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(K)ein Algorithmus auf Startnext #2
Startnext News

(K)ein Algorithmus auf Startnext #2

Denis Bartelt
17.12.21
11 min Lesezeit

Ich denke in diesem Post über die Facebook Papers und meinen Umgang mit Social Media nach. Ich frage mich, wie wir es wieder schaffen können, das Große und Ganze in den Blick zu bekommen, damit wir gemeinsam gesellschaftliche Aufgaben auch mit Hilfe von Social Media angehen und Spaltung überwinden können und wie der Facebook Konzern Meta uns dabei helfen kann.

In meinem letzten Blogpost mit gleichem Titel habe ich geschrieben, warum wir bei Startnext keine manipulativen Marketing-Algorithmen einsetzen. Dieser Text entstand ohne das Wissen über die Facebook Papers.

Ich habe von den Facebook Papers in der Sendung ZDF Magazin Royale vom 10.12.2021 durch Jan Böhmermann und seine Interview Gäst:innen Frances Haugen (Facebook Mitarbeiterin und Whistleblowerin) und Max Schrems (Jurist aus Österreich und Datenschützer) erfahren.
Die in der Sendung und den beiden zusätzlichen Interviews, die hier online abrufbar sind https://www.enteignetfacebook.global/index.html, gezeigten Inhalte haben mich komplett bestätigt und zusätzlich zum Handeln angeregt.

Was ich in den letzten Jahren aus der Debatte um die Macht von patriarchalen Strukturen und dem Aufrechterhalten solcher Systeme durch eigenes Verhalten gelernt habe, ist die Tatsache, dass sich nur etwas ändert, wenn ich es schaffe, nach erlangtem Wissen mein Handeln zu ändern. Nach den Facebook Papers kann ich nicht weiter so handeln wie bisher, ohne mich mitverantwortlich zu machen. Nach dem Lesen dieses Beitrags und weiterer Quellen gilt dies vielleicht auch für dich.

Meinen Facebook Account hatte ich schon vor Monaten deaktiviert, weil er sehr inaktiv war und ich mich fokussieren wollte. Am Sonntag habe ich dann meinen privaten Instagram-Account geleert. Er existiert noch, aber ihr findet derzeit nichts über mich. Ich bin zunächst nur noch Besucher, obwohl ich die App von Tag eins an mochte, weil sie für mich Kreativwerkzeug war. Der Kauf von Instagram durch Facebook fühlt sich für mich an wie eine Zäsur. Profitorientierte Exits von Gründer:innen und Investor:innen sind ein Konzept, welches ich nicht vertreten kann. Darüber schreibe dann im nächsten Blogbeitrag.

Was lerne ich aus den Papers über Meta?

Ich möchte die für mich relevanten Erkenntnisse aus den Interviews hier aufschreiben und bei mir und dir wirken lassen. Was sie für mich bedeuten, formuliere ich zum Schluss. 

  • Facebook, Instagram und WhatsApp sind inzwischen miteinander verbunden, obwohl das Gegenteil versprochen wurde.
  • Die opportunistischen Algorithmen von Facebook und Instagram belohnen Interaktion und fördern damit automatisch extreme Positionen, was ein verzerrtes Bild der Gesellschaft zeichnet und zur Polarisierung und Spaltung führt.
  • Anzeigen/Paid Posts mit extremen Perspektiven sind kostengünstiger als andere Anzeigen, weil das Engagement auf diese Anzeigen höher ist (mehr Geld verdient wird).
  • Inhalte werden, um Interaktionen zu fördern, in Zielgruppen der Gegenposition ausgespielt. Die Plattform hat dafür Psychogramme der User:innen erstellt und kann somit deren Verhalten zum Eigennutz voraussagen, welches womöglich nur durch die Manipulation provoziert worden ist.
  • Es gibt technische Lösungen, um Hass und Hetze, sowie Falschaussagen abzufangen, jedoch würde der Gewinn schrumpfen und deshalb werden sie nicht implementiert.
  • Die Teams, die sich um die Sicherheit der Nutzer:innen und Inhalte kümmern, sind viel zu klein.
  • Die Sprachkompetenz des Konzerns ist zu gering, um z.B. Minderheiten vor Übergriffen zu schützen. Dadurch sind sie Desinformationen und den daraus folgenden Auswirkungen schutzlos ausgeliefert.
  • Im globalen Süden beherrscht der Konzern das Internet zu 90%, wird jedoch der daraus resultierenden Verantwortung, ungehindert Zugriff auf Informationen bereitzustellen, nicht gerecht.
  • Es wurden interne Studien angefertigt, deren Ergebnisse erschütternd sind und deshalb nicht veröffentlicht wurden. Wissenschaftler:innen erhalten darauf keinen Zugriff.
  • Und einiges mehr…

Ich lese daraus, dass Meta vor allem damit Geld verdient, dass Interaktion stattfindet. Interaktion entsteht vor allem durch polarisierende Inhalte, die durch das Ausspielen in bestimmten Zielgruppen zur Echokammer der Gegenmeinung werden und damit die Nutzer:innen in Lager spalten. Meta hat ein Psychogramm der Nutzer:innen erstellt und kann dadurch Interaktion bewusst fördern und somit den Gewinn steigern. 45 Mrd. $ Gewinn werden laut Haugen in 2021 erwartet. Technische Lösungen, die die Spaltung verhindern können, würden den Gewinn senken. Profitmaximierung und der Einsatz opportunistischer Algorithmen sind hier untrennbar miteinander verbunden, zur Freude der Shareholder:innen.

Aus ZDF Magazin Royale:

„Facebook gefährdet die Gesundheit von Menschen, Facebook ist mitverantwortlich für Hass, Hetze, Suizide, Versklavung und Völkermorde.“

Ein generelles Problem von sozialen Netzwerken ist, dass sie missbraucht werden können. Das ist kein solitäres Problem von Meta, aber es wird zu einem, wenn es ignoriert wird. In kommerziell eher irrelevanten Märkten setzt Meta laut Haugen zum Beispiel zu wenig Personal zum Schutz der Nutzer:innen ein, investiert zu wenig in Sprachvielfalt und ignoriert die Auswirkungen von besagten opportunistischen Algorithmen.

Zu den bekannten Resultaten gehören:

  • Menschenhandel
  • Rekrutierung für gewalttätige Vereinigungen
  • Desinformationskampagnen gegen Minderheiten
  • Hatespeech
  • Erzeugen von spaltenden gesellschaftlichen Bildern 
  • Sonderrechte für reichweitenstarke Accounts und damit Legitimierung ihres Handelns 

Die Recherchen und die Papers liefern entsprechende Beweise und auch im Meta Headquarter sind laut Frances Haugen diese Zustände bekannt und durch interne „Studien“ belegt, aber offensichtlich verschwiegen.

Forschende weltweit fordern Einblick

Forschungseinrichtungen fordern seit Jahren den Konzern dazu auf, Schnittstellen zu schaffen, welche Forschung über die Auswirkungen bei den Nutzer:innen ermöglicht.

Die University of Oxford hat zusammen mit anderen namhaften Universitäten einen offenen Brief an Mark Zuckerberg geschrieben, der hier einsehbar ist https://www.oii.ox.ac.uk/an-open-letter-to-mark-zuckerberg/ und dazu aufgefordert, dass Meta für Transparenz gegenüber Forschungseinrichtung sorgt, damit die Erkenntnisse über die Auswirkungen auf die mentale Gesundheit der Nutzer:innen geteilt und interpretiert werden können.

Die letzte große Erfolgsgeschichte

Während des Arabischen Frühlings 2011 dachte ich, dass Social Media „für  Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und Gerechtigkeit" sorgen kann. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat die Vorgänge von damals gut verständlich aufbereitet und erklärt welche Rolle Facebook, Twitter und Youtube zu der Zeit spielten. https://www.bpb.de/internationales/afrika/arabischer-fruehling/52420/die-rolle-der-neuen-medien Dieser Artikel liest sich wie ein Aufbruch in eine neue Zeit. Ich habe mich an die friedliche Revolution 1989 in unserem Land erinnert und konnte mitfühlen.

Seit 2011 ist viel passiert. 2012 ging Facebook an die Börse. Die Algorithmen hatten nun auch offiziell Shareholderinteressen zu vertreten. Wenn Timelines auf Profitmaximierung getrimmt werden, dann ist Interaktion King, egal ob das schädlich ist oder nicht.

Ich interpretiere daraus:

Wer das Geld hat, kontrolliert Social Media. Wer mit polarisierenden Inhalten kommt, kontrolliert den Algorithmus.

Das führt in meinen Augen zu einer Verflachung von komplizierten Diskussionen, wie ich es gerade mit der Corona Impfung in Deutschland wahrnehme. Es gibt scheinbar nur zwei Seiten, die sich am Ende mit unsachlichen und unversöhnlichen Argumenten gegenüberstehen. Daraus entsteht keine vernünftige Debatte. Es bildet die Wirklichkeit nicht ab. Welchen Wert hat Social Media dann noch?

Was im Arabischen Frühling funktionierte, war das Zusammenspiel aus Social Media Reportage-Inhalten und klassischen Massenmedien, die daraus ein Narrativ bildeten. Heute scheinen sich Medienhäuser nicht mehr so recht entscheiden zu können und betrachten Social Media zunehmend als Konkurrenz und versuchen nachzueifern. Dabei verstärken sie die Auswirkung des Algorithmus und gehen ihm auf den Leim. Dabei versäumen sie, den Geschichten Relevanz und Kontext zu geben und eine Debatte anzustoßen. Das ist meine Wahrnehmung. Ich halte diese Entwicklung für einen Fehler.

Wenn 5.000 Menschen für Pegida oder Querdenken auf die Straße gehen, dann scheint dies von tragender Wichtigkeit zu sein, obwohl 99% der Bevölkerung dies nicht tun. Nicht tun ist ebenso eine Haltung und eine Information. Während laut Umweltbundesamt 78% der Deutschen im Jahr 2020 den Umwelt- und Klimaschutz, sowie Bildung für sehr wichtig halten, wird in den klassischen Medien jedoch über die Themen der Querdenker:innen diskutiert. In Anbetracht der realen Verhältnisse müssten Fridays for Future und die Bildungsmisere wirklich dauerpräsent sein.

Informationskonfetti statt große Geschichte

Der in Berlin lebende und aus Süd-Korea stammende Philosoph Byun-Chul Han führt in seinem im Juli 2021 erschienen Buch Infokratie das einfache Entstehen von Verschwörungstheorien und Fake-News darauf zurück, dass auf Social Media keine Geschichten erzählt werden, sondern lediglich kleine bruchstückhafte Informationen geteilt werden. Ob die Informationen auf Fakten basieren, spielt keine große Rolle, weil ihnen der Kontext und die Debatte fehlen. Ein Narrativ, eine große Bewegung, wie die des Arabischen Frühlings, entsteht heute scheinbar nicht mehr. Mehr Informationen jeglicher Art in Kleinstform erreichen nur noch private Empfänger, ungefiltert und unkuratiert. Als Nutzer erreichen mich die Botschaften, die mich bestätigen, ohne stabilen, größeren Überbau. Daraus ergibt sich für mich die Frage, inwiefern Social Media dazu geeignet ist, gesellschaftliche Strömungen zu bündeln und Werte zu fördern?

In meinen Augen verspielt Meta gerade sein Potenzial als gemeinschaftsfördernde und wertgestützte Infrastruktur.

Gleichzeitig beweist Meta in meinen Augen, dass solche Strukturen nicht in die Hände von Shareholder:innen gehören, wenn diese nur eine kapitalstarke Schicht abbilden, die am Produkt selbst kein Interesse hat. Das geht nicht zusammen.

Facebook, Instagram und WhatsApp könnten weiterhin sehr gute Produkte sein, wenn sie lediglich dem Bedarf der Nutzer:innen folgen würden. In meinen Augen sind dies vor allem Vernetzung, Transparenz, Datenschutz, empowernde Interaktionen, Fördern von Kreativität, Zusammenhalt und niederschwelliger Zugang zu Informationen, wie Meinungen und Fakten.

Auch die Querdenker:innen, die AfD und andere Meinung sollen Teil des gemeinsamen Austausches sein, aber nicht zum Zweck der Spaltung, sondern der konstruktiven Diskussion auf Basis von verifizierbaren Fakten und unter Wahrung der Verhältnisse.

Unter den in den Papers beschriebenen Umständen ein Metaverse aufzubauen, ergibt für mich gar keinen Sinn, denn die Hausaufgaben sind nicht gemacht. Selten war die Macht des Geldes und des Patriarchats stärker zu spüren als durch die Informationen aus diesen Facebook Papers. Ich feiere deshalb Frances Haugen als Feministin und Mutige. 

Social Media hilft uns beim Kampf gegen das Patriarchat!

In der Organisation von Meta erkenne ich patriarchale Machtstrukturen wieder, die das System fördern und am Leben halten. Diese Strukturen begünstigen weiterhin die Ausbeutung von Menschen, Diskriminierung und Machtmissbrauch, gleichzeitig bedienen sich weltweit Feminist:innen sehr erfolgreich Social Media, um ihren Kampf gegen solche Strukturen zu führen. Meta zu ignorieren ist also keine Alternative.

Welche Wirkung wertorientiertes Gestalten in Unternehmen entfalten kann, hat Lilli Landmann (Chief Communication Officer bei Startnext) unlängst formuliert:

Startnext versteht sich als sinnstiftendes Unternehmen und ruft dazu auf, das Alte zu hinterfragen und Neues daneben zu stellen. Alt sind die Werte Profitorientierung, Wettbewerb und starre Systeme wie das Patriarchat. Neu ist Kooperation, Sinnstiftung und lernende Organismen. So entsteht der Nährboden für große Geschichten wie Flutwein und Olympia*, die ohne Lagerbildung auf Startnext nebeneinander stehen und wachsen können.

*Die beiden Projekte haben zusammen über 8 Millionen Deutsche erreicht, von denen fast 80.000 zu Unterstützter:innen geworden sind, die 6,7 Millionen Euro gegeben haben. Das ist die positive Wirkung von Social Media auf Startnext. https://www.startnext.com/flutwein und https://www.startnext.com/12062020

Was sind meine nächsten Schritte?  

Unter den aktuellen Bedingungen möchte ich selbst als Kreativer bei Instagram nicht aktiv sein. Auch WhatsApp wird nun langsam weichen müssen. Die Familie wird schon mitziehen.

Was passiert mit Startnext und unseren Starter:innen, für die Social Media als Chance zu begreifen ist? 

Im Team Öffentlichkeitsarbeit ist die Diskussion ebenfalls im Gange. Wir nehmen uns Zeit zu reflektieren und legen vom 23.12. – 6.1. die Social Media Arbeit nieder. In welcher Form wir zurückkommen, bleibt abzuwarten.

Wenn Meta auf Grund der Informationen aus diesen Papers keine nachhaltigen Schritte ankündigt, die auch spürbar sind, werden wir in Zukunft andere Wege finden, wie Crowdfunding-Projekte zur ihren Unterstützer:innen kommen.

Ich sehe darin auch eine Chance für Facebook und Instagram, als auch für andere, neue Konzepte. 

Ich bin gespannt, wie du mit diesen Informationen umgehst.
Beste Grüße

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