Wie aus einer Partynacht ein Stück Heimat wurde
Der Mauerpfeiffer ist für viele in Saarbrücken ein besonderer Club. Eine Kampagne aus der Community heraus soll ihn langfristig sichern. Jetzt im Interview: Was diese Gemeinschaft ausmacht, wie der Rapper Döll einen Anstoß gab und welche Rolle Harald Welzers Gedanken zu „Dritten Orten" spielen.
Als Timo Rech 2013 zum ersten Mal mit Freunden in die UBar in Saarbrücken ging, fühlte es sich für ihn an wie eine andere Welt. Aus dem Gast wurde ein Resident DJ, aus dem Club ein zweites Zuhause. Heute engagiert sich der Sozialarbeiter für die Crowdfunding-Kampagne des Mauerpfeiffers. Wir sprechen mit ihm darüber, warum er diesen Ort erhalten will, was Menschen dort gemeinsam auf die Beine stellen und wie daraus eine Kampagne wurde.
UBar und Mauerpfeiffer bilden zusammen einen Club- und Veranstaltungsort in Saarbrücken, dessen Wurzeln bis 2009 zurückreichen. Damals begann Tim Grothe, dort Partys zu veranstalten; mit Freunden baute er den Ort später in Eigenleistung weiter aus. Direkt am Ludwigskreisel, einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Stadt, treffen heute Musik, Clubkultur und gemeinsames Anpacken aufeinander. Zum Programm gehören auch DJ-Contests und viele andere Formate – Gelegenheiten, nicht nur mitzufeiern, sondern selbst etwas auf die Beine zu stellen.
Startnext: Timo, wie bist du zum Mauerpfeiffer gekommen?
Timo Rech: Das war, glaube ich, 2013, auch im Oktober. Freunde von mir haben gesagt: Wir fahren heute Abend nach Saarbrücken in die UBar. Da ist eine Drum-and-Bass- und Techno-Party, da musst du mitkommen. Dann sind wir mit unserer Clique hin. Es war wirklich, als würde ich in eine ganz andere Welt kommen. Ich habe mich in die Techno-Szene verliebt und bin seitdem regelmäßig hingegangen.
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Timo Rech, Fotocredit: Patrick Wamsganz
Seit deinem ersten Besuch ist dir der Ort besonders wichtig geworden. Woran merkst du das heute?
Der Mauerpfeiffer ist für mich wie ein zweites Zuhause geworden. Ich komme rein und kenne die Stammgäste und das Personal, fast jeden. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Deshalb ist es mir persönlich wichtig, alles zu geben, um diesen Ort am Leben zu halten.
Über einen DJ-Contest im Mauerpfeiffer habe ich selbst die Möglichkeit bekommen, mich stärker einzubringen. Wir haben relativ oft solche Contests, und darüber sind schon einige Resident DJs geworden. Das muss nicht beim Auflegen bleiben. Für mich ist der Club auch ein Raum, um mich auszuprobieren: musikalisch in meinen DJ-Sets, aber auch organisatorisch mit solchen Aktionen. Gerade arbeite ich daran, eine eigene Partyreihe an den Start zu bringen.
Mehr als ein Ort zum Feiern
Was macht diese Gemeinschaft für dich aus?
Bei den Gästen ist wirklich alles vertreten, aus verschiedenen gesellschaftlichen Milieus. Auf dem Dancefloor merkt man: Es ist völlig egal, wo man herkommt. Da ist man zusammen vereint. Alle sind wegen der Mucke da, und weil der Spirit so ist, wie er ist. Ich komme selbst nicht direkt aus Saarbrücken, sondern aus der Nähe. Aber seit ich die UBar und den Mauerpfeiffer für mich entdeckt habe, ist Saarbrücken auch ein Stück Heimat für mich geworden. Es ist eine größere Stadt und trotzdem ist alles noch ein bisschen kleiner und vielleicht auch familiärer.
Welche Werte sind euch im Mauerpfeiffer wichtig?
Ich habe gesehen, dass ihr mit Harald Welzer im Startnext-Podcast Funding Fieber gesprochen habt. Er ist einer meiner Lieblingssoziologen. Der Gedanke, dass dritte Orte besonders wichtig für die Demokratie sind, ist mir dabei hängen geblieben. Für mich ist der Mauerpfeiffer so ein Ort. Bei uns werden Toleranz, Offenheit und Demokratie hochgehalten. Durch Projekte, in die sich Menschen einbringen können, können diese Werte weiter gestärkt werden. Ich finde das gerade in diesen Zeiten wichtig.
Ein anderes Herzensprojekt von mir ist der Rave gegen rechts. Den könnte ich so nicht umsetzen, wenn ich nicht die Unterstützung des Mauerpfeiffers hätte, etwa durch Kontakte für Bookings. Beim CSD haben wir mit dem Mauerpfeiffer auch einen Wagen und eine Aftershow-Party. Der Club gibt mir Raum, Dinge zu machen, die ich sonst nirgends machen könnte.
Uns ist auch wichtig, dass der Mauerpfeiffer als sozialer Raum für alle Menschen zugänglich ist. Deshalb gibt es an jedem Abend 20 Soli-Tickets. Menschen können an der Kasse einfach sagen: Ich brauche ein Soli-Ticket. Dann bekommen sie freien Eintritt.
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Dancefloor im Mauerpfeiffer, Fotocredit: Mauerpfeiffer
Den Ort erhalten, unabhängig bleiben
Wie kam es dazu, dass du die Crowdfunding-Kampagne angestoßen hast?
Das ging vor ungefähr einem Jahr los, Ende 2025. Tim hat in einem Gespräch erwähnt, dass es finanziell einige Herausforderungen gibt. Ich wusste, dass es in der Corona-Zeit schon einmal eine Startnext-Kampagne gegeben hatte, und habe gesagt: Lass uns doch noch einmal Crowdfunding machen. Er wollte aber nicht schon wieder das Gefühl haben, die Leute anzubetteln. Dann habe ich das erst einmal ruhen lassen.
Später habe ich Dölls Startnext-Kampagne gesehen. Das war für mich die größte Inspiration. Ich bin ein großer Fan, und seine Musik gibt mir viel Motivation. Ich habe Tim gesagt: Schau mal, wenn er das so hinbekommt, dann können wir das mit unseren Leuten doch auch versuchen. Im Sommer haben wir uns dann regelmäßig im Club getroffen. Dort war gefühlt immer jemand, der an etwas gearbeitet hat, auch im Außenbereich. Mit dem Personal und Freunden aus dem engeren Umfeld ist die Idee dann organisch gewachsen.
Warum war es euch so wichtig, den Club mit der eigenen Community zu finanzieren?
Die Alternative wäre gewesen, andere Geldgeber oder neue Investoren dazuzuholen. Genau das wollten wir vermeiden. Uns war wichtig, die Unabhängigkeit zu bewahren: dass niemand ins Programm hineinredet und uns sagt, was wir zu tun oder zu lassen haben. Das Ganze soll weiter mitwachsen können.
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Alle packen an: Bauarbeiten im Außenbereich, Fotocredit: Mauerpfeiffer
Du hattest mit mehr Unterstützung gerechnet. Was hat das mit dir gemacht?
Ja, ich hätte mir mehr Unterstützung gewünscht. Aus meiner Arbeit als Sozialarbeiter weiß ich aber, dass es viel Zeit und Engagement braucht, Menschen zu stärken und zu mehr Beteiligung zu ermutigen. Für mich heißt das, dass wir noch mehr tun müssen, um unsere Community auf die Reise mitzunehmen.
Was wollt ihr mit der Kampagne möglich machen?
Der Club ist voll, das Programm funktioniert. Aber drumherum fallen viele Kosten an. Neben dem normalen Clubbetrieb kommen gerade viele finanzielle und bürokratische Belastungen zusammen, die man als Gast nicht unbedingt mitbekommt. In der Nacht kommen viele zu mir und fragen: Was ist denn los bei euch? Ich dachte, euch geht es gut. Deshalb müssen wir erklären, was hinter den Kulissen passiert. Der Clubbetrieb geht weiter.
Die festgestellten baulichen Mängel sind bereits behoben. Was jetzt noch viel Geld kostet, sind die Planungen, Gutachten und Prüfungen für ein übergeordnetes Brandschutzkonzept. Ob dafür weitere bauliche Maßnahmen nötig werden, wird noch geprüft. Das erste Kampagnenziel haben wir schon erreicht. Es deckt aber nur einen kleinen Teil dessen ab, was bereits in die notwendigen Maßnahmen geflossen ist. Jeder weitere Euro hilft uns, den Mauerpfeiffer langfristig zu sichern und weiterzumachen. Die offenen Etappenziele zeigen, welche konkreten Schritte wir damit finanzieren können. Das letzte Ziel, 400.000 €, fühlt sich zwar etwas utopisch an. Aber man wird ja noch träumen dürfen. Es geht auch darum, zu zeigen, was insgesamt möglich wird, wenn wir als Community zusammenkommen.
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Weiterer Dancefloor im Mauerpfeiffer, Fotocredit: Mauerpfeiffer
Was gemeinsam wächst
Mit dem Kampagnenmotto „SeiWir“ ladet ihr die Community zum Mitmachen ein. Wie sieht das aus?
Wir haben ganz unterschiedliche Dankeschöns, mit denen sich die Community einbringen kann. In unserem Garten kann man zum Beispiel eine Zaunlatte oder einen Balken auswählen und selbst künstlerisch gestalten. So wird man im wahrsten Sinne des Wortes Teil des Gebäudes.
Ein größeres Dankeschön ist der Crowdfloor: Dabei kann man gemeinsam mit dem eigenen Freundeskreis einen Floor mieten und die DJs für einen Abend selbst zusammenstellen. Für viele ist es ein Traum, einmal bei uns zu spielen. Bei der letzten Startnext-Aktion habe ich das selbst mit Freunden gemacht, gemeinsam Geld gesammelt und eine Party veranstaltet. Und wer gerade kein Geld hat, kann die Kampagne trotzdem unterstützen – zum Beispiel, indem man auf Social Media ein Video mit dem Slogan „SeiWir“ macht und so der Kampagne Sichtbarkeit gibt.
Wie gestaltet ihr die Kampagne gemeinsam?
An der Kampagne wirken viele Menschen mit. Unser Resident-Kollege Simon hat sich um den Sampler gekümmert und die DJs angeschrieben. Ein anderer DJ-Kollege hat sich bereit erklärt, alles kostenlos zu mastern. Auch unser Grafiker bringt sich in seiner Freizeit ein. Ohne dieses Engagement würde es so nicht laufen.
Ich hätte die Kampagne gern früher gestartet. Die Vorbereitung hat länger gedauert, aber im Endeffekt war es gut, dass wir uns die Zeit genommen haben: Die Kampagne ist dadurch qualitativ besser geworden. Trotzdem finde ich es wichtig, ins Machen zu kommen.
Wir merken selbst: Viele Promo-Ideen entstehen erst unterwegs. Deshalb ist es für uns vielleicht auch ganz gut, dass die Kampagne noch eine Weile läuft. Wir stecken viel Zeit hinein, und bis das Ganze wächst und ins Rollen kommt, braucht es vielleicht diese Zeit.
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Team-Weihnachtsessen im Mauerpfeiffer, Fotocredit: Mauerpfeiffer
Was plant ihr als Nächstes für die Kampagne?
Wir wollen die Kampagne für unsere Community sichtbarer machen und unsere DJs stärker einbinden. Zum Geburtstag der UBar am 7. November würden wir gern noch einmal eine Aktion starten. Ich hoffe, dass das klappt. Schön wäre, wenn wir dann schon Prototypen der Dankeschöns zeigen könnten. Ich glaube, es ist für viele nahbarer, wenn sie etwas anfassen und konkret vor Augen haben können.
Und was würdest du selbst im Mauerpfeiffer gern noch auf die Beine stellen?
Ein Traum wäre für mich auch ein Döll-Konzert im Mauerpfeiffer. Bevor ich Techno gelebt habe, habe ich Hip-Hop gelebt. Eine Hip-Hop-Jam oder ab und zu ein Konzert wäre etwas, worauf ich Lust hätte. Aber das sind erst einmal Ideen und Wünsche.
Links zum Interview:
Hier geht’s zur Kampagne „Sei wir!“ auf Startnext.
🎧 Zum Weiterhören: Hier geht’s zum Startnext-Podcast Funding Fieber und zur Folge mit Harald Welzer.
Die Kampagne von Döll aus dem Frühsommer 2026: Ich bleib dabei.