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1.500 Menschen für ein Gasthaus gesucht
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1.500 Menschen für ein Gasthaus gesucht

Max Rosch
30.09.2026
11 min Lesezeit

Wie Olli Kulz mit Klemmbausteinen, Crowdfunding und einer tatkräftigen Community ein mittelalterliches Dorf in Miniatur baut.

Titelbild: Oliver „Olli“ Kulz kniet vor mehreren Klemmbausteinmodellen
Fotocredit: Oliver Kulz, Klemmbausteinwelt

Wer an Klemmbausteine denkt, hat vielleicht als erstes den weltbekannten Hersteller aus Dänemark vor Augen. Doch die Welt der bunten Steine ist längst größer als eine einzelne Marke. Gerade auf YouTube ist eine vielfältige und umtriebige Szene entstanden; manche Kanäle haben mehr als eine Million Abonnent:innen. Auch Oliver „Olli“ Kulz teilt dort seit Dezember 2018 seine Begeisterung. Seine Videos erreichen Tausende, manchmal sogar Hunderttausende Menschen.

Begonnen hat diese Geschichte schon in seiner Kindheit. Olli nahm fertige Sets wieder auseinander und machte aus einer Tankstelle ein Bauernhaus. Später verlor er die Steine aus den Augen, bis er sie durch seine eigenen Kinder wiederentdeckte. Heute ist daraus mehr als ein Hobby geworden: Rund um seine Klemmbausteinwelt hat Olli eine Community aufgebaut, die seine Begeisterung teilt, seine Ideen mitprägt und anpackt, wenn Hilfe gebraucht wird.

Seine erste Crowdfunding-Kampagne für die Burg Steinemark wurde 2025 zum Erfolg. Beim Verpacken und Versenden halfen Menschen aus seiner Community und einige Unterstützer:innen wurden sogar Teil des Teams für die nächsten Projekte. Jetzt folgt mit dem Gasthaus „Roter Eber“ Ollis zweites Crowdfunding. Es soll der Anfang eines ganzen mittelalterlichen Dorfes werden. Im Interview erzählt er, wie aus einer wiederentdeckten Leidenschaft ein gemeinsames Projekt wurde, warum Reichweite noch keine Nachfrage garantiert und weshalb Crowdfunding für ihn der entscheidende Test ist. Cheyenne Lindemann hat für Startnext mit Olli gesprochen.

Fotocredit: Titelbild Kampagnenseite Gasthaus „Roter Eber“

Startnext: Olli, was hat dich schon als Kind an Klemmbausteinen fasziniert?

Oliver „Olli“ Kulz: Bei uns war es damals fast eine Grundsatzentscheidung: Die Nachbarskinder hatten Playmobil, ich hatte Lego. Ich habe schnell gemerkt, dass Playmobil für mich endlich war. Man hat seine Figuren und kann ihnen vielleicht etwas anderes anziehen. Klemmbausteine dagegen sind unendlich. Schon aus wenigen Steinen entstehen immer neue Möglichkeiten. Genau das hat mich fasziniert.

Richtig angefangen, eigene Dinge zu bauen, habe ich nach einem Unfall. Ich hatte mir als Kind Schien- und Wadenbein gebrochen und war etwa sechs Monate ans Haus gebunden. Da habe ich die Sets, die ich bekommen hatte, nicht mehr nur nach Anleitung aufgebaut, sondern wieder auseinandergenommen und überlegt: Was kann ich daraus selbst machen? Aus einer Tankstelle konnte plötzlich ein Bauernhaus werden.

Später hast du die Klemmbausteine zunächst aus den Augen verloren. Wie kamst du wieder zu ihnen zurück?

In der Pubertät kamen meine „Dark Ages“, wie wir das in der Klemmbaustein-Szene nennen. Andere Dinge wurden wichtiger und die Steine gerieten erstmal in den Hintergrund. Als meine Kinder später alt genug waren, selbst nach Spielzeug zu fragen, fuhren wir gemeinsam in einen Spielzeugladen. Während ich durch die Regale ging bin, blieb ich wieder bei den Lego-Sets hängen und dachte: Meine Güte, was sind das mittlerweile für interessante Modelle. So bin ich über meine Kinder wieder bei den Klemmbausteinen gelandet.

Was unterscheidet eine eigene Kreation von einem reproduzierbaren Set?

Eine MOC – also „My Own Creation“ – kann zunächst aus dem eigenen Fundus entstehen. Wenn daraus aber ein Set für andere Menschen werden soll, reicht es nicht, dass es schön aussieht. Es muss stabil sein, bezahlbar bleiben und sich gut bauen lassen.

Mein Anspruch ist: kleinstes Format auf kleinstem Raum mit größtmöglichem Wiedererkennungswert.

Viele Menschen in der Szene haben zu Hause ein Platzproblem. Gleichzeitig möchten sie besondere Bautechniken und ein Modell, das als Ganzes funktioniert. Sie wollen nicht nur eine PDF-Anleitung und anschließend selbst Tausende Steine zusammensuchen. Ihr Wunsch ist ein Rundum-Paket mit Box, Anleitung und den passenden Steinen.

Fotocredit: Titelbild Kampagnenseite Burg Steinemark

Für die Burg Steinemark hast du fast drei Jahre Entwicklungszeit gebraucht. Was hast du auf diesem Weg gelernt?

Das Bauen selbst war nicht das Problem. Ich wusste, was ich wollte, konnte es aber nicht digital umsetzen. Also brauchte ich zuerst jemanden, der mit CAD-Programmen zum Erstellen digitaler Modelle arbeiten kann. Dann habe ich gemerkt, dass das allein nicht reicht: Für eine glaubwürdige Burg braucht es auch Wissen darüber, wie so ein Gebäude im Mittelalter tatsächlich funktioniert hat.

Danach begann die nächste Lernreise. Wir hatten ein Produkt und eine Anleitung, aber noch keine Verpackung, keinen Importeur und keinen Vertrieb. Ich bin Handwerker. Mit Import, Vermarktung, Zoll oder Qualitätsstandards hatte ich mich vorher nie beschäftigt. Das Design war fertig – und dann stand das Projekt ungefähr ein Jahr still, während ich herausfinden musste, wie sich das Set überhaupt produzieren und nach Europa bringen lässt.

Warum war Crowdfunding für dich der richtige Weg, um aus deiner Idee ein echtes Produkt zu machen?

Ich hatte eine Idee und eine Community, die gesagt hat: Das möchten wir haben. Aber ich konnte die Produktion nicht selbst vorfinanzieren – und ich wusste noch nicht, ob aus dieser Begeisterung wirklich genügend Bestellungen entstehen würden.

Crowdfunding war für mich deshalb der goldene Weg: Ich konnte das Produkt so gut wie möglich präsentieren und damit testen, ob genügend Menschen es tatsächlich haben wollen.

Wenn die notwendige Zahl an Bestellungen zusammenkommt, kann produziert werden. Wenn nicht, haben die Unterstützer:innen kein Geld ausgegeben und nur ich bleibe auf meinen bisherigen, überschaubaren Kosten sitzen. So musste ich weder einen Bankkredit aufnehmen noch im klassischen Vorverkauf Geld von meiner Community annehmen, ohne sicher zu wissen, ob ich liefern kann. Gleichzeitig wurde sichtbar, ob aus meiner Reichweite eine tragfähige Nachfrage wird – und aus der Idee wirklich ein Produkt werden kann.

Bei der Wahl der Plattform war mir wichtig, dass ich sie meiner Community glaubwürdig empfehlen kann. Startnext habe ich eher zufällig bei der Arbeit in Dresden entdeckt. Den Ausschlag gab für mich, dass es eine deutsche Plattform ist und ich beim Thema Datenschutz ein gutes Gefühl hatte.

Fotocredit: Oliver Kulz, Klemmbausteinwelt

Welche Rolle spielt deine Community bei der Entwicklung neuer Sets?

Meine Community gestaltet die Produkte mit, ohne es unbedingt zu wissen. In Kommentaren, E-Mails und WhatsApp-Gruppen sprechen Menschen darüber, was ihnen an bestehenden Sets gefällt oder nicht gefällt.

Diese Hinweise nehme ich mit. Wenn jemand beispielsweise kritisiert, dass ein Fenster für ein mittelalterliches Gebäude unpassend aussieht, prüfe ich das bei unseren eigenen Entwürfen. Meine WhatsApp-Community ist vor ungefähr sechs Jahren entstanden und hat heute knapp 700 Mitglieder. Sie ist in thematische Gruppen aufgeteilt und für mich ein enormer Informationspool. Im Grunde sitzen dort Hunderte Designer:innen, deren Beobachtungen in unsere Arbeit einfließen.

Bevor wir das Gasthaus entwickelt haben, habe ich ein gerendertes Bild in einer Ankündigungsgruppe geteilt. Dort kann niemand kommentieren, aber die Mitglieder können reagieren. Die Resonanz war für mich ein erster Hinweis, dass Potenzial da ist. Ob Menschen das Set wirklich kaufen, weiß ich trotzdem erst, wenn die Kampagne läuft. Genau dafür ist Crowdfunding der Test.

Was ist aus deinem ersten Crowdfunding Anfang 2025 entstanden, das dir heute beim zweiten Projekt hilft?

Die Burg Steinemark habe ich noch weitgehend allein umgesetzt. Als die Sets ankamen und an einem Wochenende verpackt und verschickt werden mussten, habe ich einen Aufruf in meiner Community gestartet.

Daraufhin sind Menschen aus ganz Deutschland angereist und haben sich sogar Hotelzimmer genommen, um mir zu helfen.

Beim gemeinsamen Packen und später beim Grillen habe ich diese Menschen zum ersten Mal richtig kennengelernt. Meine Zuschauer:innen kannten mich, aber ich kannte längst nicht alle von ihnen. Einer zeigte mir an diesem Abend seine eigenen Arbeiten. Als ich sie gesehen habe, wusste ich sofort: Das ist der Designer für meine nächsten Projekte. So ist aus dem ersten Crowdfunding mehr entstanden als ein finanziertes Set. Aus Unterstützer:innen wurde eine echte Community – und aus dieser ist ein Teil des Teams hervorgegangen, mit dem ich heute am zweiten Crowdfunding arbeite.

Was macht die Umsetzung des Gasthauses „Roter Eber“ besonders anspruchsvoll?

Die Fabrik verlangt eine Mindestabnahme von 1.500 Sets. Dadurch entsteht ein hohes Fundingziel. Aber eigentlich brauchen wir nicht das Geld – das Geld kommt automatisch zusammen, wenn wir genügend Menschen erreichen, die das Gasthaus haben möchten. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht: Schaffen wir die große Summe? Sondern: Finden wir 1.500 Menschen, die von der Idee überzeugt sind?

Genau das ist in der Kommunikation schwierig. Viele sehen zuerst die hohe Summe und nicht die Anzahl an Bestellungen, die wir für die Produktion brauchen. Deshalb geht es jetzt vor allem um Sichtbarkeit und Vertrauen. Prototypen gehen an größere Influencer, die das Set aufbauen und Details zeigen können, die auf Bildern kaum sichtbar sind. Außerdem präsentiere ich das Gasthaus auf der Hobbymesse in Leipzig und möchte stärker Menschen aus der Mittelalter-Szene erreichen.

Fotocredit: Oliver Kulz, Klemmbausteinwelt (Collage: Startnext)

Das Gasthaus soll nicht allein bleiben. Was ist deine größere Idee?

Das Gasthaus ist der Startschuss für die Welt „Kulmarode“. Daraus soll nach und nach ein mittelalterliches Dorf entstehen. Jedes Gebäude bekommt eine eigene Geschichte. Bei jedem neuen Entwurf fragen wir uns: Warum steht dieses Gebäude an diesem Ort, und wie fügt es sich in die Welt ein?

Weitere Gebäude sind bereits in unterschiedlichen Stadien entworfen. Mein langfristiges Ziel ist, weitere Crowdfundings zu nutzen und spätere Sets irgendwann selbst finanzieren zu können. Crowdfunding bleibt dabei ein Werkzeug: Es zeigt mir, ob eine Idee wirklich Resonanz findet.

Was rätst du Menschen, die eine Idee haben, aber noch keine große Reichweite?

Das Ziel muss klar sein. Dann sollte man nach links und rechts schauen und keine Scheu haben, größere Unternehmen, Creator:innen oder Fachleute anzusprechen. Es gibt fast immer jemanden, der weiter ist und einem die Hand reichen kann.

Auch eine Nische kann stark sein. Entscheidend ist, die eigene Idee verständlich und glaubwürdig zu vertreten. Dafür braucht es keinen banktauglichen Businessplan. Aber man muss erklären können, was man vorhat und warum es wertvoll ist.

Für mich ist das Ganze wie ein Marathon mit Hürdenlauf. Man fängt langsam an und darf keine Hürde scheuen. Wenn ein Weg nicht funktioniert, halte ich auch mal inne und suche einen anderen. Irgendwann kommt dann der Moment, in dem man den Startknopf fürs Crowdfunding drücken kann.

Du entwickelst all das neben einem Vollzeitjob. Was lässt dich trotz des Aufwands immer weitermachen?

Ich arbeite unter der Woche auf Montage und sitze in intensiven Phasen nach Feierabend bis 22 Uhr oder 23 Uhr am Computer. Das funktioniert nicht ohne eine starke Partnerin, die das mitträgt.

Als ich mit YouTube angefangen habe, wurde ich gefragt, wie lange ich das überhaupt machen möchte. Meine Antwort war: so lange, bis niemand mehr zuschaut. Und wenn es nur ein Mensch ist, der sich darüber freut, dann lohnt es sich für mich weiterzumachen.

Heute erreiche ich mit meinen Videos und Projekten deutlich mehr Menschen. Aber was mir am meisten gibt, sind nicht die Zahlen, sondern der direkte Austausch. YouTube ist mein Fenster zur Welt – doch in der Community lerne ich die Menschen kennen, höre ihre Ideen und erlebe, wie gemeinsam etwas entsteht. Deshalb passt der Satz, der sich für das Gasthaus herauskristallisiert hat, so gut: „Von Klemmbaustein-Fans für Klemmbaustein-Fans.“ Community ist für mich tatsächlich das Größte.

🧱Zur Kampagnenseite für das Gasthaus „Roter Eber“

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