Reise zum Roman in 180 Tagen
Um meinen Roman "Die Federn meiner Mutter" fertigzuschreiben, möchte ich für ein halbes Jahr der Route meiner Protagonistin folgen: Von Barcelona reise ich am Mittelmeer entlang bis nach Kroatien, lasse mich von den Schauplätzen inspirieren und widme mich ganz dem Schreiben. Bis November will ich so das Manuskript abschließen: Ehrlich und spannend will ich von Agnes' Suche nach ihrer Mutter erzählen. Es ist eine europäische Geschichte und die Geschichte eines Ausbruchs.
2.630 €
2.400 € Fundingziel
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Projekterfolgreich
05.01.2016

Italia - Slovenija - Hrvatska

Mirjam Ziegler
Mirjam Ziegler14 min Lesezeit

Liebe Freunde der Federn,

die Reise zum Roman ist vorbei und inzwischen auch schon das ganze Jahr. An Silvester schrieb mir eine Freundin aus Mallorca, die ich in Kambodscha kennengelernt hatte: "Heute vor einem Jahr hast du mir von deiner Idee erzählt und jetzt hast schon deinen Roman geschrieben!" Sie war die erste, der ich mich anzuvertrauen wagte, und zum Glück animierte sie mich, den Plan umzusetzen. Dass es wirklich geklappt hat, kann ich immer noch kaum glauben, und schon während der Reise ging es mir so: Manchmal saß ich da, in die Geschichte vertieft, dann holte mich irgendetwas zurück in die Gegenwart -Kirchenglockenläuten oder der Essensduft-, und ich dachte: Kann das denn sein? Ich sitze hier in Padova und schreibe?

Nach drei Tagen in Venedig, wo ich einige Freunde von der CICAE wiedersah (hier muss ich mal erwähnen, dass ich vier meiner Gastgeber von der Confédération International de Cinéma d'Art et Essai kenne!), ein paar Festival-Filmen, Spritz und Spaziergängen, nahm mich eine Film-Freundin mit zu ihrer Familie nach Padova. Vom Veneto sah ich außerdem Verona mit dem berühmten Balkon der Capulets (wobei Shakespeare ja keine Recherchereisen unternahm). Mit Laura sprach ich Englisch, mit ihrem Bruder Spanisch und mit ihren Eltern lernte ich einiges Italienisch. Ich merkte, dass ich den Espresso am liebsten schwarz mag, wenn er so gut ist, und kam in den Genuss von endlos viel gutem Essen (der Vater sorgte sich, dass ich zu wenig esse, der Bruder, dass ich mehr esse, als ich will). Viel zu lachen gab es auch bei den Lerros, ich musste nur sagen, wie dieses Gericht auf Deutsch heißt, etwa: Kichererbsen! Ideale Bedingungen. Es wurden drei produktive Wochen. Grazie per tutto, Paolo e Paola, Marco e Laura!!

Auch in Slowenien kam ich bei einer Familie unter: Eine mir bis dahin unbekannte Freundin, die zufälligerweise wie eine Figur aus den "Federn" heißt, lud mich ein und teilte sogar ihr Zimmer mit mir, obwohl sie gerade in den letzten Zügen ihrer Doktorarbeit war - Vesna, du bist verrückt im allerbesten Sinne! Nach Italien war das richtiggehend ein Kulturschock: Diese stillen Momente am Tisch! Und auch die Landschaft, die Architektur, das Essen - ich fühlte ich mich wie nach Deutschland zurückversetzt. Genauer gesagt, in ein bayrisches Dorf vor zwanzig Jahren, einschließlich Neunziger-Musik im Radio: Wer sich jünger fühlen will, sollte nach Slowenien reisen! Noch ein paar Gründe wären die wunderschönen Höhlen, die Predjama-Burg, die in einen Höhleneingang gebaut ist, die Vintgar-Schlucht, der Bled-See, Kremšnit (ja, Cremeschnitten - Einfluss von Österreich-Ungarn), der Wein… Slowenischer Wein? Nie gehört? Ja, auch wenn die Slowenen sonst den Ruf der "Deutschen des Balkans" haben, ist ihnen in diesem Fall der Geschäftssinn egal und sie behalten das Beste für sich. Darum bekommt man einen ausgezeichneten Wein für 1,80€. Vielen, vielen Dank für die Touren durch das ganze Land, liebe Vesna und Familie Kuralt! Hvala lepa!! Und Lidija für den Kontakt!

In Kroatien fiel mir als erstes auf, dass man überall rauchen darf und auch raucht. Das scheint ein Grundrecht zu sein. Außerdem gibt es in Zadar Cafés ohne Ende, und sie sind auch in der Nachsaison voll. Die meisten Touristen (vor allem Deutsche) waren längst abgereist, als ich für einen Tag auf die Insel Pag fuhr. Ich hatte vor, den ganzen Tag die karge Steininsel zu erkunden, doch in Pag-Stadt angekommen stellte ich fest, dass alle Touristeninformationen geschlossen waren. Irgendwo fand ich dann doch eine offene Info, die mich nur darüber informieren konnte, dass der einzige Bus, der heute noch fährt, der zurück nach Zadar ist. So viel zur Inseltour. Aber die Sonne war noch da, ich schrieb im Café an der leeren Promenade, aß unvergessliche Kalamari in Weißweinsauce, spazierte die Strände entlang und durch die kleine Stadt, wo man wie überall in Dalmatien den venezianischen Einfluss sieht: Auch in Zadar sah ich den Markuslöwen wieder. Meine Gastgeberin dort hatte ich über Couchsurfing gefunden, sie ist Deutsche und weil sie sehr um den Kulturaustausch bemüht ist, organisierte sie doch tatsächlich eine Lesung für die Germanistikstudenten: In einem Raum der Uni Zadar mit Blick auf die im Meer versinkende Sonne, Kerzen und Keksen auf dem Tisch durfte ich aus den "Federn" lesen. Etwa fünfzehn Studenten waren da, die saßen zu Beginn so still da, dass ich vermutete, sie seien von ihrer Dozentin zum Zuhören verdonnert worden. Auch nach der Lesung: Schweigen. Dann aber eine erste Frage, und noch eine, und sie hörten gar nicht mehr auf, mir auch wirklich interessante Fragen zu stellen, wie etwa: "Du beeinflusst und lenkst natürlich Agnes. Aber wie ist das umgekehrt? Hat sie auch Einfluss auf dich?" "Ja…" Das wurde mir aber erst in diesem Moment bewusst. Mit ein paar der Studenten unterhielt ich mich am nächsten Tag noch weiter - fünf Stunden im Café: Kaffee trinken auf Kroatisch. Coffee & Cigarettes & blaues Meer. Danke, Brigitte, für all das!!

Die letzte Woche der Romanreise habe ich schließlich in der Toskana verbracht; auch wenn Livorno nicht auf Agnes' Route liegt, lag die Stadt doch auf meinem Rückweg nach Barcelona. Nach achtzehn Stunden Bus- und Zugfahrt war ich sehr froh, dort einen Zwischenstopp einlegen zu können, bevor ich am 31.Oktober die Fähre nach Barcelona nahm: Eine ganze Woche durfte ich bei meiner Freundin Katriina und ihrer Familie bleiben, und da ich schon einmal da war, wollte ich natürlich auch etwas von der Toskana sehen: Lucca, Pisa, das nicht zu verachtende Livorno selbst und Florenz an einem Frühlingstag im Oktober. Einmal durfte ich mit zur Olivenernte, und auch hier wieder, das Essen! Ich glaube, Gott lebt in Italien. Zum Glück sind es nur zwanzig Stunden Schifffahrt zurück nach Livorno. Grazie mille, cara famiglia Miola!!

"Und der Roman? Ist er fertig?" fragt ihr nun vielleicht und mit gutem Recht. Nach meiner Ankunft in Barcelona war ich erst einmal so mit der Zimmer- und Jobsuche beschäftigt ‒ obwohl ich noch das letzte Kapitel fertig zu schreiben hatte, schlug ich den Roman ehrlich gesagt wochenlang nicht einmal auf. Dann aber zog ich in eine super WG mit einer Dachterrasse, von der man den Montjuïc, die Sagrada Família und sogar das Meer sieht (ihr werdet dem Roman meine Liebe zu dieser Stadt anmerken) und fand einen Job. Sobald ich dort zu arbeiten begonnen hatte, konnte ich auch wieder an Agnes denken. Vor Weihnachten zog ich mich dann drei Tage ohne Handy und Internet an einen kleinen Ort an der Küste zurück und schrieb, schrieb, schrieb, bis am 23.12. um zwei Uhr morgens plötzlich dieser Satz auf dem Papier stand, und ich wusste: Das war der letzte.

"Die Federn meiner Mutter" ist etwa hundert Seiten länger geworden als erwartet, und auch sonst kam vieles anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich habe gelernt, dass ich auch beim Schreiben gar nicht so viel zu planen brauche. Denn selbst wenn ich mich an den Schreibtisch setze und keine Ahnung habe, wie ich nun dieses Kapitel beginnen soll - wenn ich den Stift in die Hand nehme, wird etwas passieren. Jetzt aber nicht mehr. Nicht in diesem Buch. Es fühlte sich an wie ein Tod oder eine Geburt: Was mache ich ohne Agnes? Ich muss loslassen. Aber ich weiß auch, es werden neue Geschichten kommen.

In diesem unglaublichen Jahr war die Möglichkeit, meinen ersten Roman zu schreiben, das allergrößte Geschenk. Dafür danke ich euch noch einmal für die Unterstützung - meinen Gastgebern, meinen Crowdfundern, allen, die sich interessiert und an mich geglaubt haben. Ich wünsche euch allen ein wunderbares neues Jahr! Bevor ich noch sentimentaler werde, verabschiede mich - bis es hoffentlich irgendwann Neuigkeiten zur Veröffentlichung gibt!

Herzlichste Grüße aus Barcelona,
Eure Mirjam
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Dear friends of the feathers,

the Journey to the Novel is over and, by now, also the year. On New Year's Eve a friend from Mallorca who I'd met in Cambodia wrote to me: "This day one year ago you explained me your idea, and now you've already written your novel!" She was the first person I dared to tell, and luckily she encouraged me to put the plan into action. I still find it hard to believe that it really worked out, and often felt this way while I was travelling: Sometimes I sat there absorbed in the story when suddenly something brought me back to the present -church bells or the smell of food-, and I thought: Can this be real? Am I sitting here in Padova writing my novel?

After three days in Venice with some CICAE friends (it's time to mention that I know four my hosts from the Confédération International de Cinéma d'Art et Essai!), a couple of festival films, spritz and city walks, one of my film friends took me to Padova with her. With Laura and her family, I saw even more of the Veneto, like Verona with the famous Capulets' balcony (though Shakespeare did not do research on the spot). I spoke English with Laura, Spanish with her brother and learnt some Italian with her parents. I realized that if the espresso is as good as at the Lerros' house, I prefer it black, and enjoyed endless amazing food (the father worried that I didn't eat enough while the brother worried that I eat more than I want). We shared a lot of laughter, all it took for me was to pronounce the dish on the table in German: Kichererbsen! Ideal conditions; the three weeks turned out to be very productive. Grazie per tutto, Paolo e Paola, Marco e Laura!!

Also in Slovenia I was hosted by a family: A friend who happens to have the same name as a character from the "Feathers" (and who I didn't know before my arrival) invited me and even shared her room with me, despite the fact that she was just finishing her PhD - Vesna, you are crazy in the very best sense! After Italy it was quite a cultural shock: those quiet moments at the dinner table! Also in terms of landscape, architecture and food, I almost felt like I was thrown back to Germany. More precisely, into a Bavarian village twenty years ago, including nineties music on the radio: If you want to feel younger, travel to Slovenia! To give you some more reasons to visit, there are astonishing caves, Predjama castle which is built into a cave entrance, Vintgar Gorge and Lake Bled with crystal clear waters, Kremšnit (a creamy cake brought to the country in times of Austria-Hungary), the wine … Slovenian wine? Never heard of it? Yes, even though the Slovenes are generally regarded as the "Germans of the Balkans", in this case they don't care about business and keep the best for themselves. This is why you can buy a bottle of excellent wine for 1.80 €. Many, many thanks for the tours of almost your entire country, dear Vesna, and hvala lepa to all the Kuralt family!! Also a special thanks to Lidija for bringing us in touch.

The first thing that struck me about Croatia was the smoke: Smoking is permitted everywhere. This seems to be a fundamental right, and people use it, for example in the café: Zadar has countless cafés, and they are crowded even in the low season. Most tourists had also left Pag long before I went to visit the barren island that resembles rows of stone heaps dropped into the sea. I'd planned to explore it all day long, yet when I got to Pag town, I found that the tourist information was closed and that the only bus still running was the one which would bring me back to Zadar in the evening. So much for the island tour. But the sun was still shining, I wrote in a café on the empty promenade, had unforgettable Calamari in white wine sauce, walked along the surrounding beaches and around the small town where you can see the Venetian influence like everywhere in Dalmatia: I had also seen the Lion of Saint Mark in Zadar. I had found my hostess there on couchsurfing. She's a German teacher, and because she cares a lot about cultural exchange, she actually organized a reading for university students of German: That's how I got the chance to read at Zadar University with a view of the sun sinking into the sea and candles on the desk. There were about fifteen students listening; at the beginning they sat there so quietly that I supposed they'd been condemned to come by their lecturer. After the reading it was the same: silence. Then, however, someone asked a first question, and another one, and then they just didn't stop asking me really interesting questions, like this one: "Of course you influence and direct Agnes. But does she also have influence on you?" "Yes …" It is true,but I hadn't realized it until that moment. The next day I met up with some of the students to talk some more over coffee - five hours in the café: that's having coffee the Croatian way. Coffee, cigarettes and the blue sea always near. Thanks, Brigitte, for all that!!

The final week of the Journey to the Novel I spent in Tuscany; although Livorno is not exactly on Agnes' route, the town was on my way back to Barcelona. After an eighteen-hour trip on several buses and trains, I was truly grateful for the stopover before taking the ferry to Barcelona on October 31st: I stayed with my friend Katriina and her family for a whole week, and since it was my first time in Tuscany, of course I wanted to see something: Beautiful Lucca, Pisa, Livorno (which is also worth seeing) and Florence on a spring day in October. We also went olive-picking, and again: the food! I believe God lives in Italy. Luckily, from here it's just a twenty-hour sea voyage back to Livorno. Grazie mille, cara famiglia Miola!!

"Well? And what about the novel?" you may rightfully ask. After I arrived to Barcelona, I was so busy room- and job-hunting that even though I still had to finish the last chapter, I didn't even open the novel for weeks. However, I then moved into a really nice flat with a roof terrace from which you can see Montjuïc, Sagrada Família and even the sea (I can't deny my love for this city, it shows in the novel as well) and found a job. As soon as I started working there, I was also able to focus on Agnes again. Before Christmas I escaped to a small place on the coast for three days. I left my phone at home and wrote, wrote, wrote ‒ until on December 23rd at two o'clock in the morning suddenly this sentence appeared on the paper, and I knew: This must be the last one.

"My Mother's Feathers" turned out to be a hundred pages longer than I expected, and also many other things are now different from what I had imagined. I have learnt that in writing as in life, there's no need to plan that much; because even when I sit down at my desk and have no idea how to begin this chapter, once I take the pen in my hand, something will happen. Not anymore, for now. Not in this book. It felt like a death or a birth: What will I do without Agnes? I need to let go. But I also know that there will be new stories.

Among all the incredible things that happened to me this year, the opportunity to write my first novel was the greatest gift. Thank you once again for all the support - to my hosts, my crowdfunders, everyone who was interested and believed in me. I wish you all a wonderful new year! Before I get even more sentimental, I say goodbye for now - you'll hear from me again when I have news on publication!

All the best from Barcelona
Mirjam

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