Das Abenteuer geht weiter: Wie die Dice Actors ins eigene Studio ziehen
Aus einer Corona-Idee unter Synchronschaffenden ist ein Herzensprojekt mit einer treuen Community geworden. Im Interview erzählt Rieke Werner von den Dice Actors, warum sich gemeinsame Spielerinnerungen wie echte anfühlen und was das neue Studio jetzt möglich macht.
„Kannst du dir vorstellen, Dungeons & Dragons mit mir zu spielen – und das auf YouTube hochzuladen?" Als diese Mail Rieke Werner erreichte, standen die Synchronstudios pandemiebedingt still. Vier Jahre später haben die Dice Actors über 130 Folgen veröffentlicht: improvisierte Abenteuer, in denen Würfel über das Schicksal selbst erdachter Charaktere entscheiden.
Wir haben mit Rieke Werner darüber gesprochen, wie aus einer Lockdown-Idee ein zweiter Beruf wurde, warum am Spieltisch echte Tränen fließen – und was im neuen Studio als Erstes passiert.
Startnext: Rieke, wie erklärst du Menschen, die Dice Actors, Pen-&-Paper und Dungeons & Dragons nicht kennen, was ihr macht?
Rieke Werner: Wir sind Synchronschaffende, die gemeinsam schauspielerisch ein Abenteuer erleben – und das wird improvisiert. Jede Person denkt sich ihren Charakter selbst aus. Unser Spielleiter Alex entführt uns in eine Welt, die er selbst entwickelt hat. Innerhalb dieser Welt können wir eigentlich alles machen, was wir möchten – und Alex muss als Spielleiter damit umgehen.
So entstehen am Spieltisch Dialoge, lustige Situationen, aber auch dramatische Momente. Entschieden wird am Ende alles durch die Würfel. Genau das macht es so spannend: Wir wissen selbst nicht, wohin sich unsere Charaktere und die Geschichte entwickeln. Es ist ein bisschen wie ein Hörspiel, bei dem niemand vorher weiß, wo es hinführt.
![]()
Die Dice Actors: Alexander Karnstedt (vorne), Rubina Nath und Rieke Werner (mitte, v.l.n.r.), Patrick Baehr, Patrick Keller und Tim Schwarzmaier (hinten, v.l.n.r.), Fotocredit: Dice Actors.
Wie sind die Dice Actors entstanden?
Wir haben während Corona angefangen. Damals konnten viele von uns nicht arbeiten, weil die Ansteckungsgefahr in den Tonstudios sehr hoch war. Die Studios waren eine Zeit lang komplett lahmgelegt. Und dann schrieb mir Alex in einer Mail, ob ich mir vorstellen könne, Dungeons & Dragons mit ihm zu spielen und das auf YouTube hochzuladen. Vorbilder wie Critical Role aus den USA hatten bereits gezeigt, dass Pen-&-Paper-Runden als Videoformat funktionieren können.
Ich hatte eine kleine YouTube-Vergangenheit, habe früher gesungen und fand die Idee spannend. Alex kannte mich darüber und wusste, dass ich Synchronsprecherin bin. Dann habe ich überlegt, wer aus dem Synchronbereich nerdig genug wäre und mit wem ich mich gut verstehe. So ist nach und nach unsere Gruppe entstanden.
Am Anfang waren wir alle blutige Anfänger:innen. Wir hatten das vielleicht mal ausprobiert, aber außer Alex war niemand von uns richtig tief drin. Er hat viel Erfahrung mit Rollenspielen, unter anderem mit Das Schwarze Auge und Dungeons & Dragons. Wir anderen haben uns dann einfach darauf eingelassen.
Was macht es aus, dass ihr alle aus dem Synchronbereich kommt?
Das ist von innen schwer zu beurteilen, weil ich es ja gar nicht anders kenne. Für mich fühlt sich unsere Gruppe einfach authentisch und gut an. Aber natürlich war es am Anfang ein Grund, warum viele Menschen uns gefunden haben. Sie kannten vielleicht eine Stimme aus einer Serie, einem Film oder einem Spiel und wurden dadurch neugierig. Unsere erste Folge hieß deshalb auch „Synchronsprecher spielen D&D“.
Natürlich bringen wir unser Schauspiel mit an den Tisch. Aber ich glaube, viele Menschen kommen erst einmal, weil sie hören: Da sitzen bekannte Stimmen zusammen und spielen. Der schöne Unterschied zum Synchronsprechen ist: Im Synchron versuchen wir, einer bestehenden Figur und ihrer Schauspieler:in gerecht zu werden. Bei Dice Actors erschaffen wir unsere Figuren selbst. Das bewegt und fordert noch einmal ganz anders.
Ihr habt inzwischen über 130 Folgen veröffentlicht. Gab es einen Moment, in dem klar wurde: Das ist mehr als ein Spiel?
Eine Folge, die viele gecatcht hat, war Folge 10. Da war zum ersten Mal dieses Gefühl: Warte mal, das geht über ein Spiel hinaus. Das fühlt sich echter an. Auch Folge 2 wird schon sehr dramatisch. Später gibt es weitere Folgen, die für uns sehr intensiv waren – aber Folge 2 oder 10 sind gute Einstiegspunkte, weil man da die Charaktere noch kennenlernt. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal am Tisch geweint habe. Ich dachte: Oh, wie peinlich, ich weine auf YouTube wegen eines Spiels. Und die Leute schrieben: „Rieke hat das so toll gespielt.“ Aber ich habe das nicht gespielt – ich habe wirklich gelitten, weil ich dachte, unsere Charaktere sterben jetzt alle. So intensiv fühlt sich das an.
Man sagt über Rollenspiel, dass Erinnerungen, die man gemeinsam erschafft, wie echte Erinnerungen abgespeichert werden. Das klingt kitschig, aber es stimmt. Wenn wir Gäste am Tisch haben, fühlt es sich danach manchmal an, als hätten wir wirklich zusammen ein Abenteuer erlebt. Als Gerrit Schmidt-Foß bei uns zu Gast war, der unter anderem Leonardo DiCaprio spricht, kannte ich ihn vorher gar nicht. Wir haben ein Wochenende zusammen gespielt – und als wir uns später zwischen zwei Synchronterminen im Flur wiedergesehen haben, war es wie: „Oh mein Gott, da bist du!“ Man hat das Gefühl, wirklich ein Abenteuer zusammen erlebt zu haben.
![]()
Dice Actors am Spieltisch. Fotocredit: Dice Actors.
Wie hat sich eure Community entwickelt?
Die Community ist stark über Mundpropaganda gewachsen, über YouTube, Instagram und Discord. Jede Person aus unserer Gruppe hatte schon ein kleines Netzwerk. Und dann gab es Menschen, die uns unterstützt und weiterempfohlen haben. Ich weiß noch, dass wir schon in einer der ersten Folgen gesagt haben: „Hier blenden wir eure Fanarts ein“ – obwohl wir noch gar nicht wussten, ob jemals jemand Fanart zeichnen würde. Irgendwann kamen dann wirklich die ersten Fanarts, mehr Kommentare und Diskussionen. Aus der Community sind sogar Illustrationen entstanden, die wir bis heute nutzen. Sie haben nicht nur zugeschaut, sondern dieses Projekt sichtbar mitgeprägt.
Was mich besonders berührt: Wir werden inzwischen nicht nur als Synchronstimmen erkannt, sondern als Dice-Actors-Charaktere. Leute sprechen mich an und sagen: „Bist du nicht Elaynie von den Dice Actors?“ Das ist schön, weil dieses Projekt wirklich von uns selbst kommt.
Ihr habt das Projekt lange neben euren eigentlichen Jobs gemacht. Wie groß war das Commitment?
Sehr groß. Wir durften einmal im Monat in ein Tonstudio, wenn dort gerade keine Kinofilme oder Serien aufgenommen wurden. Dann haben wir jedes Mal unseren Tisch neu aufgebaut, Mikrofone zur Seite geschoben und an einem Wochenende mehrere Folgen gedreht. Wir haben das immer „funstrengend“ genannt – also fun, aber anstrengend. Oft haben wir uns morgens um 8 Uhr getroffen, mehrere Stunden aufgebaut, dann Folgen aufgenommen und manchmal noch Community-Songs oder andere Extras produziert. Teilweise waren wir erst nachts um zwei raus.
Ich bearbeite bis heute viele Folgen selbst. Nur die Kampffolgen haben wir irgendwann ausgelagert, weil sie besonders aufwendig sind: mehrere Kameras, Bewegungen auf dem Spielfeld, viele Schnitte. Wir haben das Geld, das reinkam, immer wieder ins Projekt gesteckt – in Equipment, Postproduktion, Musik und Unterstützung von außen. Auch bei Illustrationen arbeiten wir bewusst mit echten Künstler:innen aus der Community statt mit KI. Das ist uns wichtig, weil wir als Synchronschaffende selbst spüren, wie sehr KI kreative Berufe unter Druck setzt.
Warum war jetzt der Moment für ein eigenes Studio?
Die Community wurde so groß, dass wir gemerkt haben: Wir machen das nicht mehr nur für uns. Es ist fast ein zweiter Job geworden – einer, der sehr viel Spaß macht. Gleichzeitig wurde das alte Modell immer stressiger. Wenn jemand verhindert war, gab es kaum Ersatztermine. Dann haben wir uns gefragt: Wollen wir das wirklich weitermachen? Wir haben viele Gespräche geführt und gemerkt: Wir wollen, dass es weitergeht und wächst. Ein Schlüsselmoment war unsere erste Live-Show: Die war in nicht mal einer Stunde ausverkauft. Da haben wir gesehen, dass wir nicht die einzigen sind, die an dieses Projekt glauben.
Als dann ein Tonstudio frei wurde, haben wir es uns angeschaut und gedacht: Okay, wir wagen das jetzt, wir gründen wirklich eine Firma. Vielleicht können wir dann weniger synchron sprechen und mehr Dice Actors machen. Das Interesse ist da – und wir lieben es alle.
Ihr wolltet mit eurer Kampagne 24.000 Euro sammeln. Den Betrag habt ihr bereits deutlich übertroffen. Wie fühlt sich das an?
Überwältigend. Wir wollten erst einmal Sicherheit für die Miete und den Umbau. 24.000 Euro kamen uns wahnsinnig viel vor. Jetzt sind wir bei über 80.000 Euro, und die Leute unterstützen uns immer noch. Das war wirklich ein Schock für uns – im positiven Sinne. Wir haben nicht damit gerechnet, dass die 24.000 Euro so schnell erreicht werden und dass die Unterstützung danach weitergeht. Gleichzeitig haben die Leute auch noch Tickets für unsere Live-Show gekauft und Merchandise auf einer Messe. Da merkt man noch einmal ganz anders, wie groß die Unterstützung der Community wirklich ist.
Was wird durch das Crowdfunding jetzt möglich?
Erst dachten wir: Wir schaffen uns ein bisschen Sicherheit. Jetzt haben wir viel mehr Möglichkeiten beim Umbau. Zum Beispiel können wir uns einen neuen Spieltisch leisten. Und wir können besser planen, was noch kommt: mehr Live-Sessions, mehr eigene Musik, vielleicht mehr Streaming, Podcasts oder ein eigener Online-Shop.
Wir können Künstler:innen, mit denen wir arbeiten, angemessener bezahlen und Dinge schneller umsetzen, weil wir mehr Unterstützung holen können. Vor allem haben wir dann einen Ort, an dem alles stehen bleiben kann. Wir kommen rein, machen die Kameras an und können direkt aufnehmen. Das nimmt sehr viel Stress raus.
![]()
Die Charaktere der Dice Actors als Illustration. Credit: Dice Actors.
Was bedeutet euch diese Community?
Sehr viel. Ich bin unserer Community unglaublich dankbar. Im Internet liest man oft furchtbare Kommentare. Bei uns sind so viele liebe, kluge und empathische Menschen. Sie schreiben nicht nur „coole Folge“, sondern gehen auf Themen ein, greifen Witze auf, erweitern sie oder diskutieren richtig mit.
Einmal hatte ich in unseren Charakteren einen heftigen Streit mit unserem Magier. Wir sind danach rausgegangen und hatten total Spaß – aber in der Community bildeten sich zwei Lager: „Nein, er hat recht!“ – „Nein, sie hat recht!“ Da haben wir gedacht: Krass, wie tief die in der Geschichte drinstecken.
Manchmal ist die Community sogar tiefer in Alex’ Geschichte drin als wir selbst. Es gibt Menschen, die wissen noch Dinge aus den ersten Folgen, die ich längst vergessen habe. Das ist der Hammer. Gleichzeitig ist es noch so familiär, dass man viele Leute wiedererkennt – auf Messen, im Discord oder über ihre Nicknames. Natürlich hoffen wir, weiter zu wachsen, damit wir das Projekt langfristig am Leben halten können. Aber ich genieße auch, dass es sich noch persönlich anfühlt.
Wie war es für euch, die Crowdfunding-Kampagne aufzusetzen?
Herausfordernd, aber die Plattform war gut aufgestellt. Es gab Leitfäden und Hilfe, dadurch haben wir uns gut zurechtgefunden. Am schwierigsten war für uns, die Dankeschöns zu planen: Was können wir anbieten, was wünschen sich die Leute schon länger, und was bekommen wir zeitlich überhaupt hin? Wir kennen unsere Community seit vier Jahren und konnten deshalb gut einschätzen, worüber sie sich freuen.
Die Pflege der Kampagne war für mich herausfordernder als das Aufsetzen. Ich wollte regelmäßig Updates geben, aber gleichzeitig nicht alles verraten. Die Leute sollen am Ende ja auch überrascht werden, was wir im Studio gemacht haben. Diese Balance ist nicht ganz leicht.
Aber insgesamt ist da vor allem dieses schöne Gefühl: Man hat nicht mehr den Eindruck, wir kochen hier unser Süppchen und vielleicht schmeckt es ja jemandem – die Leute stehen schon Schlange für die Suppe.
Worauf freut ihr euch jetzt besonders?
Erst einmal treffen wir uns alle zum ersten Mal gemeinsam in unserem neuen Office und frühstücken dort. Dann bauen wir gemeinsam um. Wir wollten uns ursprünglich externe Hilfe holen, aber nach vier Jahren, in denen wir so viel selbst gemacht haben, fällt es uns schwer, Dinge aus der Hand zu geben. Das müssen wir vielleicht noch lernen.
Wir sind sehr ambitioniert und wollen im Oktober wieder aufzeichnen. Es fühlt sich an wie ein Neuanfang, aber gleichzeitig geht die Geschichte weiter. Nur eben in einem Setting, das noch mehr von uns selbst geschaffen ist. Ich glaube, vielleicht weine ich in der ersten Folge wieder – diesmal vor Freude. Ich freue mich einfach wahnsinnig darauf. Nach zwei Monaten Pause geht das Abenteuer weiter. Und im besten Fall können wir den Stress von Aufbau, Abbau und Organisation etwas von uns werfen und uns einmal in der Woche treffen, um Spaß zu haben und das wieder mit allen zu teilen.