Crowdfunding beendet
Der Unrast Verlag macht seit über 30 Jahren Bücher für eine befreite und solidarische Gesellschaft. Bei uns entscheiden alle mit, denn wir sind ein Kollektivbetrieb ohne Chef*in. Jetzt wird es aufgrund besonderer Umstände eng. Die Preise für fast alles steigen massiv, aber unsere Umsätze tun das nicht. Wir bitten daher um eure Unterstützung, wir benötigen mindestens 30.000 Euro, um die tollen Bücher des kommenden Herbstprogramms finanzieren zu können.
34.616 €
Fundingsumme
678
Unterstütz­er:innen
22.08.2022

3. Brief von UNRAST: Warum sind eure Bücher eigentlich so teuer?

Unrast Verlag - Thomas Billstein
Unrast Verlag - Thomas Billstein6 min Lesezeit

Als uns vor wenigen Wochen so richtig klar wurde, dass wir im ersten Halbjahr 2022 in eine fiese ökonomische Krise geschlittert waren, und darüber zu debattierten begannen, wie wir diese möglichst schnell und gut in den Griff bekommen, war neben der unausweichlichen Kürzung des kollektiven Einheitslohns, zunächst einer der naheliegendsten Gedanken, die Ladenpreise entsprechend der gestiegenen Kosten anzupassen.

Dagegen sprach, dass es seit jeher ein zentraler Aspekt unserer Verlagsphilosophie ist, dass unsere Bücher unbedingt für jeden Geldbeutel erschwinglich bleiben müssen, ja gar, dass es ein »Recht auf Lesen gibt«. Was wäre die Freiheit des Wortes noch wert, wenn sie still und heimlich hinter einer Barriere aus nicht zumutbaren Preisen beerdigt wird?

Also alles wieder auf Null: Es ist scheinbar keine wirklich gute Lösung, unser wirtschaftliches Problem einfach den Markt regeln zu lassen, die Kaufkraft über unsere Titel entscheiden zu lassen und/oder Bücher wie im Mittelalter wieder zu einem Luxusgut zu machen.

Andererseits: Was heißt hier Luxusgut? Weißt du eigentlich, wie viel Arbeit und somit Wert in einem Buch steckt? Wert, der niemals angemessen bezahlt wird. Angefangen von den ersten Recherchen der Autor:in, über die Arbeit der Übersetzer:in, der Grafiker:innen, Lektor:innen und Drucker:innen bis zu den Logistiker:innen und schließlich der Paketbot:in, die es dir in den Briefkasten steckt oder deiner Buchhandlung anliefert. Dazu noch die »ganz normale« Verlagsarbeit von Homepage-Content bis Pressearbeit, Anzeigen, Vertrieb, Lesereisen, Buchmessen, Lager- und Buchhaltung …

Selbst wenn wir (utopischerweise) davon ausgehen, dass niemand einen Mehrwert oder Superprofit in dieser Arbeitskette abschöpft, so wird schnell klar, dass mit einem Buch, das 20 Euro kostet und in einer 800er-Auflage in einem Nischensegment wie dem unseren rein theoretisch 8.000 Euro umsetzt (nach Buchhandelsrabatten und Steuern), die oben skizzierte Arbeitskette nicht einmal zu Mindestlohnbedingungen bezahlt werden kann. Es steckt von allen Seiten sehr viel Herzblut in jedem einzelnen Buchprojekt, weshalb die miese Bezahlung der Arbeit vielleicht etwas weniger schmerzt.

Nun kam es auch noch über uns, dass Schwärme von Borkenkäfern letztes Jahr in Kanada und Sibirien das Holz für den Eigenbedarf direkt vom Stamm raspelten, weil es auch dort mittlerweile so schön warm geworden ist. (Ein Dank an dieser Stelle an alle Vielflieger und SUV-Pilotinnen für den wunderschönen Sommer 2022.) Kanada und Russland verfügten deshalb einen radikalen Exportstopp für Holz und Papier. Das hat wiederum dazu geführt, dass weltweit die Holz- und Papierpreise nach oben schossen und daraufhin die Druckkosten in wenigen Monaten um sage und schreibe 40% gestiegen sind. Wir realisierten, dass alleine für die Titel, die wir im Oktober zur Frankfurter Buchmesse präsentieren wollen, Mehrkosten von 30.000 (!) Euro auf uns zukommen werden. Uns blieb also nur mit der erwähnten Lohnkürzung kurzfristig zu reagieren. Und das bei geradezu galoppierender Inflation. Wirklich nicht schön!

Aber auch schon vor der Papierkrise und vor der durch den Krieg sichtbar gemachten Krise fossil-kapitalistischer Verwertung war das Dilemma von Arbeitswert und Arbeitslohn in der unabhängigen Verlagsbranche grundsätzlich existent und konnte nur durch externe Förderung einzelner Projekte ausgeglichen werden. Darunter zählen sowohl Zuschüsse, die Autor:innen für uns besorgen konnten, als auch ausgesprochene Solipreise für Übersetzungen, Grafiken und andere Dienstleistungen sowie eine Vielzahl von kleineren Supports, mit denen Freund:innen uns seit den ersten Tagen solidarisch unterstützen. Eine ausreichende institutionelle Förderung ist in den 30 Jahren, in denen ich Bücher mache, Jahr für Jahr kontinuierlich zurückgefahren worden. Deshalb war es auch von nennenswerter Bedeutung für die Verlagslandschaft, dass im Zuge der Abfederung der Verwerfungen durch die staatlich verordneten Pandemiemaßnahmen in den letzten zwei Jahren ein bundesweiter Fördertopf unter dem vielversprechenden Titel »Neustart Kultur« eingerichtet worden war, von dem auch wir ein bescheidenes Scheibchen abbekommen haben. Dieser »Neustart« wurde aber mit dem fantasierten Ende der Pandemie abgewürgt und die Förderung sang- und klanglos und vor allem ersatzlos eingestellt. Was soll auch so eine im Gesamtmaßstab mickrige Kulturförderung denn überhaupt bringen, wenn mit einem großzügigen Milliardenpaket für die Lufthansa, einem Rüstungspaket für Rheinmetall oder einem populistischen Tankrabatt das Stimmvieh wesentlich effektiver umworben werden kann?

Was ich sagen will ist, dass unabhängige kleine und mittelgroße Verlage eigentlich schon immer nur die Wahl hatten zwischen Selbstausbeutung und Mäzenatentum, zwischen Markt und Subvention.

Markt kommt wie oben skizziert für uns nicht infrage, Mäzen:innen sind nicht in Sicht und die wichtigste Subvention ist pünktlich zu unserem Krisenbeginn eingestellt worden. Bleibt also nur noch, den Gürtel enger zu schnallen; aber Selbstausbeutung auf dem Niveau unserer Anfangsjahre kommt auch nicht mehr in die Tüte, das ist mir absolut klar – wo bleibt da eine Lösung?

Einerseits werden wir trotz aller Kritik um kleinere Preisanpassungen nicht herumkommen und hoffen auf euer Verständnis. Als bekennendem Fan von bedrucktem Papier fällt es mir nicht leicht, hier anzukündigen, dass wir verstärkt nachsitzen wollen, bis wir (fast) alle unsere Titel als E-Book oder E-PDF anbieten können. In beiden Formaten können wir den Borkenkäfer sich in Ruhe den Bauch vollschlagen lassen und gleichzeitig Preise wie vor der Krise anbieten, sodass auch die schmalen Geldbeutel nicht auf jegliches Lesevergnügen unter dem Unrast-Logo verzichten müssen. Außerdem federn wir den sozialen Faktor von steigenden Buchpreisen ab, indem wir gerade intensiv unsere E-PDFs in Paketen an Bibliotheken bringen. Dort sind sie dann für Leser:innen kostenfrei abrufbar.

Zum Zweiten setzen wir auf Schwarmfinanzierung. Wir werden uns natürlich weiterhin um öffentliche Gelder zur Unterstützung einzelner Projekte kümmern; da dies aber zunehmend nerviger und schwieriger wird, setzen wir darauf, dass der UNRAST Verlag auch als politisches Kollektivprojekt wahr- und wichtiggenommen wird. Weil Menschen eben unterschiedliche Geldbeutel haben, in unterschiedlichen Lebensabschnitten stecken und unterschiedliche Prioritäten setzen, sind wir überzeugt, dass eine Crowd der Willigen und Fähigen uns dabei helfen wird, auch künftig nicht zu verstummen. Und in der Tat sind wir überwältigt von der Solidarität, die uns in der kurzen Zeit unserer Crowdfunding-Kampagne bereits entgegengebracht wurde. Dafür an dieser Stelle mal ein laut herausgerufenes: Dankeschön! Es ist klar, dass wir eine solche Kampagne nicht jährlich wiederholen können; aber ganz auf ein derartig solidarisches Finanzierungskonzept werden wir auch in Zukunft nicht verzichten können. Und kleine Sachbuchverlage werden nicht die einzigen sein, Wirtschaften wird sich künftig – zunächst in den Nischen – fundamental ändern (müssen).

So wie es in Projekten der Solidarischen Landwirtschaft mittlerweile »ganz normal« ist, wird in Zukunft unsere kritische Verlagsarbeit auch von den Leser:innen, den Aktivist:innen und Propagandist:innen abhängen, die ihre Interessen und ihre gute gesellschaftspolitische Arbeit mit den Bedürfnissen und Bedingungen unserer Autor:innen, Übersetzer:innen, Herausgeber:innen … auch finanziell in der Waage halten.

In diesem Sinne auf eine solidarische und kollektive Zukunft!

Rebellische Grüße,
Ernie von Bert

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Rettet das Unrast-Herbstprogramm 2022
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