Projekte / Social Business
Mit meiner mobilen KLANGVISITE schenke ich mit Harfe, Ukulele und Gesang Senioren, Kranken und Sterbenden Augenblicke der Geborgenheit, Trost und Entspannung am Krankenbett.
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Projekt erfolgreich
21.09.18, 00:58 Astrid Marion Grünling
Die Harfe hilft Tragen Wie beruhigend Harfenklänge wirken in der sozialen Begleitung von Menschen, die Sterben, Tod und Trauer erleben, davon erzählt meine Klangvisite im Hospiz Advena von heute. Zum siebten Mal bin ich auf Klangvisite mit Harfe im Hospiz Advena. Zuerst schlage ich das Erinnerungsbuch auf, um mich ins Bild zu versetzen, wer noch unter uns ist und wer uns in der letzten Woche verlassen hat. Zu meiner Überraschung ist Herr Stiller (Name geändert) noch da. Ein anderer Bewohner jedoch, der zusammen mit seiner Frau die Harfe so genossen hat, ist von uns gegangen. Letzte Woche hatte ich noch kurz bei ihm vorbeigeschaut. Er sah hinfälliger aus als die Wochen davor, hatte aber noch ein freudiges und gütiges Lachen im Gesicht, das dennoch seine Anstrengung kaum verbergen konnte. Schön, dass wir uns noch voneinander verabschiedet haben. Die Seelsorgerin des Hauses erzählt mir in der Übergabe, dass er sehr entspannt ausgesehen habe nach seinem Tod. In einer ausführlichen Übergabe klärt sie mich weiter über das Befinden der Bewohner auf, über Neuzugänge und Verstorbene und wem heute eine Klangvisite am Krankenbett besonders guttun würde. Sie nennt mir eine Frau im Erdgeschoss, die sehr durcheinander sei und die sich bestimmt freuen würde, wenn ich mit Harfe bei ihr vorbeischaue. Mit diesen Informationen plane ich meine heutigen Wege im Hospiz und beginne zunächst, im Foyer im Erdgeschoss zu spielen. Gleich zu Beginn wird der ältere Herr, der schon letzte Woche in erster Reihe vor mir saß, in seinem Rollstuhl ins Foyer geschoben, wo ich bretonische Melodien auf Harfe zum Klingen bringe. Auch diesmal sammeln sich Menschen in kleinen Grüppchen um mich. Und wieder fühle ich mich wie Julie Andrews in der Rolle der Maria Augusta Trapp in der Filmszene in Meine Lieder – meine Träume. Noch während meines Spiels bemerke ich in meinem Rücken, dass hinter mir Menschen stehen. Nach dem Stück halte ich kurz inne und wende mich ihnen zu. Es ist die Dame, die vor einer Woche neu ins Hospiz kam, und die ich letzte Woche noch nicht persönlich zu Gesicht bekam. Ich hatte mich jedoch länger mit einer Freundin und Kollegin von ihr unterhalten. Die Bewohnerin steht nun mit zwei ihrer langjährigen Freundinnnen, die sie besuchen, hinter mir. Sie sind aus der Gartenlaube nach drinnen gekommen, wo es kühler ist. Es ist nochmal ein sehr heißer Sommertag heute. Die Frauen lauschen den Melodien und haben vor Berührtheit Tränen in den Augen. Ich lade die drei ein, sich zu uns zu setzen. Die Dame wird in ihrem Rollstuhl herangeschoben, so dass sie vor mir sitzt. Ihre Besucherinnen stehen hinter und neben ihr und halten sie an Schultern und Händen. Während meines Spiels beobachte ich sie. Die anfängliche Berührtheit, die auch Tränen zum Fließen bringt, Tränen der Berührtheit und Tränen der Traurigkeit, weicht einer Ruhe, die sich mehr und mehr auf ihrem Gesicht ausbreitet. Sie wirkt zunehmend fester. Fest und ruhig. Gefasster. Zwischendurch wechseln wir ein paar Worte. Wie lange ich schon Harfe spiele, fragt sie mich. Und sagt mir, wie sehr die Harfe sie berührt. Bevor sich das kleine Grüppchen wieder raus ins schattige Grün der Gartenlaube setzt, sagt sie noch, wie sehr sie die Harfe beruhigt. Und ja, das sieht man ihr auch wirklich, wirklich an. Die Tochter von Herrn Stiller (Name geändert) kommt durch den Eingang ins Foyer und begrüßt mich freudig. Ja, er ist noch da, und es habe Herrn Stiller und auch ihnen, den Angehörigen, noch lange nach meinem Besuch sehr gut getan, dass ich bei ihm reingeschaut habe. Er wäre nach meinem Besuch noch eine ganze Weile munter und wacher gewesen und hätte sogar gegessen. Nun ist er nicht mehr ansprechbar und isst und trinkt nichts mehr. Ich verspreche, nachher vorbeizukommen. Nachdem ich noch kurz auf dem Flur spiele, beschließe ich, nach der Dame zu schauen, die die Seelsorgerin mir zu besuchen empfohlen hat. Auf dem Weg zu ihr schaue ich kurz im Zimmer bei Herrn Stiller vorbei. Vier seiner Angehörigen sind da. Herr Stiller ist nun wirklich nicht mehr ansprechbar. Zur Begrüßung lege ich meine Hand auf seine und halte sie während der Zeit meines Besuchs. Wieder beeindruckt mich, wie schon letzte Woche, die Gelöstheit, die die Angehörigen ausstrahlen. Ja, es herrscht eine gelöste und fast heitere Stimmung um sein Krankenbett. Traurigkeit ist schon auch da, aber keine Schwere. Das ist die Stimmung, in der Herr Stiller aus dem Leben geht, und die ihn umgibt. Nach einem kleinen Weilchen verabschiede ich mich und gehe zu der nächsten Dame aufs Zimmer. Die Bewohnerin, neu auf Station, finde ich in der Stimmung vor, die die Seelsorgerin mir bereits beschrieben hat. Ein bisschen durcheinander, sie weiß garnicht wo sie ist, will nach Hause und kennt das alles hier nicht. Ich stelle mich als die Frau mit der Harfe vor und frage sie, ob sie die Harfe gern mal auf ihrem Zimmer erleben würde. Oder ob sie vielleicht lieber ihre Ruhe möchte. Sie aber ist neugierig, und ja, ich soll mit der Harfe kommen. Also hole ich Harfe und Keyboardstuhl und beginne an ihrem Krankenbett zu spielen. Das erste Stück verfolgt sie wach und klatscht am Ende. Sie freut sich wirklich. Beim zweiten Stück bemerke ich, wie sie die Augen schließt und sich ganz den Klängen hingibt. Sie wirkt dabei sehr entspannt und träumerisch. Unter ihren geschlossenen Augen spüre ich ihre entspannte Wachheit. Intuitiv erfasse ich, dass bei ihr weniger mehr ist, und belasse es bei den beiden Stücken. Sie ist sehr dankbar für mein Spiel, und bevor ich die Harfe wieder aus dem Zimmer trage, schaut sie sich das Instrument sehr interessiert an. Sie habe noch nie eine Harfe von so nah gesehen. Sie fragt mich noch, oder schon wieder, ob ich immer sonntags komme. Es ist Donnerstag heute, aber ich mache da keine Debatte draus und sage einfach, dass ich einmal die Woche da bin. Da sie müde ist, wünsche ich ihr eine gute Nacht. Ich gehe nach oben, und dort bei jedem einzelnen Bewohner kurz aufs Zimmer. Herr Franz (Name geändert) hat Besuch und möchte sich weiter in Ruhe unterhalten, da er sich sehr über seinen Besuch freut. Ich ziehe mich zurück und frage die anderen Bewohner, ob sie der Musik bei geöffneten Zimmertüren lauschen oder lieber für sich sein möchten. Dann spiele ich eine ganze Weile auf dem Flur, wohlwissend, dass die Klänge die Bewohner auf ihren Zimmern erreichen. Im Vorbeigehen flüstert mir eine Besucherin zu, wie schön sie die Musik findet, als sie aus dem Zimmer ihres Mannes kommt. Ich spiele noch ein Weilchen beruhigende und liebliche bretonische Stücke und lasse dann meine Klangvisite ausklingen. © Astrid Marion Grünling www.klangvisite.de
16.09.18, 18:46 Astrid Marion Grünling
Mit nichts auf dem Herzen als ein tiefes Lachen Welche Haltung hilft uns einmal, gut aus dem Leben zu gehen? Dass man nicht zwingend einen Glauben haben muss, um aufgeräumt und mit einem tiefen Lachen aus vollem Herzen aus dem Leben zu gehen, davon erzählt meine Klangvisite von letztem Freitag... Bereits zum sechsten Mal bin ich im Rahmen meines Projekts in dem mir liebgewordenen Hospiz Advena in Erbenheim. Meine Klangvisite ist heute besonders geprägt von herzlichen Begegnungen mit den Bewohnern – also Menschen, denen das Hospiz letzte Station in ihrem Leben ist – ihren Angehörigen, mit Freunden des Hauses und dem Team. Mein Harfenspiel konzentriert sich heute neben meinen eigenen Kompositionen hauptsächlich auf bretonische Melodien, die so beruhigend wie berührend wirken. Das mit Harfenklängen erfüllte Foyer im Erdgeschoss zieht immer wieder Menschen an, die sich durch die Musik zum Verweilen eingeladen fühlen. Ein Bewohner wird in seinem Rollstuhl hergefahren. Ich fühle mich ein bisschen wie Julie Andrews in der Rolle der Maria Augusta Trapp in einer Szene im Film Meine Lieder – meine Träume (Original: The Sound of Music). Augenblicke, in denen die Zeit innehält. Ich spiele und spüre, wie gut die lieblichen Melodien den Menschen und dem Haus tun. Ein langjähriger Freund des Hauses, der immer eine Zimbel in der Tasche hat und seine Vorträge stets mit dem Zimbelklang beginnt und beendet, kommt vorbei und wir begrüßen uns herzlich. Hin und wieder gesellen sich Angehörige hinzu, und als ich nach einer Stunde Musizieren eine Pause mache, begegnen mir Angehörige von Herrn Stiller (Name geändert), den ich bereits zwei Mal besucht hatte. Auch sie haben bereits ein Weilchen lauschend dabei gestanden. Wir kommen ins Gespräch und sprechen lange und angenehm offen miteinander. Der Zustand von Herrn Stiller habe sich gestern plötzlich sehr verschlechtert. Er mag nicht mehr. Heute habe er den ganzen Tag geschlafen und war nicht wirklich präsent. Ich verspreche, später auf jeden Fall noch bei ihm vorbeizuschauen. Dann gehe ich auf Klangvisite durchs Haus. Im Erdgeschoss spiele ich kurz mit meiner Harfe am Krankenbett einer Dame, die sehr, sehr schwach wirkt, bis ihre Tochter und ihr Mann zu Besuch kommen. Oben in der ersten Etage spiele ich wieder ein ganzes Weilchen auf dem Flur und schaue auf den Zimmern nach den Bewohnern, mit denen ich mich kurz unterhalte. Herr Franz (Name geändert) wirkt heute wieder sehr bedrückt. Er fragt mich als erstes, ob ich schon in Freiburg war. Ich hatte ihm erzählt dass ich dort für ein paar Tage eine Freundin besuchen will, bin aber noch nicht dazu gekommen. Wir plaudern ein wenig über dies und das, bis er den Grund seiner Bedrücktheit mitteilt. Es ist wieder die Sorge um seine Frau. Er kommt immer wieder darauf zurück. Es ist herzzerreißend, den Ehemann, der fünfzig Jahre mit seiner innig geliebten Frau geteilt hat, in seinem Ringen um den bevorstehenden Abschied zu erleben. Angst vor dem Sterben habe er keine, und er habe auch mit allem aufgeräumt. Doch der Gedanke, seine Frau alleine zu lassen, deprimiert ihn zutiefst. Das Ende des Monats will er aber unbedingt noch erleben, denn da entscheidet sich, ob ein junger Angehöriger seinen Studienplatz bekommt. Wir verabreden uns wieder für nächste Woche. Nach meinen Klangvisiten auf den Fluren und den Gesprächen mit einzelnen Bewohnern rüste ich mich innerlich für eine letzte Begegnung mit Herrn Stiller. Er macht sich nicht wirklich viel aus Musik. Mit Harfe brauche ich ihm erst garnicht zu kommen, egal, welch geheimen und gottgefälligen Akkorde ich darauf spiele. Das habe ich ihm von Anfang an so gelassen. Meinen Zugang zu ihm fand ich über Zuhören, Gespräche und miteinander Lachen. Er hatte sich sehr über unsere Gespräche gefreut und ich auch, das eine vor drei und das letzte vor zwei Wochen. Er schien so vital, als würde er noch eine ganze Weile unter uns bleiben. Ich betrete sein Zimmer. Ich stutze, denn auch sein heißgeliebtes SWR4 läuft nicht mehr, und ich merke, es ist ernst. Da hilft kein Beschönigen. Ich spüre, Worte, die an der Situation vorbei reden, sind nicht angebracht. Dafür ist er selbst zu rundheraus und beherzt. Drei seiner Angehörigen sind im Raum. Zur Begrüßung greife ich seine Hand und lasse sie in meiner liegen. Hallo, hier ist die Frau mit der Harfe. Aber ohne Harfe, die habe ich draußen gelassen. Er lacht. Wir alle lachen, er, seine Angehörigen und ich. Die Angehörigen sind froh, dass ich noch gekommen bin. Sie hatten schon Sorge, dass sie mich verschreckt haben könnten. Herr Stiller wirkt trotz seiner Schwäche auf einmal sehr präsent. Er freut sich sehr über meinen Besuch und sagt, dass er froh sei, dass ich da bin. Die Angehörigen sagen, er hätte viel von mir erzählt. Dabei war ich erst zweimal bei ihm, und doch spüre ich, wie wichtig es für ihn und seine Angehörigen ist, heute bei ihm vorbeizusehen. Seine und die Offenheit seiner Familie angesichts des bevorstehenden Sterbens machen es mir leicht, in meiner Authentizität zu bleiben und die Worte zu verwenden, die aus dem Herzen kommen und nicht danach fragen, ob sie gesagt werden dürfen oder nicht. Ich bin nicht tapfer, sage ich zu ihm, denn ich spüre, wie mir angesichts der Situation die Tränen kommen. Die er ja nicht sehen kann, auch wenn seine lebendig und warmherzig lachenden Augen in dem müden und schwindenden Gesicht nicht darauf schließen lassen, dass er fast blind ist. Aber an meiner Stimme wird er meine Betroffenheit hören. Und, ich sage, wissen Sie, den eigenen Tod den stirbt man nur, mit dem Tod der andern muss man leben. Lachen und Weinen im Raum. Ob ihm bang sei, frage ich ihn. Ein Lachen mit einem herzhaft überzeugten Nein aus tiefer Brust ist seine Antwort. Wir drücken uns lang und fest die Hände. Mit nichts auf dem Herzen als einem tiefen Lachen verabschiedet er sich aus seinem Leben. Es ist kein gebrochenes Lachen. Nächste Woche werden wir uns nicht mehr wiedersehen. Ich wünsche ihm eine gute Reise, und, wenn es einen Himmel gibt, dass er nicht gleich auf der ersten Wolke einem Engel mit Harfe begegnet. Vielleicht gibt es dort ja SWR4, das wünsche ich ihm. Und dass es leicht sei für ihn, das Hinübergehen. Ich sage ihm, dass ich mir wünsche, mal so aus dem Leben zu gehen wie er. So aufgeräumt und einverstanden mit dem, was ist. Er wünscht es mir auch. Und sagt, dass er mich mag. Wir halten uns noch eine Zeit lang an den Händen, warm und fest. Dann lege ich meine rechte Hand auf seine Brust, lasse sie dort verweilen, und mit der anderen lege ich seine Hand zurück auf seinen Oberkörper. Tschüß, sage ich und gehe aus dem Zimmer. Draußen muss ich erstmal tief durchatmen. Eine Pflegerin, die mich sieht, wie ich aus dem Zimmer komme, nimmt mich wortlos in die Arme. Für heute mache ich Feierabend. Daheim, ich bin zwar müde nach meiner Klangvisite, fühle mich aber dennoch nicht belastet. Es liegt ein großer Frieden in dem, wie Herr Stiller aus dem Leben geht und der sich auf meine Stimmung überträgt. Ein tiefes Einverstandensein, kein Widerstand, kein Anhaften, kein Leid. Ein tiefes Ja zum Leben, Werden und Vergehen. Und er geht mit nichts als einem Lachen aus tiefstem Herzen... © Astrid Marion Grünling, Klangvisite mit Harfe www.klangvisite.de
11.09.18, 00:53 Astrid Marion Grünling
Federweißer und Zwiebelkuchen Was hilft, wenn man einen schweren Verlust erlitten hat? Einfache Dinge wie Zuhören, zusammen Weinen und vielleicht sogar zusammen Lachen können wunderbar Trost spenden. Dass Angehörige auch nach dem Tod eines Angehörigen nicht alleine gelassen werden und welche Angebote es zur Trauerbegleitung in Wiesbaden und Mainz gibt, davon erzählt meine Klangvisite von letztem Freitag... Meine neunte Klangvisite im Rahmen meines Projekts führte mich letzten Freitag zum fünften Mal ins Hospiz Advena in Erbenheim. Schon als ich meine Harfe im Wintergarten des Hospizes für meine Klangvisite im Haus startklar mache, fällt mir dort ein festlich eingedeckter Tisch auf. Ich frage die Pflege nach dem Anlass und werde auf das monatlich stattfindende Advena-Café aufmerksam gemacht. Dies ist ein offenes Angebot des Hauses für Angehörige, von denen ein nahestehender Mensch im Hospiz gerade begleitet wird oder der dort gestorben ist und offen für alle Trauernden in Wiesbaden. An jedem ersten Freitag im Monat von 17 bis 19 Uhr finden Angehörige, die einen Menschen verloren haben, im Wintergarten bei Kaffee, Tee und Kuchen Zeit und Raum, um in schwerer Zeit nicht alleine sein, miteinander zu reden, sich zu erinnern, Trost zu finden und neue Kontakte zu knüpfen. Das Café Advena wird von ehrenamtlichen Hospiz- und Trauerbegleiterinnen liebevoll ausgerichtet und von einer Trauerbegleiterin und ehrenamtlichen Hospizbegleiterin geleitet. Von der hauptamtlichen Seelsorgerin Jutta Justen wird zusätzlich Einzeltrauerbegleitung angeboten. Da noch zwei Stunden Zeit ist, bis die Gäste eintreffen, nehme ich mir vor, später mit Harfe vorbeizuschauen und beginne meine Klangvisite mit Harfe wie üblich auf den Fluren. Diesmal beginne ich oben im ersten Stock auf dem Flur zu spielen. Herr Franz (Name geändert) hat heute Geburtstag. Eine Schnapszahl. Gerade ist seine Frau bei ihm, mit der er letzten Samstag den fünfzigsten Kennenlerntag feiern durfte. Eine Pflegerin fragt die Bewohner auf den Zimmern nach, wer gerne die Tür zum Flur offen stehen haben möchte, um die Musik zu hören. Bei geöffneten Türen spiele ich eine knappe Stunde bretonische Melodien, verträumte englische Stücke und ruhige eigene Kompositionen. Auch wenn ich nicht auf die Zimmer einbezogen werde und die Angehörigen unter sich bleiben, spüre ich an den Kommentaren vorbeigehender Besucherinnen und Pflegerinnen, dass meine Musik in den Bewohnerzimmern präsent ist und aufgenommen wird. Als die Frau von Herrn Franz geht, lässt sie die Zimmertür offenstehen. Ich sehe, wie er sich träumend in seinem Sessel neben dem Bett zurücklehnt und die Musik geniesst. Wieder unten im Erdgeschoss nehme ich mir eine kleine Kaffeepause und komme mit den ehrenamtlichen Kräften ins Gespräch, die gerade dabei sind, das Angehörigen-Café vorzubereiten. Eine Dame freut sich ganz besonders über die Harfe und lässt sich meinen Kontakt geben. Sie will unbedingt, dass auf ihrer eigenen Trauerfeier einmal Harfe gespielt wird. Die ersten Gäste trudeln ein, und bald sind alle Plätze an dem gedeckten Tisch besetzt. Neben Kaffee und duftendem Apfelkuchen gibt es Federweißer und Zwiebelkuchen. Eine ehrenamtliche Dame hält eine kurze, einfühlsame Ansprache für die Anwesenden. Nach ihren einleitenden Worten beginne ich mein Harfenspiel, halte mich damit jedoch im Hintergrund, um dem rege sich entspinnenden Austausch zwischen den Trauernden Raum zu lassen. Ich spiele eine ganze Weile stimmungsvolle Harfenmusik und lege mit meinen Harfenklängen einen tragenden Klangteppich für die Anwesenden in den Raum. Dabei kommt mir ein zurückliegender Dialog zwischen zwei älteren Damen in den Sinn: Die Harfe heilt, sagte die eine Seniorin zur anderen. Nein, das hilft mir auch nicht mehr, sagt die angesprochene Dame im Rollstuhl. Aber sie hilft Tragen, sie hilft das Schwere zu tragen, erwidert die erste. Und eine feine kulturelle Freundin von mir hat es während dem Weinfest so ausgedrückt: Weißt du, Astrid, ich hatte letzthin eine schwere Zeit. Da habe ich mir deine CD mit der Harfenmusik eingelegt. Und, was soll ich sagen, die Harfenklänge nehmen die Schwere vom Herzen. Wieder im Foyer im Erdgeschoss, komme ich in Kontakt mit dem Sohn und der Ehefrau eines betagten Mannes am Ende des Flures. Mein Angebot, mit Harfe aufs Zimmer zu kommen, nehmen sie erfreut an. Der Mann war Zitherspieler. Und so ist das erste, was ich jetzt über meinen Smartphone-gesteuerten Bluetooth-Lautsprecher erklingen lasse, die auf Zither gespielte Filmmusik aus dem Film „Der dritte Mann“ . Auch in der musikbiographischen Betreuung von Senioren habe ich einer ehemaligen Zitherspielerin eine große Freude gemacht, indem ich das Stück abspielen ließ. Sie war zu Tränen gerührt. Durch die Musik wurden Erinnerungen an eine für sie wichtige und schöne Zeit in ihrem Leben wach. Der Bewohner hingegen ist zu unruhig, um auf das Stück reagieren zu können. Seinen unruhigen Bewegungen ist nicht zu entnehmen, ob er erkennend reagiert oder nicht. Sekundenweise könnte man es vermuten. Da die Unruhe sehr im Vordergrund steht, lasse ich das Stück verklingen und beginne, beruhigende und betont langsame eigene Kompositionen auf Harfe zu spielen. Die Angehörigen sind angetan. Ob die Unruhe des Herrn sich etwas verringert, ist jedoch schwer zu sagen. Ich spiele noch ein Weilchen und lasse dann den kleinen Familienkreis unter sich sein. Bevor ich packe, schaue ich nach Herrn Franz im ersten Stock, um noch ein paar persönliche Worte mit ihm zu wechseln und ihm zu seinem heutigen Geburtstag zu gratulieren. Ein unter der Zimmerdecke über seinem Pflegebett mit der Ziffer 50 bedruckter Gasballon zeugt vom Tag des 50jährigen Kennenlern-Jubiläums, das er letzten Samstag mit seiner Frau feiern durfte. So wie ich ihn verstehe, hat das Team des Hospizes ihm und seiner Frau den Ballon zukommen lassen. Und heute nochmal Blumen zu seinem Geburtstag. Die goldene Hochzeit jedoch, die im Spätherbst nächsten Jahres ansteht, glaubt er, nicht mehr zu erleben. Wir unterhalten uns noch ein wenig. Er erzählt mir von seiner Chemotherapie, die er im Krankenhaus durchmachte, und dass diese viel weniger schlimm gewesen sei, als er erwartet hatte. Es gäbe so viele und gute Medikamente heute, die Folgen der Chemo einzudämmen, so dass er sich nur zwei Mal hätte erbrechen müssen. Ich bin überrascht. Aber es käme natürlich auf die Art der Chemotherapie an, meint er, und er habe wirklich Glück gehabt. Ich will ihn nicht zu sehr anstrengen, er hatte mit den Besuchen, so sehr er sich darüber freute, einen anstrengenden Tag heute. Und er habe die Harfenmusik vorhin, zurückgelehnt in seinem Lehnsessel, sehr genossen. Mit dem Besuch von Herrn Franz komme ich heute zum Abschluss meiner Klangvisite im Hospiz, denn auch mit meinen Kräften will ich besser haushalten. Die letzten Male hatte ich mich übernommen, was ich allerdings erst hinterher spürte, während der Arbeit merke ich das nicht, weil ich da im Flow bin. Anlässlich meiner Klangvisite im Angehörigen-Café im Hospiz Advena will ich noch auf das breite Angebot von Trauerbegleitung im Raum Wiesbaden und Mainz eingehen: Das oben beschriebene Advena-Café im Hospiz Advena ist ein offenes Angebot im Bereich Trauerbegleitung in Wiesbaden für Menschen, von denen ein nahestehender Mensch im Hospiz Advena begleitet wird oder der dort verstorben ist sowie für Trauernde in Wiesbaden. Zusätzlich wird Einzeltrauerbegleitung von der hauptamtlichen Seelsorgerin und Trauerbegleiterin Jutta Justen angeboten. Mehr Informationen: https://www.hospizium-wiesbaden.de/showcontent/Regelmaessige_Termine/Angehoerigen_Cafe.html Ein weiteres offenes Angebot zur Trauerbegleitung bietet der Wiesbadener Hospizverein Auxilium e.V. mit einem offenen Gesprächstrauerkreis unter der Leitung der Trauerbegleiterin Bianca Verse an. In einer zusätzlichen geschlossenen Trauergruppe wird in einer kleinen Gruppe in geschütztem Rahmen während zehn Treffen mit gezielten Themen, Übungen, Ritualen und Phantasiereisen der Trauerprozess unterstützt. Neu ist seit Januar 2018 auch Trauer in Bewegung am jeweils ersten Sonntag eines Monats. Ein weiteres offenes Treffen für trauernde Menschen bietet Auxilium als Kooperationspartner mit dem Trauercafé an jedem ersten Donnerstag im Monat im Kirchenfenster Schwalbe 6 an. Alle Angebote des Hospizvereins Auxilium zur Trauerbegleitung zur Gruppen- und auch Einzelbetreuung findet man unter: https://www.hvwa.de/angebote/trauerbegleitung/angebot.html Das Kinderhospiz Bärenherz bietet eine Vielzahl an Angeboten der Trauerbegleitung für die erkrankten Kindern selbst sowie ihren Geschwistern, Eltern, Verwandten: https://www.kinderhospiz-wiesbaden.de/de/unsere-arbeit/trauerbegleitung/ Der Verein trauernder Eltern Mainz unterstützt Eltern nach dem Verlust eines Kindes, ihren individuellen Weg zurück ins Leben zu finden: https://eltern-kinder-trauer.de Die Flüsterpost e.V. Mainz bietet Unterstützung für Kinder krebskranker Eltern: https://kinder-krebskranker-eltern.de/ Einen etwas anderen Stammtisch zum Thema bieten Corinna Leibig und Daniela Glänzer mit Let's talk about Death am letzten Donnerstag im Monat von 19 - 21 Uhr im GODOT | DieKulturWerkstatt in der Westendstraße 23, 65195 Wiesbaden: https://www.lets-talk-about-death.de/ Emma hilft! Ist das etwas andere Therapiebegleithunde-Team von Ivana Seger: Emma bezaubert, Emma hört zu und tröstet, Emma hilft! http://www.emmahilft.de/http___www.emmahilft.de/Willkommen.html Mit meiner mobilen Klangvisite komme ich ans Krankenbett nach Hause, ins Seniorenstift, Hospiz und auf Palliativstation und lasse mit Harfe, Ukulele und Gesang Senioren, Kranken und Menschen in ihrer letzten Lebensphase Augenblicke der Freude, des Trostes und der Beruhigung erleben, wenn Worte angesichts Krankheit nicht mehr ausreichen oder möglich sind: www.klangvisite.de
03.09.18, 15:39 Astrid Marion Grünling
Ich sah des Sommers letzte Rose blühn Auf was besinnen sich Menschen in ihrer letzten Lebensphase? Was hilft, den nahenden endgültigen Abschied von der Welt zu tragen? Auf meinen Klangvisiten im Hospiz begegnen mir neben aller Schwere auch Humor, Lachen, Glauben, Spiritualität, Musik, Poesie und die Weisheit vieler Jahre gelebten Lebens. Von einer besonders poetischen Klangvisite will ich heute erzählen... Meine achte Klangvisite im Rahmen meines Projekts führte mich letzten Donnerstag wieder einmal ins Hospiz Advena. Als erstes schaue ich unten im Eingangsbereich in das dort aufgeschlagene Erinnerungsbuch. Ein Bewohner, nach dem ich letzte Woche kurz geschaut hatte und für den ich nichts tun konnte als ihm auf seinen Wunsch hin einen Strohhalm zu bringen und die Bewohnerin, für deren Angehörige ich letzte Woche auf dem Zimmer spielte, sind verstorben. Zunächst spiele ich mit meiner Harfe auf dem Flur im Erdgeschoss, um über die Klänge sanft Kontakt mit den Bewohnern des Hauses aufzunehmen. Heute scheint nicht viel los zu sein. Ich sehe keine Angehörigen auf den Fluren. Nach den ersten Melodien auf Harfe gehe ich an das Zimmer des fast blinden Herrn, den ich von letzter Woche schon kenne. Nach kurzem Klopfen trete ich ein, grüße und setze mich zu ihm. Gutgelaunt und mich erkennend von letzter Woche begrüßt er mich. Im Radio an seinem Krankenbett läuft SWR4. Das Radio läuft Tag und Nacht, sagt er. Ohne Radio kann er nicht schlafen. Es scheint ihn zu beruhigen. Wir reden gutgelaunt über Belanglosigkeiten, über Gott und die Welt. Über die Biennale, die noch bis kommendes Wochenende in Wiesbaden stattfindet. Vom Sturz der Erdogan-Statue am Platz der Deutschen Einheit hat er gehört. Er erklärt, dass er ein Kunstbanause sei. Wir reden über das Gift in Lebensmitteln und in Kosmetik, über das Zeug, was auf Bananen draufgespritzt wird und die man vor lauter Gift, wie er sagt, kaum essen kann. Er erzählt von seiner Diagnose und seinen Behandlungen. Wie letzte Woche scheint er guter Dinge, ohne jeglichen Anschein irgendeiner Art von Verdrängung. Mir liegt nah, seine Haltung als buddhistische Art der Nicht-Anhaftung und der totalen Akzeptanz zu beschreiben. Aber er ist weder buddhistisch, noch gläubig und auch angesichts des Unabwendbaren guter Dinge. Mit seiner offenen und neugierigen Haltung zeigt er, dass es nicht mal einen Glauben braucht, um mit dem Leben gut abschließen zu können. Nachdem im Erdgeschoss nichts weiter zu tun ist, gehe ich nach oben. Die Tür zu einem der Zimmer steht offen und ich gehe zu einer Dame, die hier schon seit vier Wochen wohnt. Unsere Namen ähneln einander. In ihrem Leben habe sie gerne Klavier gespielt, und so geniesst sie die Stücke, die ich ihr auf Harfe vorspiele. Um sie zu einem musikalischen Dialog anzuregen und ein Stückchen ihrer früheren Musikalität aufleben zu lassen, drücke ich ihr meine Sansula in die Hand. Ich zeige ihr, wie sie das auch Daumenklavier genannte kleine zarte Instrument spielen kann. Sie probiert ein wenig und schaut nicht sehr glücklich damit aus. Durch ihre Krankheit sind an jeder Hand einzelne Finger gelähmt, so dass ihr das Spielen auf der Sansula schwerfällt. Sie mag lieber zuhören, und so spiele ich noch ein wenig für sie. Meine nächste Visite führt mich zu Herrn Franz (Name geändert). Als Erkennungsmelodie spiele ich das irische Segenslied auf Harfe vor seinem Zimmer und gewinne seine Aufmerksamkeit. Er lacht und grüßt winkend und ich gehe mit Harfe auf sein Zimmer. Ich frage ihn, wie es ihm heute geht. Er sei heute deprimiert, meint er. Seine Frau. Seine ganze Sorge gilt seiner Frau, die ja ohne ihn alleine bleibt. Traurig wirkt er. Er bekommt Abendessen gebracht. Ich bitte ihn, sich nicht stören zu lassen. Ich spiele, während er seine Suppe löffelt. Er freut sich über jedes Lied, jede Melodie auf Harfe. Sein Telefon klingelt. Dem Dialog entnehme ich, dass es sich um seine Frau handelt. Ja, mein Schatz, mir geht es gut hier, ich esse gerade zu Abend, eine Dame macht Musik mit ihrer Harfe hier auf meinem Zimmer, ich habe also ein ganz vorzügliches Dinner. Ich habe dich ganz doll lieb, mein Schatz, gute Nacht. Wir sehen uns morgen. Ich bin gerührt über die liebe und fürsorgliche Weise, in der er mit seiner Frau spricht. Wie Frischverliebte. Am Samstag vor fünfzig Jahren haben sie einander am Gardasee kennengelernt. Ich frage ihn, ob er nochmal sein Lied hören will, den Schlager von Rita Pavone, das er und seine Frau mit ihrem gemeinsamen Kennenlernen verbinden. Er bejaht und schwelgt in Erinnerungen, während ich über youtube und meinen Bluetooth-Lautsprecher leise den Schlager „Arrivederci Hans“ spielen lasse. Seine Frau besucht ihn jeden Tag zwei Stunden. Ich biete an, nächste Woche meine Klangvisite im ersten Obergeschoss zu beginnen, so dass er gemeinsam mit seiner Frau die Melodien auf Harfe erleben kann. Ich frage ihn, ob es was für seine Frau wäre, ihnen gemeinsam den Schlager ihres Kennenlernens vorzuspielen. Er sorgt sich, lieber nicht, dann kommt sie aus dem Weinen nicht mehr raus. Ich verstehe und verspreche ihm, dass ich von mir aus das Thema nicht anschneide und ihm die Entscheidung überlasse, das Lied zu spielen. Dabei habe ich es, für alle Fälle. Herr Franz legt seine Hand auf meine und sagt, gell, wir zwei haben auch eine Wellenlänge. Wir unterhalten uns weiter, über die Liebe. Wie das früher war und wie das heute ist, mit dem Kennenlernen. Es rührt mich zu hören, wieviel ihm seine Frau und der Tag ihres Kennenlernens vor fünfzig Jahren bedeuten. Sie waren 27, als sie sich kennenlernten. Im Rückblick würde er garnichts anders machen, sagt er. Oder doch, wenn er einen Wunsch frei hätte, dann würde er sich wünschen, sie noch eher kennengelernt zu haben... Wir singen gemeinsam das Ännchen von Tharau, ein anmutiges Lied aus Ostpreußen aus dem 17. Jahrhundert, das die Liebe besingt. Durch die lyrische Stimmung angeregt, zitiert Herr Franz ein paar Zeilen eines Gedichts. Ich sah des Sommers letzte Rose blühen / Sie war, als ob sie bluten könne, rot / Da sprach ich schaudernd im Vorübergehn / So weit im Leben, ist zu nah am Tod. Es ist das „Sommerbild“ von Christian Friedrich Hebbel. Ich frage ihn, ob ich ihn aufnehmen darf, während er die Zeilen spricht. Er bejaht. Der Originaltext lautet „Ich sah des Sommers letzte Rose stehen“, aber so ist der Klang noch schöner. Wir hören uns gemeinsam die Aufnahme des eben von ihm Gesprochenen an. Auf seinem Nachttisch sehe ich eine sanduhrförmige Figur, deren lila Ölblubberbläschen nach oben aufsteigen anstatt wie Sand nach unten zu rieseln. Er erklärt, das habe er von seiner Gemeinde geschenkt bekommen. Auf dem Boden der Sanduhr ist ein Aufkleber „Christen leben aufwärts“. Wir verabschieden uns. Es ist spät. Ich schaue dennoch noch auf dem Zimmer des Bewohners vorbei, der letzte Woche gemeinsam mit Frau und Sohn und im Foyer auf die Harfe gewartet hatte. Er ist guter Dinge, wirkt aber angestrengt nach einem Tag mit viel Besuch, und so halte ich meine Klangvisite kurz, mit beruhigenden Stücken und einem Gute-Nacht-Lied. Ich mache mich auf den Heimweg. Nächste Woche geht es weiter. © Astrid Marion Grünling, Klangvisite mit Harfe www.klangvisite.de
30.08.18, 00:20 Astrid Marion Grünling
Sei über vierzig Jahre im Himmel, bevor der Teufel merkt du bist schon tot... Dass es im Hospiz und am Krankenbett nicht nur todernst zugeht, sondern auch viel miteinander gelacht wird, das habe ich auf meiner letzten Klangvisite am Donnerstag letzte Woche wieder einmal mehr erleben dürfen. Den Gast, dem ich das letzte Mal hoch und heilig versprechen sollte, meine Klangvisite so anzukündigen, dass auch seine Frau dabei sein kann, finde ich bereits mit Ehefrau und Sohn wartend im Foyer des Hauses vor. Hier finden normalerweise die Gedenkgottesdienste statt, und auch andere Veranstaltungen wie beispielsweise der Weihnachtsbasar. In den Raum ist ein Wintergarten integriert, grün, gemütlich und heimelig. Ich setze mich mit meiner Harfe zu der wartenden Familie hinzu und beginne zu spielen. Leichte und beruhigende eigene Improvisationen, verträumte englische und schottische Stücke. „Comptine d'un autre été“, ein Stück der wunderbaren Filmmusik von Yann Tiersen aus dem Film „Die wunderbare Welt der Amelie“, der vor mehr als 15 Jahren in den Kinos war. Die Familie geniesst gemeinsam. Um die leise Stimmung nicht aufzubrechen, bitte ich sie, am Ende der Stücke nicht zu klatschen. Der Bewohner selbst kann nicht sehr lange sitzen, es strengt ihn an, und die Familie macht sich auf den Weg nach oben auf sein Zimmer. Ich verspreche ihm, nachher nochmal bei ihm vorbeizuschauen, wenn ich auf dem Flur oben bin. Nach einem kurzen Spiel auf dem Flur im Erdgeschoss gehe ich zu einem Herrn aufs Zimmer, der fast erblindet ist. Von der Pflege weiß ich bereits, dass er keine Harfenmusik am Krankenbett haben mag, weil es einfach nicht sein Instrument ist, und so frage ich behutsam, welche Musik er gerne hört. Steierische Volksmusik, aber dafür hört er Radio, antwortet er. Auch wenn es nichts gibt, was ich musikalisch für ihn tun kann, kommen wir miteinander ins Gespräch. Sehr rundheraus und so garnicht deprimiert erklärt er mir, dass er wohl wisse, wofür er hier ist. Er scheint nicht besonders traurig darüber zu sein, keine Tragik liegt in seinen Worten, kein Schmerz, keine Angst, nichts, was irgendwie gelöst werden will. Er erscheint mir auch nicht nüchtern abgeklärt, da scheint auch nichts mühevoll Verdrängtes, nein, es ist für ihn einfach, wie es ist. Er hat sein Leben gelebt und es ist gut. Ich fühle mich von seinen lebendigen blauen Augen, in denen der Schalk blitzt, angeschaut, und bin irritiert, weil ich weiß, dass er ja blind ist. So gut wie, meint er auf meine Nachfrage. Schatten sieht er, und aus welcher Richtung die Stimme kommt. Da kucke er hin. Darüber hinaus unterhalten wir uns angeregt über Gott und die Welt weiter, nein stopp, an Gott glaubt er nicht, und vor allem nicht an die Kirche, wir flachsen über den Tod, reden aus seinem Leben und lachen dabei recht viel miteinander. Ich verspreche ihm, nächste Woche wieder nach ihm zu schauen. Nachdem ich im Erdgeschoss für keine weiteren Bewohner mehr etwas tun kann, schaffe ich mich mit Harfe, Klavierstuhl, Notenständer, Rucksack mit Noten und einer Wasserflasche nach oben in die erste Etage. Es ist schon immer mit viel Schlepperei verbunden. Im nächsten Leben spiele ich Sopraniniflöte. Aber die hat nun mal nicht die Resonanz und Tiefenwirkung von Harfenklängen... Wieder spiele ich zunächst auf dem Flur, jetzt im ersten Stockwerk. Ich bemerke, wie in dem Zimmer, dessen Tür weit offensteht und vor dem ich unmittelbar spiele, Herr Franz (Name geändert) sein Buch aus der Hand legt, es sich in seinem Liegestuhl gemütlich macht und sich mit geschlossenen Augen und Brille auf der Nase verträumt zurücklehnt. Wir kennen uns schon von letzter Woche. Ich gehe zu ihm aufs Zimmer, begrüße ihn und biete ihm an, dass ich mit der Harfe auch aufs Zimmer komme. Erst verneint er, er bekomme ja genug mit, wenn ich auf dem Flur spiele, das genüge ihm. Ich frage, ob ich mich ohne Harfe ein bisschen zu ihm setzen darf und wir uns ein wenig unterhalten wollen. Das nimmt er gerne an. Auf meine Frage, ob es in seinem Leben Musik gab, die ihm viel bedeutet hat und die er gerne wieder hören würde, wird er nachdenklich. Ich habe einen Bluetooth-Lautsprecher dabei, den ich über mein iPhone bediene, so dass ich über youtube die meisten Titel recherchieren und spielen lassen kann. Zwischen uns entspinnt sich zunächst ein anregendes und zutiefst philosophisches wie spirituelles Gespräch über Leben, Tod und Sterben. Er redet offen und angstfrei über sein bevorstehendes Sterben. Meine Frage, ob ihm bang davor sei, verneint er. Er meint, er hätte alles geregelt und wäre neugierig auf das was da auf ihn zukommt. Nur um seine Frau, die er zurücklässt, und mit der er fast fünfzig Jahre zusammengewesen sei und nächste Woche Hochzeitstag feierte, würde er sich sorgen. Er habe den Wunsch, dass sie nicht alleine bleibe und dass jemand für sie da sei. Für ihn, zutiefst gläubig und in seiner Kirchengemeinde immer sehr eingebunden, sei das Sterben wie ein Heimkommen. Das Gefühl teile ich mit ihm und so erzähle ich ihm von einem sehr persönlichen Erlebnis. Vor sieben Jahren, in einer für mich sehr herausfordernden Lebensphase, fand ich mich nach einem Fahrradunfall mit schwerer Gehirnerschütterung im Krankenhaus wieder. Ich konnte mich nicht rühren und hatte Schmerzen. Und über all die Tage im Krankenhaus, und noch darüber hinaus, hatte ich ein so intensives Gefühl der Geborgenheit, dass ich mich fühlte wie in Gottes Hand. Ich war damals so verblüfft und verwundert über diese intensive und anhaltende Wahrnehmung, die ich in keinen anderen Worten hinreichend ausdrücken kann als in diesen, dass ich sicher bin, dass ich zum Glauben gefunden hätte, wenn dieser nicht ohnehin schon dagewesen wäre. Auch ohne Kirchenanbindung. Herr Franz erzählt, wie er bereits seine Traueranzeige geschrieben hat, seine Trauerfeier geplant hat, und auch die Musik zur Trauerfeier ausgesucht hat. Das sei so ein irisches Segenslied. Ich horche auf. Das Lied „Möge die Straße uns zusammenführen“ begleite ich hin und wieder auf der einen oder anderen Gedenkfeier. Auf youtube finde ich schnell eine schöne Fassung von einem Chor und lasse es über den JBL-Bluetooth-Lautsprecher spielen. Ich sehe, wie angerührt Herr Franz ist. Er lauscht tief bewegt. Wir sprechen über das Lied, das ja nicht nur fromme Wünsche hat, sondern auch eine recht humorvolle Strophe hat, die der Chor auf youtube ausgespart hat. Herr Franz kennt die knackige dritte Strophe. Ihr Text im Wortlaut: „Hab unterm Kopf ein weiches Kissen, habe Kleidung und das täglich Brot; sei über vierzig Jahre im Himmel, bevor der Teufel merkt du bist schon tot.“ Und ja, auch diese Strophe soll auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin gesungen werden. Ich hole draußen mein Liederbuch und singe ihm die Strophe vor, er singt mit. Wir lachen miteinander. Nach dem Refrain am Schluss „Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand“ meint er zu mir, das ist das Lied zu ihrem Erlebnis im Krankenhaus, das mit Gottes Hand. Wir sprechen noch etwas über sein Leben. Er erzählt mir, wie er seine Frau vor knapp fünfzig Jahren kennengelernt hat, am Gardasee. Wie froh er darüber sei in ihr die Eine und Richtige gefunden zu haben. Und wie sehr ein Lied mit dieser Erinnerung verbunden ist. Nun, ich kenne es nicht. Aber youtube spuckt es aus. Arrivederci Hans, das war der letzte Tanz, das Licht geht aus, im Lokal, nun küss mich noch mal, bevor wir nach Hause geh'n. Sie wusste, die Zeit geht zu Ende, sie wusste, bald wird es gescheh'n, gib' mir noch einmal die Hände, und ich werd' ihn lang nicht mehr seh'n... oh Arrivederci Hans... Die Worte des frech-fröhlichen Schlagers, 1968 gesungen von Rita Pavone, tönen aus meinem kleinen grünen JBL-Lautsprecher in seinem Zimmer im Hospiz Advena und ergreifen angesichts der Situation in ihrer bedeutungsvollen Eindringlichkeit Stimmung und Herz. Herr Franz schwelgt zu Tränen gerührt in seinen Erinnerungen an diese schöne und bedeutungsvolle Zeit in seinem Leben. Sie haben mir heute eine große Freude damit gemacht. Mit diesen Worten verabschiedet er sich von mir. Da wir beide die meiste Zeit daran glauben, dass es nach dem Tod in irgendeiner Form weiter geht, haben wir vorher noch neugierig und in spielerischem Ernst miteinander ausgemacht, dass er sich von drüben irgendwie bemerkbar macht, soweit es ihm möglich sei. Ich wünsche ihm, dass er gut und leicht gehen kann, wenn es soweit ist, und dass wir uns nächste Woche wiedersehen. Eine wirklich schöne Begegnung. Ich statte noch einmal dem Herrn, der zu Beginn meiner Klangvisite mit seiner Familie im Foyer gesessen hat, einen Besuch mit Harfe auf seinem Zimmer ab, spiele ihm noch einmal das Stück von Yann Tiersen und ein Gute-Nacht-Lied und verabschiede mich. Erschöpft von der Intensität der Arbeit gehe ich mit Instrument und meinen Sachen nach unten, um für den Nachhause-Weg zu packen. Da entdecke ich noch ein recht junges Paar, Angehörige, Besucher der Dame im letzten Zimmer im Erdgeschoss. Ich hatte vorher schon kurz bei der Dame vorbeigeschaut. Da sie nicht ansprechbar war, hatte ich sie in Ruhe gelassen. Jetzt biete ich den Angehörigen an, noch kurz aufs Zimmer zu kommen. Sie nehmen mein Angebot gerne an. Auf dem Zimmer sind weitere Besucher. Der Ehemann, die Tochter und der Enkel mit seiner Verlobten. Die Dame im Bett wälzt sich unruhig hin und her. Ich spiele leise und sanft die Saiten der Harfe. Den Angehörigen tun die Harfenklänge spürbar gut. Von so vielen Rückmeldungen weiß ich, dass die Harfe das Schwere tragen hilft und ich spüre, dass dies meine Aufgabe ist. Ich stelle es gerne zur Verfügung. Auch diese Angehörigen bedanken sich für die ihnen so wohltuende Harfenmusik. Die Angehörigen sitzen abwechselnd am Krankenbett, halten die Hand der Ehefrau, Mutter und Oma, weinen, trösten sich gegenseitig und reden leise miteinander. Ich greife nicht in den Prozess ein, rede nicht, stelle meine Musik zur Verfügung und verabschiede mich mit einer wortlosen Geste leise aus dem Zimmer. Dies war der Nachtrag der Klangvisite 7/25 von letztem Donnerstag, den 23. August. Zuhause stelle ich fest, dass ich garkeine Fotos gemacht hatte. Ich glaube der Bericht ist auch ohne Bilder vor Ort glaubwürdig genug. Morgen geht es weiter. © Astrid Marion Grünling, Klangvisite mit Harfe www.klangvisite.de
20.08.18, 14:06 Astrid Marion Grünling
Das bringt eine andere Schwingung in die Bude Letzten Freitag kam ich abends müde aber glücklich von meiner sechsten Klangvisite aus dem Hospiz ADVENA in Wiesbaden-Erbenheim. “Man merkt einfach, das bringt eine andere Schwingung in die Bude” – so die Worte einer Palliative Fachkraft, während ich oben im ersten Stock auf dem Flur spielte. Aber von vorn... Nach zweimonatiger asthma- und bronchitisbedingten – und daher recht stimmlosen – Pause habe ich letzten Freitag, den 17. August, meine Klangvisiten aus meinen Crowdfundingprojekt fortgesetzt. Schon im Eingangsbereich fällt mir der Aushang ins Auge, mit dem meine heutige Klangvisite angekündigt ist. Auch später am schwarzen Brett und an den Flurtüren finde ich die Aushänge wieder mit den Worten „Am Freitag den 17. August ab 15 Uhr findet eine Klangvisite statt. Astrid Grünling wird uns mit ihren Harfenklängen erfreuen.“ Lydia Gretz, die Leiterin und Geschäftsführung des Hospizes hatte mir schon am Telefon mitgeteilt, die Klangvisite in der Teamübergabe anzukündigen. Es freut mich sehr, wie effizient mein musikalisches Angebot am Krankenbett von der Leitung und vom Team in den Hospizablauf eingebunden ist, was mir meine Arbeit ungemein erleichtert und dadurch den Gästen in höchst gewinnbringender Weise zugute kommen kann. „Sie werden schon erwartet, die Leute freuen sich auf Sie“ werde ich vom Pflegeteam begrüßt. Ich packe meine Harfe aus und nach kurzer Stimmung meines Instruments starte ich wie üblich meine Klangvisite mit einem Harfenspiel auf dem Flur. Ich beginne im Foyer des Erdgeschosses, und schon bald werde ich hineingezogen in das Tagesgeschehen. Eine Dame, offensichtlich eine Besucherin, ist sichtlich angetan von meinem Harfenspiel und bringt ihre Freude darüber zum Ausdruck. Darüber kommen wir ins Gespräch. Auch ihre beiden erwachsenen Kinder sind da. Ich sage, dass ich mit Harfe auch aufs Zimmer komme. „Mein Mann ist heute morgen schon verstorben.“ Ich biete dennoch an, mit aufs Zimmer zu gehen, in dem der Verstorbene liegt, und spüre die Erleichterung der Angehörigen, die mein Angebot, mit ihnen in die Situation zu gehen, gerne annehmen. Im Zimmer ist es ruhig, die Tür zur Terasse steht offen, es weht ein lauer Wind an diesem heißen Sommertag ins Zimmer, in dem der Verstorbene mit gelösten und entspannten Gesichtszügen in seinem Bett liegt. Jemand hat ein paar selbstgepflückte gelbe Sommerblumen neben ihn auf die Bettdecke gelegt. Es ist eine friedliche Stimmung im Raum. Die Angehörigen stehen ums Bett, und während wir uns unterhalten, beginne ich leise zu spielen. Die Mutter erzählt aus dem Leben ihres verstorbenen Mannes, von seinen Reisen, ihrem gemeinsamen Kennenlernen, seiner Arbeit, zuletzt seiner Krankheit. Ihre Worte scheinen ihr Halt zu geben. Sie erzählt und erzählt. Schon manches Mal habe ich erleben dürfen, dass mir am Krankenbett ganze Lebensgeschichten erzählt wurden, während ich Harfe dazu spiele. Es kommt mir dann immer wieder vor wie Filmmusik zu Lebensgeschichten. Ich lasse die Dame erzählen und begleite sie mit meinen Harfenklängen. Nach einer Weile bitte ich sie, draußen aus meinem Rucksack das kleine, in ein violettes Tuch eingehüllte Instrument zu holen. Als sie wiederkommt, zeige ich ihr, wie sie die Sansula, eine Art Daumenklavier (Abbildung unten), selbst spielen und mich damit zur Harfe begleiten kann. Sie fängt an zu spielen, erst zögerlich, dann immer zugreifender. Ganz versonnen lauscht sie den Klängen der Sansula, die sich mit denen der Harfe verweben. Außer den Klängen ist es nun ruhig im Zimmer. Nach einer Weile geht sie mit der Sansula an das Kopfende des Bettes zu ihrem Mann und spielt ihm die Sansula vor. Unter Tränen verabschiedet sie sich von ihrem Mann. Dann spielen wir wieder gemeinsam weiter, Sansula und Harfenklänge. Auch die Kinder finden nun ihre Verabschiedung vom Vater. Es sind bewegende Momente, auch für mich. Nachdem wir das Spiel ausklingen lassen gehen wir gemeinsam aus dem Raum. Der Bestatter ist angekündigt. Auf dem Flur brauche ich eine kurze Pause, um in mir das Erlebte ausklingen zu lassen. Kaffee, kurze Gespräche im Vorübergehen, und schon spiele ich wieder im Foyer an meinem Instrument. Auch, um wieder zu mir zu kommen. Ein Besucher betritt das Hospiz, lacht und freut sich, als er mich mit der Harfe sieht. Im Vorübergehen findet er anerkennende Worte. Auch ihm biete ich an, mit Harfe aufs Zimmer zu kommen, und er lädt mich sofort dazu ein. Als ich das Krankenzimmer betrete, ist es recht voll, der Sohn der Erkrankten mit seiner Frau, der Besucher von eben und einige Freunde stehen um das Bett der betagten kranken Dame. In ihrem Leben hat sie Musik sehr geliebt. Eine heiter gelöste, und gleichzeitig von Ernst und Traurigkeit getragene Stimmung ist im Raum. Oder ist es umgekehrt? Eine von Ernst und Traurigkeit getragene Fröhlichkeit? Ich füge mich mit meinem Spiel ein und bemerke bald, dass ich mich sehr zurücknehmen muss und gehe zu einem bewusst zarten und beruhigenden Harfenspiel über. Das macht sich schon bald an den immer regelmäßiger werdenden Atemzügen der Dame bemerkbar. „Musik ist für sie alles“, sagt der Sohn, der als Musiker selbst um die Wirkung der Musik weiß. „Das war genau das Richtige“. Ich bleibe noch eine Weile mit meiner Harfenmusik bei ihnen. Später, wieder auf dem Flur, vergewissere ich mich bei der Pflege, ob ich noch bei einem Gast im Erdgeschoss gebraucht würde. Erst dann gehe ich nach oben. Auch hier spiele ich auf dem Flur. Die Türen zu den Zimmern werden vom Pflegeteam nach Rücksprache mit den auf den Zimmer befindlichen Gästen geöffnet. Ein Gast begibt sich aus seinem Zimmer mit einem Stuhl auf den Flur und setzt sich wie ein Zuschauer in die erste Reihe, um zu lauschen. Nach meinen eigenen Improvisationen und Kompositionen spiele und singe ich auch mein hebräisches Wiegenlied, das vor kurzem bei meinen ersten Babyschritten auf Gitarre enstanden ist. Nach meinem Abitur war ich ein Jahr in Israel und liebe den Klang der hebräischen Sprache sehr, und mit ein paar noch erinnerten Wortbrocken habe ich daraus ein einfaches Wiegenlied komponiert. Von diesem Lied ist er besonders angetan. Ich muss ihm hoch und heilig versprechen, meine Klangvisite nächste Woche so anzukündigen, dass seine Frau rechtzeitig ihren Besuch planen kann, damit sie gemeinsam den Harfenklängen lauschen können. Harfenmusik hatte dem Paar in seinem gemeinsamen Leben viel bedeutet. Ich verabschiede mich persönlich von den Gästen, auch denen, die bei offener Tür auf ihren Zimmern anteilnehmend gelauscht haben. „Sie haben uns viel Freude bereitet“, verabschiedet sich ein Gast von mir. Der Schwerpunkt meiner Klangvisite letzten Freitag lag auf der Arbeit mit den Angehörigen, aber nicht nur. Besonders viel Freude hat mir gemacht, was für eine Resonanz ich auf mein selbstkomponiertes hebräisches Wiegenlied „Leila tov katan“ erleben durfte. Und das Feedback von Lydia Gretz fasst es schön zusammen: "Es war so gut, dass du heute da warst – wurdest gebraucht". Ich werde die nächsten Wochen einmal die Woche im Hospiz ADVENA spielen. Es macht mir immer wieder sehr viel Freude in das Haus mit seiner wohltuenden Atmosphäre zu kommen. Ich freue mich schon wieder auf nächste Woche! © Astrid Marion Grünling, Klangvisite mit Harfe www.klangvisite.de
21.06.18, 01:25 Astrid Marion Grünling
Nun will der Lenz uns grüßen im Miss Marple Meine fünfte Klangvisite fand gestern, am 19.Juni im Bistro Miss Marple in Wiesbaden Eigenheim statt. Im Miss Marple gestaltete ich einen musikalischen Seniorennachmittag mit verträumten Liedern auf Harfe und Liedern und Schlagern zum Mitsingen und Mitschwingen. Die Senioren-Anlaufstelle „Treffpunkt Miss Marple“ im gleichnamigen Bistro-Café in Wiesbaden Eigenheim ist eine Schnittstelle zwischen dem privaten Pflegedienst Thomas Rehbein und der EVIM Gemeinnützige Altenhilfe GmbH, die Seniorinnen und Senioren im Quartier Kontakt und Austausch bietet. Einmal im Monat findet dort ein Seniorennachmittag mit verschiedenen Events statt, um die Senioren im Quartier sozial einzubinden und ihnen mit gesellschaftlichen Aktivitäten wie beispielsweise Weinproben und Musik ein Stück Lebensfreude zu schenken. Es war mir eine Freude, gestern in kleiner Runde mit den Seniorinnen und Senioren zu singen. Durch die letzten anderthalb Jahre meiner Arbeit mit Senioren bin ich mit dem Liedgut der zwischen 1925 und 1945 geborenen Generationen vertraut und weiß, wie ich sie zum Schwelgen, zum Mitsingen und zum Lachen bringe. Das Publikum hat sich rege beteiligt und mit dem von mir zusammengestellten Liedskript ordentlich mitgesungen. Viel Freude bereitete mir auch eine tiefe und gesangerfahrene Bassstimme. Und auch Tränen habe ich gesehen, Tränen der Berührtheit bei den feinen Harfenklängen und Abend- und Wiegenliedern. "Das war ein solches Geschenk", strahlte mich eine Seniorin am Ende der Veranstaltung an. Das war es für mich auch. Die EVIM Gemeinnützige Altenhilfe GmbH ist Träger von 12 stationären Pflegeheimen, einem Ambulanten Pflegedienst und 9 ServiceWohnanlagen für Senioren in Wiesbaden, dem Rhein-Main Gebiet und Rheinland-Pfalz. Insgesamt 1.000 Beschäftigte sichern ein breitgefächertes, abgestuftes Hilfeangebot für etwa 1.800 ältere Menschen in der Region. Der Ambulante Pflegedienst Thomas Rehbein, Häusliche Kranken- und Seniorenpflege, wurde 1991 gegründet und versorgt circa 550 Kunden in Wiesbaden, Rüsselsheim, Schlangenbad und Bad Schwalbach. Mit über 140 Mitarbeiter/innen bietet er ein umfangreiches Angebot und zählt zu den größten Pflegediensten im Rhein-Main Gebiet. Aus datenschutzrechtlichen Gründen darf ich die Bilder in der Runde der Senioren leider nicht zeigen. © Astrid Marion Grünling, Klangvisite mit Harfe www.klangvisite.de
21.06.18, 01:24 Astrid Marion Grünling
Meine vierte Klangvisite im Rahmen meines Projekts – die dritte auf Station – fand am 3. Mai wieder auf der von Chefarzt Dr. med. Bernd Oliver Maier geleiteten Palliativstation im St. Josephshospital statt. Schon auf der Fahrt mit meiner Harfe im Bus ins Joho hatte ich ein freudvolles Erlebnis. Eine afrikanisch anmutende Frau schaute mich mit neugierigen und freundlichen Blicken an. Aufgrund der Entfernung im Bus zueinander entspann sich daraufhin ein pur nonverbaler Dialog. Ein lächelnder und freundlicher Blick auf mein in einen Stoffumhang gehülltes Instrument, ein typische Fingerbewegung über fiktive Saiten in der Luft von mir, ein verstehendes und erkennendes Nicken ihrerseits, gemeinsames Lachen. Ein Trommeln mit den Händen in der Luft bedeutete mir, dass sie Djembe spielt – in diesem kurzen Dialog lag soviel Schönheit. Ohne Worte. Gehobener Stimmung ging ich ins Joho. Auf Station angekommen, begann ich, wie üblich, mit der Harfe auf dem Flur zu spielen. Das feine Harfenspiel auf dem allgemeinen Bereich einer Station – Flur, Wohnzimmer oder Foyer – dient üblicherweise der ersten Kontaktaufnahme, die im Laufe meines Spiels aufgegriffen wird und der Dialoge und Einladungen aufs Krankenzimmer seitens der Pfleger, Angehörigen oder auch Patienten folgen. Auch die letzten beiden Male auf dieser Station gab es viel Interaktion, auf dem Flur wie auch an den Krankenbetten. Diesmal jedoch passierte zwei Stunden lang – nichts. Ich war zunehmend irritiert. Da ich mit dem Team und der Station noch nicht vertraut und mir unsicher war, wie ich mich als Neuling, und dazu musizierend, auf Station bewegen dürfe, war ich zurückhaltend in bezug auf die Eigeninitiative, selbst an die geschlossenen Türen zu klopfen und mich vorzustellen. Immerhin war es eine Palliativstation, und ich wusste um die Befunde und Befindlichkeiten der Patienten nicht. Nach zwei Stunden war mir nur noch danach zu packen und zu gehen, ich ging auf das Team zu und teilte meine Irritation mit. Als Antwort kam, dass der letzte Musiktherapeut von Zimmer zu Zimmer gegangen sei. Bevor ich frustriert von dannen zog, nahm ich diese Antwort als Okay, mich eigeninitiativ auf Station zu bewegen und ging von Zimmer zu Zimmer. Und so begann ich meine Klangvisite an den Krankenbetten. Natürlich gab es Patienten, die aufgrund ihres Befindens einfach alleine und in Ruhe gelassen werden wollten. Aber schon im vierten Zimmer traf ich auf offene Neugier, Freude und Überraschung, und als ich mich mit meiner Klangvisite neben dem Krankenbett aufbaute und gefühlvoll Harfe spielte, trat mir Rührung entgegen und stille Freude. Dialoge entsponnen sich, auch musikalische, denn ich hatte die Sansula mit im Gepäck. In A-Moll und pentatonisch gestimmt, drückte ich sie einer Angehörigen in die Hände, die das gefühlvolle und feine Spiel auf der Sansula (die europäische Weiterentwicklung der Firma Hokema der afrikanischen Kalimba, eine Art Daumenklavier, siehe Abbildung) genoss, während ich in ihrem Tempo und eingehend auf ihre Stimmung auf der Harfe improvisierte. Da sie selbst in einem angesehenen Chor in Wiesbaden sang, begann sie leise und anfänglich noch sehr zurückhaltend zum Harfenspiel mitzusummen. Ich freute mich sehr über ihre feine und geschulte Stimme, die sich im Einklang mit dem Harfenspiel verwob, und ermunterte sie zum Summen, Singen und Tönen. Es waren sehr berührende musikalische Dialoge. Am Ende sangen wir gemeinsam, ich meine mich zu erinnern, dass es das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ war. Die Patientin, die Mutter der beiden anwesenden Frauen, war so gerührt und angetan und hatte Tränen in den Augen. Das sind die Augenblicke, für die ich mit meiner Klangvisite unterwegs bin. Ein Zimmer weiter begegnete mir ein noch relativ jung wirkender Mann, der selbst Saxophon gespielt hatte und nun sehr traurig darüber war, weil er aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr selbst musizieren konnte. Er hatte dem Harfenspiel auf dem Flur zunächst lange zugehört und es genossen, wollte aber jetzt keine Musik am Krankenbett. Manchmal ist Klangvisite einfach Da-Sein, in Stille oder im Gespräch. Wir haben uns einige Zeit lang intensiv über sein Leben unterhalten, ganz ohne Musik, die Ansprache und das Gesehenwerden waren das, was er in diesem Augenblick brauchte. Auch er war einmal mit seiner Musik in Altenheimen und Krankenhäusern unterwegs. Nach einer weiteren Klangvisite bei zwei Damen auf dem Zimmer, die einfach nur das Harfenspiel genossen, jedoch ohne weitere Interaktion, kam ich schließlich in das letzte Zimmer zu einer 86jährigen Dame, die, wie ich sie verstanden habe, an diesem Tag erst auf die Palliativstation eingeliefert worden war. Ich will sie Annemarie nennen (Name von mir geändert). Sie freute sich unglaublich, als ich die Harfe neben ihr Krankenbett stellte und zu spielen begann. Schon bald summte sie mit. Es war mir eine unglaubliche Freude, für sie zu musizieren, weil sie so bewegt war und mitschwingte. Musik hatte ihr in ihrem Leben viel bedeutet. Als Schneiderin hatte sie oft an der Nähmaschine gesessen und gesungen, wenn ihr ein Lied einfiel. Sie erzählte aus ihrem Leben. Vierzig Jahre lang hatte sie in einem Chor gesungen. Ich fragte sie, wie sie denn heiße. Sie, 86jährig, stellte sich mir mit Vornamen vor, ihren Nachnamen erfuhr ich erst nicht. Wir sprachen uns von da an mit unseren Vornamen an und siezten uns. Unabgesprochen, das ergab sich einfach so. Sie reagierte unglaublich auf das Harfenspiel und freute sich so sehr, dass ich nur für sie allein am Krankenbett spielte, ein Privatkonzert, ganz für sie allein. Von ihren darauffolgenden Worten war ich so beeindruckt und berührt, dass ich sie hier sinngemäß wiedergeben mag: „Das macht was mit meinem Körper, die Musik“, vertraute sie mir an. Als sie an dem Tag auf die Palliativstation kam, habe sie sich gefragt, „was mach' ich denn jetzt mit meinem neuen Leben. Vorher war ich ganz traurig und habe viel geweint. Dann kamen sie und da dachte ich da kommt ein Engel.“ Und ich spielte und sang tatsächlich für sie das Lied „Siehe da, ein Engel kommt“, das ich bei einem der Singleiter-Fortbildungswochenenden bei den Singenden Krankenhäusern kennen- und liebengelernt hatte. „Das hat was mit mir gemacht die Musik, jetzt bin ich ganz glücklich.“ Und sie fuhr fort: „Da bin ich in einer anderen Stimmung. Ich blühe auf, wenn die Musik kommt. Das bewirkt in meinem Körper das Schöne, da kann man die verrückte Welt vergessen“. Ich bliebe eine ganze Weile bei ihr, wir hatten sehr viel Freude in der Begegnung mit Harfe, Musik, gemeinsamem Singen und unseren Gesprächen. Müde, erschöpft und tief erfüllt ging ich nach fünf Stunden Klang-Schicht nach Hause. Die Palliativstation des St. Joseph-Hospitals bietet für bis zu 11 Patienten und ihre Angehörigen einen besonders geschützten Raum, um besonders fordernde Situationen medizinisch zielgerichtet und menschlich intensiv unter Wahrung von Würde, Respekt und Selbstbestimmung gestalten zu können. Die Arbeit von Chefarzt Dr. Maier habe ich bereits während meiner Hospitation im Rahmen meiner Hospiz- und Sterbebegleiterqualifizierung bei Auxililum e.V. auf der Palliativstation B22 der HSK kennenlernen dürfen, die Dr. Maier aufgebaut hat. Mich haben besonders die Haltung und die Kommunikation des Ärzte- und Pflegeteams gegenüber den Patienten beeindruckt. So gibt es beispielsweise keine Kommunikation „von oben herab“, großer Wert wird auf Augenhöhe gelegt. Ärzte und PflegerInnen setzen sich zu ihrer Visite am Krankenbett. Dies war nur ein Beispiel für den würdezentrierten Umgang auf der Station. Mit meiner Klangvisite möchte ich zu diesem würdezentrierten Umgang einen Teil beitragen. © Astrid Marion Grünling, Klangvisite mit Harfe www.klangvisite.de
11.05.18, 11:36 Astrid Marion Grünling
Gestern hatte ich meine zweite Klangvisite auf der Palliativstation im JoHo (St. Josefs Hospital Wiesbaden). Diesmal leider nicht im Dialog an den Krankenbetten, habe "nur" auf dem Flur gespielt bei auf Anfrage durch die Pflege offenen Türen. Manchmal haben sich Angehörige dazu gesellt und versonnen und berührt gelauscht. Dass die gechillte Harfenmusik dennoch ihre Wirkung entfaltet und sich auf das Befinden der Patienten beruhigend und entspannend auswirkt, zeigte mir eine ganz besonders eindrucksvolle Resonanz aus der Pflege: "Ich hatte lange keinen so ruhigen Nachmittag mehr. Es hat kaum jemand nach mir geklingelt." Yes! Music works!!! Das war Klangvisite 3/25 aus meinem Projekt. Nachtrag 2/25 vom 3. Mai 2018: Komme gerade von meiner ersten Klangvisite auf der Palliativstation des St. Josefs-Hospitals. Heute gibts keine Bilder von der Klangvisite in Aktion. Wär’ heute unpassend gewesen. War bei der schönen und berührten Resonanz aus der Pflege nicht das letzte Mal dort. Bin noch sehr bewegt. Manche gehen so jung und hinterlassen kleine Kinder. Dort hab’ ich Harfe gespielt und gesungen, an den Krankenbetten und auf dem Flur. Das war Klangvisite 2/25 aus meinem Projekt . © Astrid Marion Grünling, Klangvisite mit Harfe www.klangvisite.de
22.04.18, 01:36 Astrid Marion Grünling
Gestern ging die erste Klangvisite aus meinem Projekt im Hospiz Advena in Wiesbaden Erbenheim an den Start. Dass im Hospiz auch gemeinsam gelacht und Freude geteilt wird, davon berichte ich hier im Blog. Die Busfahrt aus der Stadt nach Erbenheim war wieder mal nervenaufreibend. Nach einem kurzen Fußweg von der Bushaltestelle in die Bahnhofstraße betrete ich das Hospiz Advena. Ich liebe den Augenblick, wenn ich aus der stressigen Welt in die ruhige und geborgene Atmosphäre des Hauses eintrete. Ruhe und Geborgenheit und der heimelige Duft des Hauses umhüllen mich und lassen den Stress der Welt von mir abfallen. Ich bespreche mich kurz mit der Pflege und gehe ins Foyer, um meine Harfe zu stimmen. Wie gewohnt, beginne ich meine Klangvisite auf dem Flur in der ersten Etage. Die Pflege hat mich schon bei den Bewohnern angekündigt. Die meisten Türen zum Flur stehen offen. Aus den geschlossenen Zimmern dringen Fernsehgeräusche nach draußen. Ich beginne meditative Melodien auf der Harfe zu spielen. Es dauert nicht lange, da werde ich auf einen Herrn aufmerksam, der im geöffneten Zimmer vor mir auf einem Stuhl sitzt. Er beginnt, seinen Stuhl umständlich aus der Mitte des Raumes hin zur Tür zu rücken, die an den Flur grenzt. Trotz der Anstrengung gibt er nicht auf. Endlich hat er es geschafft und bleibt auf dem Stuhl im Türrahmen sitzen, um direkt vor mir in erster Reihe der Harfenmusik zu lauschen. Er sitzt und geniesst mit geschlossenen Augen. Als ich das Stück beende, applaudiert er und wir kommen ins Gespräch. Ihm fällt ein Witz ein von Jürgen von der Lippe. Ein Mann hat einen Autounfall und kommt in den Himmel. Dort fragt er Petrus: Warum habe ich noch mein Steuerrad in den Händen? Petrus antwortet: In Engelskreisen heißt das Harfe. Herr J. selbst ist Jahrgang 1921 und aus Schlesien. Das ist mein Stichwort: Ich spiele ihm das aus seiner Heimat stammende „Wahre Freundschaft soll nicht wanken“, begleitet von Ukulele. Er stimmt mit ein, und gemeinsam singen wir noch „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“ und auf seinen besonderen Wunsch „Sah ein Knab ein Röslein stehn“. Ich frage Herrn J., ob er sich mit mir fotografieren lassen würde und ich diese Fotos veröffentlichen dürfe. Sofort ist er begeistert dabei und eilt los, einen Kamm zu suchen. Ein Pfleger in Ausbildung macht ein paar Bilder von uns. Ich wechsle wieder zur Harfe und biete Herrn J. an, eine Hand auf den Resonanzkörper der Harfe zu legen, während ich spiele. Die Vibrationen sind als sanfte Klangmassage im Körper zu spüren. Ich frage ihn, ob ihm dies angenehm sei. Ja, sehr, antwortet er, und geniesst weiter. Später wechsle ich wieder auf Gesang und Ukulele. Als ich „Lili Marleen“ anstimme, kommt ein Schrei aus einem der Zimmer. Erschrocken gehe ich dem nach und entdecke eine alte Dame in ihrem Krankenbett. Ich frage sie, ob sie die Musik stört und wir lieber aufhören sollen. Nein, nein, nein, meint Frau W., nicht aufhören, bitte weitermachen. Offensichtlich hat sie auf das Lied so heftig reagiert, weil sie es sehr mag. Ich biete ihr an, wenn sie dies wünscht, zu ihr aufs Zimmer zu kommen und ihr Lili Marleen vorzuspielen, nur für sie allein. Mit großen Augen strahlt sie mich an. Als ich ihr mit Ukulele alle Strophen von „Lili Marleen“ am Krankenbett vortrage, strahlt sie über das ganze Gesicht, klatscht in die Hände und wiederholt immer wieder „oh wie schön“. Ich vergewissere mich bei den anderen Gästen der ersten Etage, ob noch jemandem eine Klangvisite am Krankenbett guttun könnte. Eine Dame, die mir noch von der letzten Gedenkfeier als andächtige Zuhörerin vertraut ist und die die Harfenmusik sehr liebt, hat heute gar keinen guten Tag und will lieber alleine sein. Die anderen schlafen. So wechsle ich runter in das Erdgeschoss und beginne, mit der Harfe auf dem Flur zu spielen. Wieder geht die Pflege auf die Zimmer und fragt die Gäste, ob sie die Tür zum Flur öffnen sollen, damit sie die Musik hören können. Einige Türen bleiben offen stehen. Nach einiger Zeit wechsle ich von Harfe zu Ukulele und Gesang. Ich singe das Altissimo Corazon, ein Herzmantra, und bemerke eine Frauenstimme, die leise das Lied mitsingt. Ich trete näher an das offene Zimmer heran, aus dem ich die Stimme höre, und sehe eine Angehörige, die ihre betagte Mutter besucht. Ich ermutige sie durch wohlwollenden und bestätigenden Blickkontakt, voll mitzusingen und sich nicht zurückzuhalten. Wir singen voller Freude gemeinsam das Altissimo Corazon, aus vollem Herzen, es ist einfach wunderbar. Ich gebe ihr mein Liederbuch zum Durchblättern, um ein Lied herauszusuchen, das ihre Mutter kennen könnte. Sie wählt das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ und bitte sie, die Strophen selbst auszusuchen, die wir dann gemeinsam singen. Beim Refrain beobachte ich, wie ihre Mutter stumm die Lippen zum Text mitbewegt. Das Lied hat sie berührt. Mission erfüllt! Nach dreieinhalb Stunden Klangvisite auf den Fluren und am Krankenbett im Hospiz bin ich erschöpft. Es ergeben sich noch ein paar Gespräche, es gibt noch Kuchen und Schokolade, dann sattle ich meine Instrumente und mache mich auf den Heimweg. Auf dem Weg zum Bus gönne ich mir beim Italiener um die Ecke noch ein Feierabendbier.
18.04.18, 18:46 Astrid Marion Grünling
Hallo liebe Unterstützerinnnen und Unterstützer, am Freitag ist es endlich so weit und ich gehe mit Eurer Unterstützung mit meiner Klangvisite in Wiesbadener Gesundheitseinrichtungen an den Start! Erste Station ist das Hospiz ADVENA und ich freue mich sehr darauf, mit Harfe, Ukulele und Gesang auf den Fluren und an Krankenbetten zu spielen... Gerne hätte ich ja schon längst losgelegt, aber auch an mir ging die Grippe nicht vorbei und ich war nach dem Crowdfunding erstmal für drei Wochen krankgeschrieben. Es hat dann noch etwas gedauert, bis meine Stimme mich wiederhatte, aber nun kann es losgehen und ich freu' mich tierisch drauf! Ich werde hier in meinem Blog über die Klangvisiten berichten! Ganz herzliche Grüße und geniesst die Sonne! Eure Astrid
28.02.18, 15:34 Astrid Marion Grünling
Dank Eurer Unterstützung habe ich den Contest um die Kulturförderung gewonnen und bekomme wie andere tolle Projekte die noch fehlende Summe von Aventis zu meinem Fundingziel aufgestockt!!! Ich bedanke mich bei allen, die mich mit ihren Beiträgen, moralisch und praktisch in der Zeit unterstützt haben! Ich melde mich bei Euch wie es weitergeht! Einen herzlichen glücklichen Gruß von Astrid
25.02.18, 23:12 Astrid Marion Grünling
Über Facebook sind viele neue Unterstützungen eingegangen. Mein Crowd-Index ist eben auf 0,8 gebeamt und mein Schokoladenkonsum steigt exponentiell! Momentan nur noch drei Projekte über mir bis zum Kulturförderungstopf! Wenn das so weiter geht schaff' ich das!!!
25.02.18, 17:39 Astrid Marion Grünling
Bin ganz schön überwältigt über die vielen eingegangenen Unterstützungen! Das ist ein richtig tolles Gefühl, wie viele Unterstützer meine Idee gewinnt und wer alles hinter dem Projekt steht! Jetzt ist noch drei Tage Zeit, um 5 Projekte über mir zu überholen - das geht nur wenn ich noch ca 30 bis 40 Unterstützer gewinnen kann! Aber mit dem Artikel von Dirk Fellinghauer im Sensor von eben und morgen von Julia Anderton im Wiesbadener Kurier bin ich optimistisch, das Ding mit Euch zu wuppen! Hier der Link zum Sensor: https://sensor-wiesbaden.de/wenn-worte-nicht-mehr-ausreichen-klangvisiten-helfen-erkrankten-und-sterbenden-endspurt-fuer-crowdfunding/ Und anbei ein persönlicher Gruß von mir an Euch! Wer das Ranking und das Gerangel um die Kulturförderung mitverfolgen will, hier der Link: https://www.startnext.com/pages/kulturmut?utm_campaign=newsletter_tippsbegeisterung&utm_medium=link&utm_source=startnext-mailing#contest
18.02.18, 21:42 Astrid Marion Grünling
Ganz lieben Dank an Euch alle, die hinter meinem Projekt Klangvisite mit Harfe am Krankenbett stehen – ich freue mich über jeden einzelnen Beitrag und über die viele unerwartete Unterstützung, die mir begegnet! Seit heute bin ich wieder am Bibbern und Bangen, ob ich in den nächsten zehn Tagen bis zum 28.2. noch ausreichend Unterstützer finde. Falls Ihr also noch Leute wisst oder kennt, die Ihr ansprechen könnt, teilt bitte die Info an sie weiter, damit das Projekt realisiert werden kann. Habe wieder ein neues Video über die Wirkung der Klangvisite auf Komapatienten reingestellt auf Facebook und youtube. Es grüßt Euch ganz herzlich aus dem Atelier! Astrid Marion
16.02.18, 18:05 Astrid Marion Grünling
Heute im Hospiz bei Frau Schultze, die sich für das Video von Ca Rola bei einer Klangvisite filmen ließ. Da sie sich für den Film bereiterklärt hatte, habe ich ihr versprochen, sie als private Besucherin mit meinen Klangvisiten zu begleiten. Nachdem ich sie letzte Woche nicht besuchen konnte, weil es ihr schlecht ging, war ich heute total überrascht, sie mit leuchtenden Augen, rosigen Wangen, fein zurechtgemachten Haaren und sprühend guter Laune vorzufinden. Mit dem Handy konnte ich ihre Ausstrahlung garnicht wirklich einfangen. Sie ist seit letzter Woche sichtlich aufgeblüht. Wir hatten viel Spaß miteinander. Sie war richtig unternehmenslustig und schlug vor, uns gegenseitig mit meinem Handy zu fotografieren. Die Bilder von mir hat sie aus ihrem Krankenbett gemacht mit der Aufforderung "stellen Sie das ins Internet". Wir redeten über Gott und die Welt und lachten viel. Dann genoss sie die meditative Harfenmusik. Sie schließt die Augen und geniesst. Da sie Klavierlehrerin war, fragte sie mich, ob ich die Stücke selbst improvisiere. Sie hätte das mit dem Improvisieren nicht gekonnt. Und sie liebt die Gute-Nacht- und Wiegenlieder, vor allem die russischen, die ich ihr mit Ukulele begleitet vorsinge. Nächste Woche sehen wir uns wieder und ich freue mich drauf!

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