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Die Beobachtung des Denkens
Wir wollen, mit Hilfe der Methode der Selbstbeobachtung, die konkreten Denkprozesse und alles was damit zusammenhängt, das ganze Gebiet innerhalb unseres Bewusstseins, mit dem Denken als Zentrum, erforschen.
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19.10.2016

Was bedeutet es empirisch zu forschen?

Wilhelm Humerez
Wilhelm Humerez10 min Lesezeit

(Dieser Artikel wurde von Merijn Fagard verfasst) Wenn ich eine Maschine sehe, z.B.. eine Uhr, kann ich mich fragen: Wie arbeitet diese denn? Was bewegt die Zeiger? Was macht, dass der eine Zeiger schnell, der andere sich träger bewegt und dass das Verhältnis dieser beiden Geschwindigkeiten zueinander konstant ist? Wieso bewegen auch die Zeiger sich derart regelmäßig, dass die Zeit dadurch mit Hilfe von einer uniformen Zeiteinheit gemessen werden kann? Diese und andere Fragen ist derjenige geneigt zu stellen, der sich unbefangen eine Uhr anschaut.

Um diese Fragen beantworten zu können, muss ich forschen. Was ist das aber, dieses Forschen? Was muss ich tun, um zu forschen? Und vor allem, wie muss ich forschen, wenn ich die richtige Antwort auf meine Fragen, als Ergebnis meiner Forschung, erhalten will?

Ich möchte hier zwei Möglichkeiten beschreiben. Dabei gehe ich davon aus, dass die Uhr nicht durchsichtig ist. Es ist also unmöglich zu sehen was sich hinter der Anzeige der Uhr befindet, wenn man sie nicht öffnet. Dies ist die Ausgangssituation.

Jetzt kann ich versuchen, durch reines Denken zu erschließen wie die Uhr beschaffen sein müsste, um uns das Ergebnis liefern zu können, das sie uns liefert: die Zeiger die auf die oben geschilderte Weise den Verlauf der Zeit messen. Ich öffne die Uhr nicht, schaue nicht hinter die Anzeige, sondern wende meinen inneren Blick auf die Ideen und versuche dabei diejenige Ideen zu finden, die erklären können wieso die Uhr läuft wie sie läuft.

Obwohl es vielleicht nicht unmöglich ist, auf diese Weise heraus zu finden wie die Uhr funktioniert, ist die Chance doch eher groß, dass man nicht zu sicheren Erkenntnissen gelangen wird. Im besten Falle wird man einige Hypothesen finden können, die alle erklären können warum die Uhr derart genau die Zeit messen kann, ohne dabei aber entscheiden zu können welche dabei wirklich zutrifft. Es gibt natürlich Gebiete wo es möglich ist, durch reines Denken die Lösung für ein Problem zu finden. Nämlich diejenige Gebiete wo der Stoff selber, den ich zu erkennen versuche, rein ideeller Art ist. Die Mathematik, die Logik sind solche Gebiete. Die Uhr ist aber nicht nur Idee. Sie ist auch ein materielles, ein sinnliches Ding, das ich mit Augen und Ohren wahrnehme.

Eine andere Methode, die Arbeitsweise der Uhr zu entdecken, ist diejenige, wo ich die Uhr aufmache, um auf diese Weise das Innere dieser Maschine beobachten zu können. Dies aber nicht ohne dabei mein Denken zu verlassen. Mein Denken wird jetzt aber nicht nur geführt von den Gedanken, die ich innerlich über die Uhr entwickele, sondern auch von den zahlreichen äußeren Wahrnehmungen, die ich bekomme wenn ich die Uhr aufmache und möglichst viele von meine Sinne darauf anwende. Jetzt beobachte ich das Innere der Uhr denkend. Es ist klar, dass diese Forschungsweise mich viel sicherer zu den richtigen Antworten auf meine Fragen führen kann. Denn die Wahrnehmungsinhalte die meine äußeren Sinnen mir jetzt liefern, die zahlreiche kleine "Informationsbruchstücke" die ich auf diese Weise erhalte, werden meinem Denken erlauben sich ziemlich schnell zu konzentrieren auf diejenige Gedanken, die wirklich zutreffend sind. Die viele Erklärungsmöglichkeiten die es vorher noch gab, werden - im Idealfall - zurückgebracht auf nur eine. Die Eine sollte ich eigentlich sagen, nämlich diejenige Einzige, die erklärt wie genau diese konkrete Uhr, welche ich sehe, arbeitet. Hier wird kein reines Denken mehr betätigt, im Sinne von einem Denken, das sich nur orientiert an seinem rein ideellen Inhalte, sondern ein Denken, das offen ist für dasjenige was die Sinnen liefern, das sich sogar auch bestimmen lässt von Inhalten, die von den äußere Sinne stammen.

Dabei geht es natürlich darum, das von Ideen getragene Denken nicht los zu lassen. Dieses Denken wird nur nicht mehr ausschliesslich durch Ideen geleitet. Ich erinnere mich noch - und deshalb hier auch dieses Beispiel der Uhr - wie ich als Kind verschiedene Uhren demontiert - sagen wir ruhig: zerstört - habe aus reiner Frustration, weil damals mein Denken zu ungeduldig, zu unzulänglich, zu unerfahren war, um dadurch, dass ich die Uhr öffnete und hinein schaute, ihre Wirkung heraus finden zu können. Einige Ahnungen hat mir dies natürlich wohl geliefert, aber wie genau das alles arbeitete, das blieb mir doch, trotz dieses Hineinschauen, auch dann ein Rätsel wenn ich nur noch die "leblosen" Teile vor mir hatte. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an das traurige Gefühl, welches ich dann immer hatte, wenn meine Erkenntniswut wieder mal auf diese Weise gescheitert war. Moral dieser Geschichte ist also, dass es bei empirischer Forschung nicht darum gehen kann, bei einer Begebenheit oder Tatsache nur meine äußere Sinne "sprechen" zu lassen, sondern auch darum, gleichzeitig oder in eine Wechselwirkung mit demjenigen was mir die Sinne liefern, auch mein Denken sachgemäß "sprechen" zu lassen. Hätte das Kind, das ich damals war, dieses gewusst, dann hätte es nicht die Uhr derart fieberhaft auseinandergenommen - ohne nachher daraus gelernt zu haben wie sie wieder hergestellt werden könnte -, sondern dann hätte es ganz vorsichtig die Uhr aufgemacht, richtig beobachtet was es dort zu beobachten gibt, einige Begriffe und Gedanken dazu entwickelt, diese getestet durch kleine, vorsichtige Versuche. Z.B.. der Versuch das Schwungrad, an welches ich mich noch erinnern kann und das mich damals sehr faszinierte, mal kurz zu blockieren, um dann richtig zu beobachten was davon die Folgen sind. Wäre ich auf diese Weise vorgegangen, dann hätte ich vielleicht sogar herausfinden können wie genau die Uhr arbeitet, ohne sie auseinander zu nehmen oder das auf jeden Fall auf eine Weise zu tun, die mich nachher erlauben würde, sie auch wieder her zu stellen. Ich werde aber nicht verweilen bei diesem Reuegefühle über das Verhalten eines Kindes, sondern versuchen froh zu sein, weil diese Erfahrung mir jetzt erlaubt, zu illustrieren wie empirisches Erkennen genau arbeitet.

Der menschliche Geist ist keine Uhr. Sogar kein Rechner, obwohl diese Metapher oft benutzt wird, um populär und sogar wissenschaftlich die Arbeitsweise unseres Gehirns zu erklären. Der menschliche Geist ist auch nicht das gleiche wie das Gehirn. Aber wie arbeitet denn unseren Geist? Wie entstehen in uns die Gedanken? Was ist denken, wahrnehmen, sich etwas vorstellen, sich an etwas erinnern, eine Entscheidung treffen, ein Gefühl haben, ... ? Zusammengefasst: Was sind die psychischen Phänomenen? Wie arbeiten sie? Was erleben wir, wenn wir sie "haben"?

Es ist dabei möglich, zu versuchen diese Fragen zu beantworten, ohne sich informieren zu lassen von der eigenen, inneren Wahrnehmung. Es ist möglich darüber nachzudenken wie unseren Geist beschaffen sein müsste, um die Tatsache zu erklären, dass die Arbeit unseres Geistes uns oft doch befriedigende Erkenntnisse liefert über die Welt. Dies war, ganz salopp gesagt, Immanuel Kants Anliegen. Er versuchte, um es mit einen schwer verständlichen Terminus zu sagen, die Bedingungen der Möglichkeit unserer Erkenntnis durch reines Denken heraus zu finden, ohne dabei auf empirisch festgestellte Fakten zurück zu greifen. Diese Methode der Forschung nannte er die transzendentale Methode. Ähnlich so wie man versuchen könnte die Wirkung der Uhr zu erschließen durch ein Denken das sich nicht informieren lässt von dem Inneren der Uhr, versuchte er unser Erkennen zu erklären nur aufgrund eines Denkens, dass sich nicht informieren lässt von den Ergebnisse der inneren Wahrnehmung und Beobachtung.

Erst später ist Kritik (u.a.. von Johannes Volkelt und Carl Stumpf) an Kants Vorgehensweise formuliert worden. Diese hoben hervor, dass es doch möglich sei die inneren Prozesse unseres Geistes durch innere Beobachtung zu betrachten. Und auf diese Weise unser Denken über diese Prozesse nicht nur durch die Gedanken bestimmen zu lassen, die wir darüber entwickeln, sondern diese Gedankenbildung auch bestimmen zu lassen von den Ergebnissen der inneren Wahrnehmung. Dies bedeutet eigentlich "das empirisch machen" der Psychologie. Sie ist nicht mehr ein rein spekulatives Denken über Tatsachen die man dabei nicht wahrnimmt und beobachtet, sondern eine von dem inneren Wahrnehmen und Beobachten geleitetes, erkennendes Denken. Steiner nennt dieses erkennende Denken, wenn es sich richtet auf sich selbst, die denkende Betrachtung, bzw. die Beobachtung des Denkens. Jetzt wird es möglich psychologische Experimente durchzuführen, dass heißt, ganz vorsichtig und sorgfältig die verschiedenen Aspekte und Funktionen unseres Geisteslebens zu differenzieren und bis ins Einzelne gehend ganz sicher zu beschreiben. Ähnlich so wie es möglich ist die Uhr ganz vorsichtig zu öffnen und ihr Inneres vernünftig zu betrachten.

Dies ist, ein bisschen essayistisch dargestellt, eine Darstellung von dem was es bedeutet, empirisch zu forschen. Diese Wende zum Empirischen hin, das heißt zu einem erkennenden Denken, welches sich von der (inneren und äußeren) sinnliche Wahrnehmung und Beobachtung informieren und leiten lässt, statt sich nur von den Ideen leiten zu lassen und trotzdem über die verschiedene Wahrnehmungswelten etwas aus zu sagen, hat angefangen im 16. Jahrhundert mit dem Entstehen der modernen Naturwissenschaft. Man fing an nicht nur über die verschiedene Naturphänomene zu denken, sondern dieses Denken sich orientieren zu lassen an den Inhalten der sinnlichen Wahrnehmung, die man dann auch aktiv zu suchen, zu sammeln, zu kategorisieren anfing. Auch das Experiment entstand dabei. Weil dies so ist und weil dann Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhundert diese Wende zum Empirischen hin auch in die Psychologie Eingang fand, war Steiner imstande seine Methode der "seelischen Beobachtung" explizit als eine naturwissenschaftliche zu bezeichnen. Er positionierte seine philosophische Arbeiten damit in dieser relativ neue Strömung der empirischen Wissenschaft, statt sich darauf zu beschränken auf Grund von logischem Schlussfolgern und überlieferten Traditionen zu philosophieren. Sein Philosophieren wird geleitet von der äußeren und inneren Wahrnehmung, seine Erkenntnistheorie ist nicht weltfremd, sondern fragt, was Erkennen wirklich ist. Das heißt: Was erleben wir, wenn wir dieses Erkennen betätigen? Durch (innere) Beobachtung versucht er den Erkenntnisprozess zu beschreiben. Klar, dass er dabei auch denkt. Denn sonst würde sein Philosophieren das Äquivalent sein der zerstörerischen Erkenntniswut meines damaligen, kindlichen Versuches, die Wirkung der Uhr zu erkennen. Er nennt aber das Denken über das Denken und Erkennen auch ganz explizit ein Beobachten, weil es hier ein Denken betrifft, welches sich gerne leiten lässt von den Wahrnehmungen. Weil es sonst keinen Halt findet, um sich mit Sicherheit zu der richtigen Erkenntnis bewegen zu können. Die Aufgabe für ein offenes Denken, nämlich sich selbst zu erkennen, wird viel viel leichter wenn es sich an alle diejenige Erkenntnisquellen wenden darf die es gibt, und nicht nur hin zu den logisch-ideellen. Die psychologischen Quellen sind dabei genau so wichtig.

Steiner war nicht der einzige, der auf diese Weise empirisch psychologisch geforscht hat. Wie oben bereits erwähnt gibt es auch noch anderen. Franz Brentano, Johannes Volkelt, Carl Stumpf, Wilhelm Dilthey, William James, Oswald Külpe, Karl Bühler, ... sind dabei nur einige wichtige Namen. Natürlich ist es so, dass diese Forscher nicht, wie Steiner, auch eine Anthroposophie entwickelt haben. Aber das Feld, wo Steiner anfängt mit seine Anthroposophie, haben sie auch bearbeitet. Deshalb ist es gar nicht abwegig, wenn man sich um die wissenschaftliche Begründung der Anthroposophie bemüht, als Anthroposoph von diese Forschern lernen zu wollen. Wenn es eine Veranlagung zum Schauen gibt als Eigenschaft der menschlichen Psyche, wie Steiner dies doch behauptet, dann kann diese nirgendwo anders als auf dem Felde gefunden werden, wo diese Philosophen und Psychologen geforscht haben. Aber auch dann, wenn es diese Veranlagung nicht gäbe (und Steiner also nicht Recht hätte, was durchaus nicht ausgeschlossen werden darf), würde es doch noch sehr sinnvoll sein auf diesem Felde empirisch zu forschen, weil es hier doch eine Erfahrungswelt betrifft, die neben den anderen Erfahrungswelten, die es gibt und die wir erforschen können und wollen, steht. Darüber hinaus geht es hier um eine sehr grundlegende und besondere Erfahrungswelt, nämlich die des menschliche Erkennens. Die empirische Erkenntnis dieses Erkennens ist damit nicht nur die notwendige Voraussetzung für jedes Erkennen, sondern auch ein Stück Selbsterkenntnis, welches uns aufklärt über das Wesen, das wir selber sind und die Entwicklungsmöglichkeiten die wir haben.

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