Schlager „Arrivederci Hans“ spielen lasse.

Seine Frau besucht ihn jeden Tag zwei Stunden. Ich biete an, nächste Woche meine Klangvisite im ersten Obergeschoss zu beginnen, so dass er gemeinsam mit seiner Frau die Melodien auf Harfe erleben kann. Ich frage ihn, ob es was für seine Frau wäre, ihnen gemeinsam den Schlager ihres Kennenlernens vorzuspielen. Er sorgt sich, lieber nicht, dann kommt sie aus dem Weinen nicht mehr raus. Ich verstehe und verspreche ihm, dass ich von mir aus das Thema nicht anschneide und ihm die Entscheidung überlasse, das Lied zu spielen. Dabei habe ich es, für alle Fälle. Herr Franz legt seine Hand auf meine und sagt, gell, wir zwei haben auch eine Wellenlänge.

Wir unterhalten uns weiter, über die Liebe. Wie das früher war und wie das heute ist, mit dem Kennenlernen. Es rührt mich zu hören, wieviel ihm seine Frau und der Tag ihres Kennenlernens vor fünfzig Jahren bedeuten. Sie waren 27, als sie sich kennenlernten. Im Rückblick würde er garnichts anders machen, sagt er. Oder doch, wenn er einen Wunsch frei hätte, dann würde er sich wünschen, sie noch eher kennengelernt zu haben...

Wir singen gemeinsam das Ännchen von Tharau, ein anmutiges Lied aus Ostpreußen aus dem 17. Jahrhundert, das die Liebe besingt. Durch die lyrische Stimmung angeregt, zitiert Herr Franz ein paar Zeilen eines Gedichts. Ich sah des Sommers letzte Rose blühen / Sie war, als ob sie bluten könne, rot / Da sprach ich schaudernd im Vorübergehn / So weit im Leben, ist zu nah am Tod. Es ist das „Sommerbild“ von Christian Friedrich Hebbel. Ich frage ihn, ob ich ihn aufnehmen darf, während er die Zeilen spricht. Er bejaht. Der Originaltext lautet „Ich sah des Sommers letzte Rose stehen“, aber so ist der Klang noch schöner. Wir hören uns gemeinsam die Aufnahme des eben von ihm Gesprochenen an.

Auf seinem Nachttisch sehe ich eine sanduhrförmige Figur, deren lila Ölblubberbläschen nach oben aufsteigen anstatt wie Sand nach unten zu rieseln. Er erklärt, das habe er von seiner Gemeinde geschenkt bekommen. Auf dem Boden der Sanduhr ist ein Aufkleber „Christen leben aufwärts“. Wir verabschieden uns.

Es ist spät. Ich schaue dennoch noch auf dem Zimmer des Bewohners vorbei, der letzte Woche gemeinsam mit Frau und Sohn und im Foyer auf die Harfe gewartet hatte. Er ist guter Dinge, wirkt aber angestrengt nach einem Tag mit viel Besuch, und so halte ich meine Klangvisite kurz, mit beruhigenden Stücken und einem Gute-Nacht-Lied.

Ich mache mich auf den Heimweg. Nächste Woche geht es weiter.

© Astrid Marion Grünling, Klangvisite mit Harfe
www.klangvisite.de

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