Projekte / Social Business
Mit meiner mobilen KLANGVISITE schenke ich mit Harfe, Ukulele und Gesang Senioren, Kranken und Sterbenden Augenblicke der Geborgenheit, Trost und Entspannung am Krankenbett.
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Projekt erfolgreich
16.09.18, 18:46 Astrid Marion Grünling

10/25
Welche Haltung hilft uns einmal, gut aus dem Leben zu gehen? Dass man nicht zwingend einen Glauben haben muss, um aufgeräumt und mit einem tiefen Lachen aus vollem Herzen aus dem Leben zu gehen, davon erzählt meine Klangvisite von letztem Freitag...

Bereits zum sechsten Mal bin ich im Rahmen meines Projekts in dem mir liebgewordenen Hospiz Advena in Erbenheim. Meine Klangvisite ist heute besonders geprägt von herzlichen Begegnungen mit den Bewohnern – also Menschen, denen das Hospiz letzte Station in ihrem Leben ist – ihren Angehörigen, mit Freunden des Hauses und dem Team.

Mein Harfenspiel konzentriert sich heute neben meinen eigenen Kompositionen hauptsächlich auf bretonische Melodien, die so beruhigend wie berührend wirken. Das mit Harfenklängen erfüllte Foyer im Erdgeschoss zieht immer wieder Menschen an, die sich durch die Musik zum Verweilen eingeladen fühlen. Ein Bewohner wird in seinem Rollstuhl hergefahren. Ich fühle mich ein bisschen wie Julie Andrews in der Rolle der Maria Augusta Trapp in einer Szene im Film Meine Lieder – meine Träume (Original: The Sound of Music). Augenblicke, in denen die Zeit innehält. Ich spiele und spüre, wie gut die lieblichen Melodien den Menschen und dem Haus tun. Ein langjähriger Freund des Hauses, der immer eine Zimbel in der Tasche hat und seine Vorträge stets mit dem Zimbelklang beginnt und beendet, kommt vorbei und wir begrüßen uns herzlich. Hin und wieder gesellen sich Angehörige hinzu, und als ich nach einer Stunde Musizieren eine Pause mache, begegnen mir Angehörige von Herrn Stiller (Name geändert), den ich bereits zwei Mal besucht hatte. Auch sie haben bereits ein Weilchen lauschend dabei gestanden. Wir kommen ins Gespräch und sprechen lange und angenehm offen miteinander. Der Zustand von Herrn Stiller habe sich gestern plötzlich sehr verschlechtert. Er mag nicht mehr. Heute habe er den ganzen Tag geschlafen und war nicht wirklich präsent. Ich verspreche, später auf jeden Fall noch bei ihm vorbeizuschauen.

Dann gehe ich auf Klangvisite durchs Haus. Im Erdgeschoss spiele ich kurz mit meiner Harfe am Krankenbett einer Dame, die sehr, sehr schwach wirkt, bis ihre Tochter und ihr Mann zu Besuch kommen. Oben in der ersten Etage spiele ich wieder ein ganzes Weilchen auf dem Flur und schaue auf den Zimmern nach den Bewohnern, mit denen ich mich kurz unterhalte. Herr Franz (Name geändert) wirkt heute wieder sehr bedrückt. Er fragt mich als erstes, ob ich schon in Freiburg war. Ich hatte ihm erzählt dass ich dort für ein paar Tage eine Freundin besuchen will, bin aber noch nicht dazu gekommen. Wir plaudern ein wenig über dies und das, bis er den Grund seiner Bedrücktheit mitteilt. Es ist wieder die Sorge um seine Frau. Er kommt immer wieder darauf zurück. Es ist herzzerreißend, den Ehemann, der fünfzig Jahre mit seiner innig geliebten Frau geteilt hat, in seinem Ringen um den bevorstehenden Abschied zu erleben. Angst vor dem Sterben habe er keine, und er habe auch mit allem aufgeräumt. Doch der Gedanke, seine Frau alleine zu lassen, deprimiert ihn zutiefst. Das Ende des Monats will er aber unbedingt noch erleben, denn da entscheidet sich, ob ein junger Angehöriger seinen Studienplatz bekommt. Wir verabreden uns wieder für nächste Woche.

Nach meinen Klangvisiten auf den Fluren und den Gesprächen mit einzelnen Bewohnern rüste ich mich innerlich für eine letzte Begegnung mit Herrn Stiller.

Er macht sich nicht wirklich viel aus Musik. Mit Harfe brauche ich ihm erst garnicht zu kommen, egal, welch geheimen und gottgefälligen Akkorde ich darauf spiele. Das habe ich ihm von Anfang an so gelassen. Meinen Zugang zu ihm fand ich über Zuhören, Gespräche und miteinander Lachen. Er hatte sich sehr über unsere Gespräche gefreut und ich auch, das eine vor drei und das letzte vor zwei Wochen. Er schien so vital, als würde er noch eine ganze Weile unter uns bleiben.

Ich betrete sein Zimmer. Ich stutze, denn auch sein heißgeliebtes SWR4 läuft nicht mehr, und ich merke, es ist ernst. Da hilft kein Beschönigen. Ich spüre, Worte, die an der Situation vorbei reden, sind nicht angebracht. Dafür ist er selbst zu rundheraus und beherzt. Drei seiner Angehörigen sind im Raum. Zur Begrüßung greife ich seine Hand und lasse sie in meiner liegen. Hallo, hier ist die Frau mit der Harfe. Aber ohne Harfe, die habe ich draußen gelassen. Er lacht. Wir alle lachen, er, seine Angehörigen und ich. Die Angehörigen sind froh, dass ich noch gekommen bin. Sie hatten schon Sorge, dass sie mich verschreckt haben könnten. Herr Stiller wirkt trotz seiner Schwäche auf einmal sehr präsent. Er freut sich sehr über meinen Besuch und sagt, dass er froh sei, dass ich da bin. Die Angehörigen sagen, er hätte viel von mir erzählt. Dabei war ich erst zweimal bei ihm, und doch spüre ich, wie wichtig es für ihn und seine Angehörigen ist, heute bei ihm vorbeizusehen. Seine und die Offenheit seiner Familie angesichts des bevorstehenden Sterbens machen es mir leicht, in meiner Authentizität zu bleiben und die Worte zu verwenden, die aus dem Herzen kommen und nicht danach fragen, ob sie gesagt werden dürfen oder nicht.

Ich bin nicht tapfer, sage ich zu ihm, denn ich spüre, wie mir angesichts der Situation die Tränen kommen. Die er ja nicht sehen kann, auch wenn seine lebendig und warmherzig lachenden Augen in dem müden und schwindenden Gesicht nicht darauf schließen lassen, dass er fast blind ist. Aber an meiner Stimme wird er meine Betroffenheit hören. Und, ich sage, wissen Sie, den eigenen Tod den stirbt man nur, mit dem Tod der andern muss man leben. Lachen und Weinen im Raum.

Ob ihm bang sei, frage ich ihn. Ein Lachen mit einem herzhaft überzeugten Nein aus tiefer Brust ist seine Antwort. Wir drücken uns lang und fest die Hände. Mit nichts auf dem Herzen als einem tiefen Lachen verabschiedet er sich aus seinem Leben. Es ist kein gebrochenes Lachen. Nächste Woche werden wir uns nicht mehr wiedersehen. Ich wünsche ihm eine gute Reise, und, wenn es einen Himmel gibt, dass er nicht gleich auf der ersten Wolke einem Engel mit Harfe begegnet. Vielleicht gibt es dort ja SWR4, das wünsche ich ihm. Und dass es leicht sei für ihn, das Hinübergehen. Ich sage ihm, dass ich mir wünsche, mal so aus dem Leben zu gehen wie er. So aufgeräumt und einverstanden mit dem, was ist. Er wünscht es mir auch. Und sagt, dass er mich mag. Wir halten uns noch eine Zeit lang an den Händen, warm und fest. Dann lege ich meine rechte Hand auf seine Brust, lasse sie dort verweilen, und mit der anderen lege ich seine Hand zurück auf seinen Oberkörper. Tschüß, sage ich und gehe aus dem Zimmer.

Draußen muss ich erstmal tief durchatmen. Eine Pflegerin, die mich sieht, wie ich aus dem Zimmer komme, nimmt mich wortlos in die Arme. Für heute mache ich Feierabend.

Daheim, ich bin zwar müde nach meiner Klangvisite, fühle mich aber dennoch nicht belastet. Es liegt ein großer Frieden in dem, wie Herr Stiller aus dem Leben geht und der sich auf meine Stimmung überträgt. Ein tiefes Einverstandensein, kein Widerstand, kein Anhaften, kein Leid. Ein tiefes Ja zum Leben, Werden und Vergehen.

Und er geht mit nichts als einem Lachen aus tiefstem Herzen...


© Astrid Marion Grünling, Klangvisite mit Harfe
www.klangvisite.de

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