Vertrauen reist nicht (mit): Warum internationale Kampagnen so aufwendig sind
Julia Dalmadi hat zwei Kampagnen gestartet, eine explodierte, eine kämpft. Im Interview erzählt sie, was sie unterschätzt hat und was jede:r Starter:in daraus lernen kann.
Du startest dein erstes Crowdfunding-Projekt und es wird ein voller Erfolg. Das Geld fließt, die Community feiert mit, das Momentum trägt dich. Dann die Frage: Ist dieser Erfolg wiederholbar? Ist er internationalisierbar?
Ich habe eine Reflexion von unserer Starterin Julia Dalmadi auf LinkedIn gefunden und sie danach zum Gespräch eingeladen. Was sie mir erzählt hat, solltest du kennen. Besonders wenn du jemals daran denkst, mit deinem Projekt über Landesgrenzen hinaus zu gehen.
Zwei Kampagnen, zwei Welten
Julia Dalmadi hat letztes Jahr in Ungarn eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, die alle Erwartungen übertraf. Brewer’s Cracker Bundles, ein Upcycled-Food-Produkt, das sofort Anklang fand. Menschen kauften. Momentum entstand. Nachfrage wurde validiert. Das Produkt performt bis heute.
Einige in Berlin kennen Julia vielleicht noch aus einer früheren Phase: Bevor Upcycling ihr zentrales Thema wurde, hat sie in der Markthalle Neun handgemachte Pelmeni verkauft. Wer dort eingekauft hat, weiß: Diese Frau brennt für Lebensmittel.
Dezember 2025 Jahr lief eine neue Kampagne. Diesmal international, bei uns auf Startnext. Für Secontaste, ihre Upcycling-Lebensmittelmarke Zero-Waste-Produkte aus geretteten Zutaten. Es gibt Events in Wien und Berlin, Kooperationen mit Marken wie SIRPLUS und Roots Radicals, Support von bestehenden Kund:innen. Und trotzdem: Einige Angebote konvertieren nicht. Die Workshops finden kein Publikum. Die Porridge-Packs bleiben hinter den Erwartungen.
Was ist anders?
Vertrauen reist nicht (mit)
Julia schreibt dazu auf LinkedIn etwas, das alle Starter:innen wissen sollten:
Wir sind im Ausland einfach nicht so bekannt wie zu Hause. Vertrauen, Sichtbarkeit und Gewohnheit reisen nicht automatisch über Grenzen hinweg.
Das klingt so einfach. Aber wenn du mal darüber nachdenkst, was das für dich bedeutet für deine Kampagne, für deine Hoffnung, dass die Crowd dich findet, dann wird es ziemlich schnell kompliziert.
Deine Community kennt dich. Sie hat deine Reise verfolgt. Sie hat gesehen, wie du angefangen hast. Sie hat deine Fehler mitbekommen. Sie hat beobachtet, wie du weitergemacht hast. All diese kleinen Momente, genau das schafft Vertrauen.
Wenn du international startest, startest du fast bei null. Ohne dieses Sozialkapital. Mit einem guten Produkt vielleicht aber ohne Geschichte, die jemand kennt. Es ist ein Neuanfang. Immerhin, im Fall von Julia, auf Basis eines bestärkenden Erfolges aus dem Heimatland.
Im Gespräch mit Julia Dalmadi
Ich wollte genauer verstehen, was hinter den Kulissen passiert ist. Also habe ich Julia gefragt – und sie hat offen geantwortet.
Julia, du hattest in Ungarn eine sehr erfolgreiche Kampagne. Was hast du unterschätzt, als du versucht hast, international zu starten?
Julia: Wir haben den Aufwand unterschätzt, der nötig ist, um in mehreren neuen Ländern gleichzeitig wirklich Reichweite aufzubauen. Wir hatten zwar Kontakte in allen vier Zielmärkten, aber nicht die gleiche Tiefe, Aktivität und Nähe zur Community wie in Ungarn. Dort ist über Jahre hinweg ein sehr lebendiges Netzwerk gewachsen. International mussten wir vieles parallel neu aufbauen. Die wichtigste Erkenntnis: Internationale Reichweite entsteht nicht durch Übersetzung, sondern durch echte lokale Verankerung.
Wie waren die ersten 48 Stunden deiner internationalen Kampagne?
Julia: Wir haben uns zu stark auf Ungarn konzentriert und dort auch direkt mit einem Event gestartet. Die internationalen Events waren über die Kampagne verteilt geplant. Rückblickend hätten wir parallel in den anderen Ländern zumindest online deutlich lauter sein müssen – idealerweise über lokale Partner:innen. Außerdem hätten wir vorab gezielt E-Mail-Listen in den neuen Märkten aufbauen sollen. Wir hatten viele Sampling-Pakete vorbereitet, haben die internationale Zielgruppe aber nicht ausreichend erreicht.
Was war der wirkliche Unterschied zwischen dem Erfolg in Ungarn und der Herausforderung in Deutschland und Österreich?
Julia: Der größte Unterschied war weniger das Pre-Launch-Community-Building, sondern der frühe Verkauf größerer Supporter-Pakete in Ungarn. Diese haben dort schnell Vertrauen, Dynamik und Sichtbarkeit erzeugt. International ist uns das nicht gelungen. Wir haben die passende Zielgruppe für diese Pakete nicht früh genug identifiziert. Gleichzeitig haben wir ein höheres Ziel gesetzt, da drei Marken beteiligt waren und mehrere Länder adressiert wurden. Wir haben mit einem Multiplikatoreffekt gerechnet, der so nicht eingetreten ist.
Ein weiterer entscheidender Faktor: Wir hatten damit gerechnet, dass unsere bereits bestehenden Produkte während der Kampagne in Deutschland und Österreich über einen Online-Lebensmittelhändler gelistet sind und als Vertrauensverstärker wirken. Diese Listings haben sich jedoch verzögert. Damit ist ein wichtiger geplanter Hebel weggefallen.
Hinzu kamen Lieferketten-Verzögerungen bei der Verpackung, Teamveränderungen während der Kampagne und insgesamt weniger verfügbare Ressourcen als angenommen. Statt diese Phase aktiv zu nutzen, sind wir zu lange im Mittelteil der Kampagne stecken geblieben.
Hast du lokale Influencer oder Partner eingebunden? Was hat funktioniert – was nicht?
Julia: Ja, wir haben mit Partnerbrands wie Roots Radicals oder SIRPLUS zusammengearbeitet. Diese Kooperationen haben grundsätzlich funktioniert, fanden aber in einer extrem lauten Vorweihnachtszeit statt. Rückblickend hätten wir häufiger nachfassen müssen – auch bei Kontakten, die zunächst nicht reagiert haben – und stärker über bestehende Partnernetzwerke gehen sollen.
Wenn du die Kampagne neu starten würdest – was würdest du anders machen?
Julia: Wir würden deutlich früher mit dem Pre-Launch beginnen und gezielt lokale Partner:innen, Plattformen und Multiplikator:innen einbinden. Außerdem würden wir von Anfang an eine längere Laufzeit einplanen und B2B-Zielgruppen klarer und anders ansprechen als Endkund:innen. Kurz gesagt: weniger gleichzeitig, dafür tiefer vorbereitet und mit klaren Rollen für lokale Mitstreiter:innen.
Welche Empfehlung hast du an Startende, die in einem neuen Markt crowdfunden wollen?
Julia: Geh davon aus, dass deine Marke zunächst keine Bekanntheit hat. Suche dir eine klar definierte Nische, die deine Mission versteht, und sprich sie konsequent über mehrere Kanäle an. Kooperationen mit passenden Marken sind essenziell – nicht als Add-on, sondern als Kernstrategie. Wir hatten gute Partnerschaften, aber rückblickend zu wenige, um wirklich Durchschlagskraft zu entwickeln.
Wann würdest du sagen: „Okay, jetzt kannst du starten“?
Julia: Wenn du aktive Kontakte hast, die nicht nur wohlwollend sind, sondern wirklich mitziehen. Und wenn du ihnen alles so vorbereitest, dass Mitmachen einfach ist: klare Messages, Materialien, Timings. Crowdfunding ist Teamarbeit. Ohne ein gut vorbereitetes Netzwerk wird es unnötig schwer.
Was planst du für die Abschluss-Rallye deiner aktuellen Kampagne?
Julia: Im Dezember hatten wir gemeinsam mit SIRPLUS bereits einen ersten Kooperations-Push mit solider Resonanz. Für die letzte Phase haben wir bewusst weitere gemeinsame Aktionen geplant. SIRPLUS ist für uns ein zentraler Partner im deutschen Markt, weil wir dieselben Werte teilen: Lebensmittel retten und sinnvoll verwerten. Zusätzlich setzen wir in der Schlussphase stärker auf persönliche Aktivierungen.
Die unbequeme Frage
Was mich an Julias Offenheit beeindruckt: Sie stellt sich den wichtigen Fragen …
„Siehst du Crowdfunding primär als Möglichkeit, die Nachfrage nach einem neuen Produkt zu validieren? Und wenn etwas nicht konvertiert – ist das ein Marketing-Problem, ein Timing-Problem oder ein echtes Signal, das Produkt selbst zu überdenken?“
Ich finde das mutig, weil vermutlich die meisten von uns, mich eingeschlossen, lieber zuerst nach externen Gründen suchen. Das Marketing war nicht stark genug. Der Zeitpunkt war falsch. Die Zielgruppe wurde nicht erreicht. Manchmal stimmt das. Manchmal ist es aber auch ein Signal, innezuhalten.
In Julias Fall ist es besonders schwer herauszulesen, weil sie zwei Dinge gleichzeitig verändert hat: neuer Markt und weiterentwickeltes Produkt. Was den Unterschied gemacht hat, ist nicht offensichtlich. Wie sie selbst beschreibt: In Ungarn haben große Supporter-Pakete früh Dynamik erzeugt, geplante Hebel wie die Händler-Listings fielen weg, und die Vorweihnachtszeit war lauter als gedacht.
Vielleicht ist der Heimatmarkt auch schlicht weniger gesättigt. Auch wenn Deutschland ein riesiger Markt ist – bei Porridge-Produkten wird er förmlich überschwemmt.
Was Gabor weiß
In den Kommentaren unter Julias LinkedIn-Beitrag meldet sich Gabor Kövesdi. Er hat Brancs gegründet (Liebe Grüße aus Dresden nach Ungarn), eine ungarische Crowdfunding-Plattform, und fast 200 Kampagnen begleitet. Seine Antwort: „Everything depends on trust and the network effect.“
Er erzählt von seiner eigenen Erfahrung: Eine Kampagne auf Indiegogo brachte fast keine Resonanz. Dieselbe Idee explodierte zu Hause – weil das Netzwerk da war. Weil die Menschen ihn kannten.
Das ist keine Kritik an Indiegogo. Das ist eine Beobachtung über menschliches Verhalten. Wir unterstützen, was wir kennen. Wir vertrauen Menschen, deren Weg wir nachvollziehen können. Gabor hat absolut recht.
Was das für dich bedeutet
Wenn du gerade überlegst, eine Kampagne zu starten, egal ob lokal oder international, dann nimm das hier mit:
Dein Netzwerk ist kein Nice-to-have. Es ist das Fundament. Bevor du über Dankeschöns nachdenkst, bevor du das Video drehst, bevor du den Launch-Tag planst: Frag dich, wer dich kennt. Wer deine Geschichte verfolgt hat. Wer auf deinen ersten Post reagieren wird.
Wenn die Antwort „nicht viele“ ist, dann ist das kein Grund, nicht zu starten. Aber vielleicht ein Grund, erstmal Beziehungen aufzubauen. Sichtbar zu werden. Menschen mitzunehmen auf den Weg, bevor du sie um Unterstützung bittest.
Julia bringt es auf den Punkt: Crowdfunding ist Teamarbeit. Internationale Reichweite entsteht nicht durch Übersetzung, sondern durch echte lokale Verankerung. Kooperationen mit passenden Marken sind keine nette Ergänzung, sondern die Kernstrategie. Und der richtige Zeitpunkt zum Starten ist, wenn du aktive Kontakte hast, die wirklich mitziehen.
Ihr konkretes Learning: Persönliche Events, wie die Späti-Porridge-Party in Berlin, waren extrem wirkungsvoll. Davon hätte es früher und mehr geben sollen. Für den Markteintritt in Deutschland will Julia künftig fokussierter vorgehen, weniger Märkte gleichzeitig, klarere Sprache, mehr lokale Präsenz.
Und wenn es nicht läuft?
Dann ist das kein Scheitern. Es ist Feedback. Manchmal bedeutet es: andere Zielgruppe ansprechen. Manchmal: anderer Zeitpunkt. Manchmal: anderes Produkt. Die Kunst ist, das eine vom anderen zu unterscheiden. Und das geht nur, wenn du genau hinschaust. Wenn du bereit bist, die unbequeme Frage zu stellen, die Julia gestellt hat.
Einladung
Julias Kampagne für Secontaste läuft noch. Wer Zero-Waste-Mahlzeiten und Upcycled Food unterstützen möchte, findet sie hier auf Startnext.
Und wenn du selbst gerade in der Vorbereitung steckst, mit Zweifeln kämpfst oder dich fragst, ob dein Netzwerk reicht: Das geht vielen so. Du bist nicht allein damit, komme in eines unserer Format.
Liebe Grüße
Denis
und lieben Dank an Julia für das wahnsinnig spannende und ehrliche Interview.
Über Julia Dalmadi
Júlia Dalmadi ist Gründerin von TransFoodMission und der Upcycling-Lebensmittelmarke Secontaste. Sie arbeitet an der Schnittstelle von zirkulären Lebensmittelsystemen, Produktentwicklung und Retail-Umsetzung. Nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne in Ungarn begann sie, Upcycling-Kategorien in anderen europäischen Märkten aufzubauen – auch die Upcycling-Kategorie auf Knuspr.de geht auf ihre Arbeit zurück. Der nächste logische Schritt war ein internationaler Produktlaunch über Crowdfunding: um Upcycling als skalierbares, marktreifes Modell über Ländergrenzen hinweg zu testen – gemeinsam mit lokalen Communities, Partnern und Konsument:innen.