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Projekte / Film / Video
Dokumentarfilm: Algo mío - Argentiniens geraubte Kinder
30 Jahre nach dem Ende der argentinischen Diktatur tauchen immer noch Opfer auf: Kinder von damals Verfolgten, die bei Militärfamilien aufwuchsen und nun ihre wahre Identität entdecken. Mit eurer Unterstützung wollen wir die Schicksale von zwei geraubten "Kindern" zeigen - und von ihrer Schwierigkeit erzählen, ein neues Leben anzunehmen. +++ para ver versión español clicar este enlace: www.startnext.de/en/geraubte-kinder +++
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Projekt erfolgreich
02.11.15, 23:55 Regina Mennig

Noch bis Dezember 2015 werden wir uns mit Cutter Ivan Morales jr. im Schnittraum in Köln verschanzen und streng darauf bedacht sein, dass bis zur Filmpremiere nichts mehr nach außen dringt... Nur eine exklusive Ausnahme machen wir noch - und zwar mit diesem Interview, in dem Ivan eine Runde Klartext spricht: Warum ihn "Algo mío" so packt, und warum sich unser ungewöhnlicher Filmproduktionsstil auf der Leinwand widerspiegeln wird.

Ivan, wir haben dich nach unserer ersten Drehphase in Argentinien 2013 getroffen, dir einen kleinen Teil unseres gedrehten Materials gezeigt - und du hast sehr schnell zugesagt, dass du den Film mit uns schneiden möchtest. Was reizt dich an der Geschichte von "Algo mío"?

Ivan: Beim Blick in euer Rohmaterial war ich total betroffen davon, was in den Gerichtsprozessen gegen die Zieheltern der geraubten Kinder vor sich geht. Vor allem Hilarios Aussagen vor Gericht haben mich sehr berührt, mir sind die Tränen gekommen - und so etwas passiert nicht oft, wenn man Rohmaterial ansieht. Dass mich die Geschichte schon derart gepackt hat, als sie noch überhaupt nicht dramaturgisch entwickelt war, das war für mich ein starker Grund zu sagen: Daraus einen Film zu schneiden interessiert mich auf jeden Fall!

Ich habe dabei auch immer wieder mein Heimatland Brasilien im Hinterkopf. Dort spricht man sehr wenig über die Zeit der Militärdiktatur und wenn, dann aus einer historischen Sicht. Aber die Ereignisse werden nicht von so persönlichen Standpunkten aus erzählt wie in "Algo mío" - jedenfalls ist das mein Eindruck von Brasilien. In Argentinien gibt es eine viel stärkere Kultur des Demonstrierens, das haben wir in Brasilien nicht. Eine so energische Organisation wie die Großmütter der Plaza de Mayo, das kann man sich bei uns kaum vorstellen. Was die Argentinier in Sachen Aufarbeitung geschafft haben, fängt in Brasilien eigentlich gerade erst an.

Du hast ja schon öfters schmunzelnd gemeint, dass wir mit unserem Film sehr unkonventionell unterwegs sind. Kannst du für unser künftiges Filmpublikum kurz erklären, was du damit meinst?

Ivan: Hier in Deutschland gibt es einen "normalen" Ablauf, wie man einen Film macht: Man hat eine Themenidee, damit bewirbt man sich bei der Redaktion eines Senders oder bei einer Filmproduktionsfirma, man bemüht sich vielleicht um Filmförderung, organisiert den Dreh, sucht später einen Verleih... Ihr habt das alles anders gemacht. Ihr habt zuallererst gedreht und danach für eure Geschichte finanzielle Unterstützung gesucht, über Crowdfunding und die Filmstiftung NRW - zwischendurch habt ihr auch argentinische Chorizos auf einem Festival verkauft, um euer Budget aufzubessern.

Dass ihr das alles so anders gemacht habt - also ohne großen Sender oder Produzenten, die euch sagen, was ihr machen oder liefern sollt -, das wird sich im Film widerspiegeln: Ich denke, es wird kein vorhersehbarer Film. Bei vielen Filmen, die auf herkömmliche Art produziert werden, stehen noch andere Dinge als die "pure Geschichte" im Hintergrund: Redakteure und Produzenten blicken auch auf den Markt, auf ein potenzielles Publikum - sie beobachten, was gerade gut läuft. Bei euch ist die Priorität nicht, was das Publikum braucht, sondern das, was der Film braucht, was die Geschichte braucht, um gut erzählt zu werden.

Was sind für dich die Herausforderungen beim Schnitt von "Algo mío"?

Ivan: Was ich schwierig, aber gleichzeitig sehr spannend finde ist, eine Balance zu finden zwischen den beiden Protagonisten Catalina und Hilario und ihren unterschiedlichen Sichtweisen auf das, was mit ihnen passiert - also nicht zu der einen oder anderen Seite zu tendieren. Beim Sichten des Materials hatten wir sehr widersprüchliche Gefühle gegenüber den Protagonisten: Manchmal kann man sich total in sie hineinversetzen, zwischendurch denkt man wieder: Wie kann er das nur sagen - oder warum reagiert sie so?! Jetzt, im Prozess des Filmschnitts, geht es darum, dass wir diese Ambivalenz weitergeben ans Publikum. Es gibt kein klares Bild von Gut und Böse - die Zuschauer sollen erkennen, wie komplex das Thema eigentlich ist. Das gilt auch in Bezug auf die argentinische Politik und wie sie die Aufarbeitung der Diktaturverbrechen in den letzten Jahren angegangen ist: Der Film soll grundsätzlich keine Kritik daran sein, aber eben auch kein Lob.

Bereits die Geburt ist der Moment, in der das Schicksal unserer Protagonisten eine schlimme Wendung nimmt. Du selber bist gerade Papa geworden. Hat sich dadurch dein Blick auf das, was den Protagonisten in unserem Film widerfahren ist, nochmal etwas verändert?

Ivan: Seit mein Sohn auf die Welt gekommen ist, hat sich in vielen Dingen mein Blick auf die Welt verändert - und ja, auch in Bezug auf den Film. Ich hatte vorher schon viel Zuneigung für die Protagonisten Hilario und Catalina. Aber wenn ich mir jetzt noch einmal bewusst mache, was in ihrem Leben passiert ist - während der Schwangerschaft ihrer Mütter, wie sie auf die Welt gekommen sind -, dann empfinde ich noch viel mehr Zuneigung und denke: Wie stark sind diese Menschen, dass sie das alles überlebt haben. Es ist genau so, wie Catalina an einer Stelle des Films sagt: Man muss sehr stark sein und sich selbst im Grunde sehr lieben, um das zu überleben.

Ivan Morales jr. arbeitet als freier Cutter für Dokumentar- und Spielfilmproduktionen sowie fürs Fernsehen, hauptsächlich für den WDR. Nach dem Filmstudium in seinem Heimatland Brasilien und Stationen an der renommierten Filmschule Escuela Internacional de Cine y Televisión in Kuba und dem Talent Campus der Berlinale kam er an die Filmhochschule KHM in Köln - und dort haben wir, Jenny und Regina, ihn 2013 kennen gelernt.